KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1971


Inhalt


Abhandlungen

Meltzer, Allan H.
Die Wiederherstellung vernünftiger ökonomischer Rahmenbedingungen

Schwarz, Bernhard
Entwicklungstendenzen des Finanz- und Kreditsystems der europäischen sozialistischen Staaten

Mülhaupt, Ludwig und Küllner, Hermann
Probleme der Entscheidungsfindung im Bankbetrieb


Berichte

Gal, Michael
Erfahrungen der Schweiz mit der Kreditplafondierung


Buchbesprechungen

Friedman, Milton und Jacobson Schwartz, Anna
Monetary Statistics of the United States – Estimates, Sources, Methods
(Manfred J. M. Neumann)

Recktenwald, Horst Claus (Hrsg.)
Nutzen-Kosten-Analyse und Programmbudget, Grundlage staatlicher Entscheidung und Planung
(Jürgen Pätz)

Pawar, Anil
Kursdeterminanten deutscher Aktien
(Manfred Steyer)

Claassen, Emil-Maria
Probleme der Geldtheorie
(D. Johannes Jüttner)


Zusammenfassungen

Meltzer, Allan H.
„Die Wiederherstellung vernünftiger ökonomischer Rahmenbedingungen“

Wenn wir eine Wiederherstellung vernünftiger ökonomischer - und das impliziert definitionsgemäß politischer und sozialer - Umweltbedingungen erreichen wollen, scheint ein Punkt klar zu sein. Für die meisten sozialen Kontroversen, die uns entzweien, gibt es nicht nur eine einzige Lösung, die für alle Interessengruppen zufriedenstellend oder auch nur akzeptabel sein könnte. Bestimmte Probleme, wie z. B. Rassen-, Ausbildungs-, Wohlfahrts- und Armutsprobleme, haben eben nicht nur eine einzige für alle Interessengruppen annehmbare Lösung. Bei dieser Art von Problemen differieren Überzeugung, Einstellung und Neigung bedeutsam, und Lösungen, die für die eine Gruppe attraktiv sind, besitzen für die andere weniger Attraktivität. Diese Probleme erfordern nicht einmal eindeutige Lösungen. Die Problemlösungen, die ein Individuum möglicherweise finden kann, sind für dieses Individuum akzeptabel, befriedigend oder sogar erstrebenswert, nicht aber für seinen Nachbarn. In den letzten 40 Jahren haben wir Schritte zur Erreichung spezifischer sozialer Ziele unternommen. Wie wünschenswert das ursprüngliche Ziel, wie groß der anfängliche Vorteil, wie ernst das Ausgangsproblem auch immer gewesen sein mag, viele dieser Probleme sind nicht die Ursache der Instabilität und der Zufluchtsort für Gegner von Änderungen. Die staatlichen Behörden werden zu mächtigen Monopolisten, die unsere Fähigkeit zur Lösung von Tagesproblemen dadurch reduzieren, daß sie die Zahl brauchbarer Alternativen auf dem Entscheidungsgebiet einengen. Während dieser 40 Jahre haben wir für soziale und ökonomische Probleme Lösungen akzeptiert, die die Kontrolle und Macht von den Individuen zu staatlichen Institutionen verschoben haben. Die heutige Auswirkung dieser Verschiebung besteht in einer Erhöhung der Instabilität der Gesellschaft und in dem Erfordernis, angestrengt nach Lösungen zu suchen. Das wichtigste Mittel für die Wiederherstellung der ökonomischen und sozialen Gesundheit unserer Gesellschaft ist der Abbau der Monopolmacht staatlicher Behörden dadurch, daß der frühere Entwicklungsprozeß umgekehrt wird und das Feld der individuellen Wahlhandlungen vergrößert wird. Ich hoffe, meine Beispiele haben einige der Bereiche vorgeführt, in denen Fortschritte längst überfällig sind.

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Schwarz, Bernhard
„Entwicklungstendenzen des Finanz- und Kreditsystems der europäischen sozialistischen Staaten“

Im Prinzip können die Ergebnisse der Banktätigkeit in den sozialistischen Staaten, nämlich die Gestaltung der Depositen, der Kredite und des Bargeldumlaufs, als Folgeerscheinung der gesamten planmäßigen Wirtschaftslenkung als durch die Kredit- und Währungspolitik gesteuert betrachtet werden. Die tägliche Arbeit der Banken und besonders deren Kredit- und Geldumlaufabteilungen ist in erster Reihe auf die Analyse der Ergebnisse der Planerfüllung durch die Betriebe eingestellt und hat nicht viel gemeinsames mit der traditionellen Bankkreditgewährung. Das führt vor allem dazu, daß es im Bereich der kurzfristigen Kredite in der Regel keine Kreditverweigerungen gibt und fast alle diesbezüglichen Anträge der Betriebe berücksichtigt werden. Eine große Rolle spielen dabei in vielen sozialistischen Staaten die schon erwähnten, automatisch gewährten Kredite, die der Entstehung von Zahlungsstockungen entgegenwirken. In den meisten sozialistischen Staaten werden auch Sonderkredite gewährt, die im Falle von Zahlungsschwierigkeiten den Betrieben Mittel für Lohnzahlungen verschaffen. In einigen sozialistischen Staaten wurden die Banken ermächtigt, bei Kreditgewährung die Zinssätze in einem jeweils vorgegebenen Rahmen zu differenzieren. Diese Maßnahme soll die Betriebe dazu veranlassen, die bei ihrer Geschäftsführung auftretenden Mißerfolge (vorwiegend solche wie z. B. die Erzeugung von unabsetzbaren Waren, die Anhäufung von übermäßigen Beständen usw.) zu überwinden. Ihre Wirksamkeit hängt teilweise davon ab, inwiefern die Betriebe in dem betreffenden Wirtschaftssystem an der Rentabilität ihrer Wirtschaftstätigkeit interessiert sind. Viel größer ist die Rolle der Banken auf dem Gebiet der Finanzierung und Kreditierung der Investitionen. In vielen sozialistischen Staaten entscheidet das die Effizienz der Kapitalanlage betreffende Gutachten der Bank über deren Durchführung und über die Kreditgewährung. Das vorher Gesagte bezieht sich nicht auf Jugoslawien und Ungarn. In diesen Staaten bemüht man sich, Voraussetzungen für eine aktive Einwirkung der Kredit- und Währungspolitik auf die Wirtschaftsergebnisse zu schaffen. Dabei werden besonders in Jugoslawien die Erfahrungen der westlichen Banken genutzt - vor allem in Bezug auf die Rolle der zentralen Emissionsbank und der Geschäftsbanken. Die weitere Entwicklung des Finanz- und Kreditsystems der sozialistischen Staaten hängt davon ab, in weichem Maße sich die in ihnen stärker oder schwächer zum Vorschein kommenden Tendenzen zur stärkeren Berücksichtigung der Marktverhältnisse in der Volkswirtschaft und zur weiteren Dezentralisierung des Planungsverfahrens durchsetzen werden. Das ist, vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, in erster Linie von der Schaffung genügend großer wirtschaftlicher Reserven abhängig. Solche Reserven sind unentbehrlich, um die auf fast allen Gebieten der Volkswirtschaft herrschenden Spannungen zu überwinden, um marktwirtschaftliche Verhältnisse auch in den Produktionsmittelumsatz hineinzubringen, um eine tiefgehende Reform der Preisstruktur durchzuführen, um die Konvertibilität der Währungen zu erreichend und endlich um den Betrieben die Möglichkeit einer Geschäftsführung nach Kriterien der wirtschaftlichen Effizienz zu verschaffen. Es gibt die Möglichkeit, solche Reserven durch den stufenweisen Fortschritt auf dem Gebiet des Wirtschaftssystems und die hierdurch erzielte Beschleunigung der ökonomischen Entwicklung anzuhäufen. Zur Zeit wird in den meisten sozialistischen Staaten viel Wert darauf gelegt, eine solche Entwicklung in enger wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen den sozialistischen Staaten und gleichzeitig durch Ausweitung des Warenaustausches mit den westlichen Staaten zu erzielen.

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Mülhaupt, Ludwig und Küllner, Hermann
„Probleme der Entscheidungsfindung im Bankbetrieb“

Dieses Ziel konnten die bisher in der Praxis üblichen Dispositionsregeln nicht erfüllen. Sie konnten weder die ihnen aufgegebene Liquiditätssicherung gewährleisten, noch den anderen Zielgrößen, der Rentabilität und Sicherheit, gerecht werden. Dies resultiert daraus, daß das Liquiditätsproblem nicht isoliert, sondern nur im Zusammenhang mit der gesamten Aktivität einer Bank gesehen werden kann. Dazu bedarf es aber eines Gesamtplanungsmodells, in das alle konkurrierenden Zielgrößen eingehen. Dabei muß der Ungewißheit der Daten dadurch Rechnung getragen werden, daß die Präferenzfunktion, die Gewinn- und Risikoaspekte enthält, als Zielfunktion gewählt und durch Nebenbedingungen die Liquidität gesichert wird. Allerdings kann auch die Aussage eines Planungsmodells dem Bankleiter die Entscheidung selbst nicht abnehmen. Das Modell dient lediglich der Entscheidungsvorbereitung. Aber die Erarbeitung von Modellen zwingt dazu, die Zielsetzung klar zu formulieren, die möglichen Handlungsalternativen zu sammeln und die funktionalen Zusammenhänge im Bankbetrieb zu analysieren, um festzustellen, wie sich die einzelnen Handlungsmöglichkeiten im Aktiv- und Passivgeschäft auf das angestrebte Ziel auswirken. Von der Goldenen Bankregel in der engen, objektbezogenen Betrachtungsweise Hübners über die bereits durch das Bodensatztheorem erweiterte, gruppenbezogene Betrachtungsweise Wagners und die weiterführenden Gedanken von Knies und Stützel geht die Entwicklung von Entscheidungsregeln also dahin, umfassende Modelle zu formulieren, welche die Fragen nach der optimalen Gestaltung bankbetrieblicher Tätigkeit zu lösen vermögen.

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Berichte

Gal, Michael
„Erfahrungen der Schweiz mit der Kreditplafondierung“

Aus den Erfahrungen, die in der Schweiz mit dem System der Kreditplafondierung gesammelt wurden, lassen sich einige Schlußfolgerungen ziehen, von denen hier die wichtigsten erwähnt werden sollen. In der Schweiz wurde das Mittel der Kreditbegrenzung mit Ausnahme der Periode von 1964 - 1966 auf freiwilliger Basis angewendet. Da durch die Freiwilligkeit die jeder konjunkturpolitischen Dämpfungsmaßnahme inhärenten Schwächen "too little and too late" naturgemäß potenziert werden, vermögen die schweizerischen Beispiele die Wirksamkeit dieses Instrumentes bei autonomer Anwendung nur annäherungsweise zu zeigen. Grundsätzlich dürfte die Effizienz der autonom ergriffenen Kreditbegrenzung größer sein als die Wirksamkeit der auf freiwilliger Basis durchgeführten Kreditplafondierung. Hierbei ist jedoch die allgemeine Erfahrungstatsache zu berücksichtigen, wonach die Neigung bzw. der Zwang zur Umgehung mit steigender Wirksamkeit der konjunkturpolitischen Dämpfungsmaßnahmen überproportional zunimmt. Dieser Erfahrungstatsache ist im Zusammenhang mit dem hier behandelten Thema insofern eine erhöhte Bedeutung beizumessen, als im Bereich der Kreditbegrenzung die legalen und illegalen Umgehungsmöglichkeiten sowohl bei den Kreditnehmern wie auch bei den Kreditgebern besonders groß und zahlreich sind. Die Wirksamkeit der Kreditbegrenzung kann daher, selbst bei autonomer Anwendung, von einem bestimmten Punkt an nur gesteigert werden, wenn es gelingt, die Umgehungswege durch weitere direkte Eingriffe zu versperren. Die mit der Kreditbegrenzung operierende Währungsbehörde steht somit vor der mit der von akonformen Mitteln schicksalhaft verbundenen Alternative: verminderte Wirksamkeit oder erhöhter Dirigismus. Dabei wird die Entscheidung zugunsten einer verminderten Wirksamkeit teils durch die Angst vor einer Überdosierung, teils durch die Erkenntnis gefördert, daß sowohl eine allzu large Zulassung von Umgehungsmöglichkeiten wie auch eine allzu rigorose Versperrung der Umgehungswege in der Wirtschaftsstruktur erhebliche unkontrollierte Verzerrungen hervorrufen. Andererseits zeigen die schweizerischen Beispiele mit aller Deutlichkeit, daß die direkte Kreditbegrenzung beim heutigen Stand der Konjunkturstatistik und in einem kleinen, mit der Weltwirtschaft eng verbundenen Land kein konjunkturpolitisches Präzisionsinstrument ist. Der Grund hierfür liegt teils in der ungenügenden Transparenz der zwischen Bankkredit und den übrigen monetären Größen bestehenden Wechselbeziehungen, teils im Umstand, daß die Kreditplafondierung, der kontinentalen Buchungspraxis der Banken entsprechend, nicht auf den Kreditstrom, sondern auf den Kreditstand abstellt. Die konjunkturpolitische Brauchbarkeit der Kreditbegrenzung hängt somit in entscheidendem Maße vom Entwicklungsstand der Konjunkturstatistik, insbesondere der monetären Statistik, ab. Eine gründliche und laufende Analyse der Zusammenhänge zwischen Bankkredit einerseits und Nettokreditschöpfung, Liquiditätsneigung sowie inländischer Geldmenge andererseits würde die primäre Voraussetzung für die Wirksamkeitssteigerung der Kreditbegrenzung bilden. Dabei müßte die Verfügbarkeit der statistischen Daten auf das technische Minimum reduziert werden, damit die aus ihnen gewonnenen Resultate für die laufenden konjunkturpolitischen Entscheidungen als Grundlage dienen könnten. Solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind, tappt die Währungsbehörde bezüglich der effektiven Wirksamkeit der Kreditbegrenzung ebenso im Dunkeln wie beim Einsatz anderer geldpolitischer Mittel. Sie vermag deshalb mit diesem an sich sehr wirksamen Instrument die Konjunkturentwicklung nur tendenziell, nicht aber "nach Maß" zu beeinflussen. Ähnlich ist die Problematik bei der zweiten Unsicherheitsquelle gelagert. Durch den Umstand, daß sich die Kreditbegrenzung, statt am Kreditstrom, am Kreditstand orientiert, wird das für die laufende Wirtschaftstätigkeit relevante Volumen der zusätzlichen Kredite zu einer unbekannten monetären Größe. Werden beispielsweise in einer Periode alte Bankkredite im Betrage von 100 zurückbezahlt und zugleich neue Bankkredite im gleichen Umfang gewährt, erfährt der Kreditstand keine Änderung. Dieser Prozeß der Geldvernichtung und der darauffolgenden Geldschöpfung ist jedoch, abgesehen von der damit verbundenen Verbesserung der Liquiditätslage bzw. Erhöhung des Geldschöpfungspotentials der Banken, vom konjunkturpolitischen Standpunkt aus eminent wichtig, indem der neue Bankkredit zur Finanzierung der laufenden Wirtschaftstätigkeit dient, während die für die Kreditrückzahlung benötigten Mittel aus der Wirtschaftstätigkeit der vorangehenden Periode stammen. Da der Strom der Kreditrückzahlungen je nach Konjunkturlage, Zinsstruktur und Kreditart variiert, erfährt der Einfluß der auf den Kreditstand ausgerichteten Begrenzungsmaßnahme auf die laufende Wirtschaftstätigkeit entsprechende Änderungen. Über Größe und zeitliche Verteilung dieser Fluktuationen hat jedoch die Währungsbehörde nur vage Vorstellungen. Diese Unsicherheitsquelle könnte entweder durch die Erstellung einer Statistik über die Kreditrückzahlungen oder durch die Ausrichtung der Kreditplafondierung auf die Kreditzusagen, statt auf den Kreditstand, eliminiert bzw. vermindert werden.

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