KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1972


Inhalt


Abhandlungen

Oberhauser, Alois
Geldpolitik als Liquiditätspolitik. Ein Vorschlag zur Neugestaltung des geldpolitischen Instrumentariums

Ehrlicher, Werner
Die Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik im volkswirtschaftlichen Systemzusammenhang

Benston, George J.
The Optimal Banking Structure: Theory and Evidence from the United States


Buchbesprechungen

Willms, M.
Zinstheoretische Grundlagen der Geldpolitik
(Bernd Kitterer)

Büschgen, Hans E.
Das Universalbanksystem
(Michael Bitz)

Tew, Brian
International Monetary Cooperation 1945 - 1970
(Gerhard Graf)

Meiselmann, D.
Varieties of Monetary Experience
(Gerhard Graf)

Pohl, Rüdiger
Regionale Leistungsbilanzsalden in integrierten Wirtschaftsräumen
(Hans Pfisterer)


Zusammenfassungen

Oberhauser, Alois
“Geldpolitik als Liquiditätspolitik. Ein Vorschlag zur Neugestaltung des geldpolitischen Instrumentariums”

Die mangelnden Erfolge der Geldpolitik sind vor allem darauf zurückzuführen, daß die Zentralbank die Geldmenge nicht in der Hand hat, Geldmengenveränderungen sich weitgehend endogen vollziehen und das Instrumentarium zu sehr geldmengen- und zins- statt liquiditätsorientiert ist. Unter Liquidität des Geschäftsbankensystems ist dabei die Summe von Primär- und Sekundärliquidität zu verstehen, d. h. die Verfügbarkeit über Zentralbankgeld und solche Größen, die jederzeit in Zentralbankgeld umgewandelt werden können. Da in der Vergangenheit die Banken zumeist erhebliche Überschußliquidität besaßen, waren sie in der Lage, eine zusätzliche Geld- und Kreditnachfrage der Wirtschaftssubjekte auch gegen die Intentionen der Zentralbank zu befriedigen. Die Überschußliquidität ist zugleich ein wichtiger Erklärungsfaktor der in der Länge variierenden Time-Lags geldpolitischer Maßnahmen. Restriktiv eingesetzte Geldpolitik kann ihr Ziel somit nur erreichen, wenn es ihr gelingt, die Liquidität des privaten Bankensystems (und der Gesamtwirtschaft) in der erforderlichen Weise zu steuern und sie quantitativ zu begrenzen. Dazu bedarf es einer zieladäquateren Gestaltung des geldpolitischen Instrumentariums. Die derzeitigen Instrumente basieren auf unzulänglichen geldtheoretischen Vorstellungen, sind zu wenig aufeinander abgestimmt und z. T. ungeeignet. Es wird daher folgender Vorschlag zur Neugestaltung unterbreitet: Im Mittelpunkt des geldpolitischen Instrumentariums sollten einheitliche Refinanzierungskontingente für die Geschäftsbanken stehen; diese Kontingente treten an die Stelle der derzeitigen Rediskontkontingente, der Lombardkredite und der Rückgabemöglichkeiten von Geldmarktpapieren. Die Höhe der Kontingente und der Refinanzierungssatz bilden ein Doppelinstrument für die Zentralbank, das durch die Mindestreservepolitik ergänzt wird. Zur Feinabstimmung sollte die Offenmarktpolitik hinzukommen, die jedoch wegen des Fortfalls der Rückgabemöglichkeit von Geldmarktpapieren ihren Charakter ändern würde. Auch die finanziellen Beziehungen zwischen Staat und Zentralbank sind neu zu ordnen. An die Stelle von Kassenkrediten sollte die Möglichkeit zu Konjunkturkrediten treten. Auch die Gewinnverwendung der Bundesbank müßte in den Dienst der Geldpolitik gestellt werden. Zur Kontrolle der außenwirtschaftlich bedingten Einflüsse auf Zentralbankgeldmenge und Liquidität müssen verschiedene Instrumente eingesetzt werden. Die Auflösung von Auslandsguthaben und die Kreditnahme im Ausland durch die Banken können im Bedarfsfall auf die Refinanzierungskontingente angerechnet werden. Die Einlagen von Ausländern lassen sich hohen Mindestreserven unterwerfen. Um die Unzulänglichkeiten der Bardepotpflicht zu beseitigen und die Kapitalimporte zum Kauf inländischer Wertpapiere zu regulieren, können steuerliche Maßnahmen eingesetzt werden, die bei entsprechender Gestaltung in der Lage sind, selbst spekulative Devisenzuflüsse bei erwarteter Wechselkurserhöhung zu unterbinden. Eine vollständige Absicherung der außenwirtschaftlichen Flanke und eine Beseitigung fundamentaler Ungleichgewichte der Wechselkurse ist jedoch mit geldpolitischen Mitteln allein nicht möglich. Das skizzierte Instrumentarium ist weitgehend geschlossen und kompatibel mit der marktwirtschaftlichen Ordnung. Es beläßt dem privaten Bankensektor eine relativ hohe Elastizität und bedarf nicht des problematischen Mittels der Kreditplafondierung.

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Ehrlicher, Werner
“Die Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik im volkswirtschaftlichen Systemzusammenhang”

Seit der Weltwirtschaftskrise sind die Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik zu Instrumenten der volkswirtschaftlichen Globalsteuerung entwickelt worden. Als Zielstellung der allgemeinen Wirtschaftspolitik lösten sich dabei in schneller Folge Beschäftigung, Wachstum und Geldwert ab. Der in den einzelnen Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Gewicht und unterschiedlicher Betonung praktizierte Einsatz der Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik hat nicht verhindert, daß sich die Wirtschaftsentwicklung in - wenn auch gegenüber den früheren Konjunkturzyklen schwächeren - Schwankungen der realen Wirtschaftstätigkeit vollzogen hat. In einigen Ländern blieb dabei auch in Zeiten des Wirtschaftsaufstiegs eine unerwünscht hohe Arbeitslosigkeit erhalten. International zeigte sich eine von Zyklus zu Zyklus zunehmende Inflationsrate. In der Erklärung dieser Erscheinung weichen die Theorien der Post-Keynesianer und der Neoquantitätstheoretiker weit voneinander ab. Die Neoquantitätstheoretiker nehmen im allgemeinen nicht näher dazu Stellung, ob in unserer Wirtschaftsordnung Mechanismen angelegt sind, die einen zyklischen Verlauf begünstigen. Sie unterstreichen mehr, daß die Schwankungen im gegebenen Umfang das Ergebnis antizyklischer Prozeßpolitik sind, die wegen der ihr inhärenten Verzögerung Auf- und Abstiegsbewegungen übersteuert und damit die zyklische Bewegung in entscheidendem Maße trägt. Die Post-Keynesianer sind demgegenüber der Auffassung, daß die moderne Wirtschaft aufgrund der in ihr angelegten Akzelerationsmechanismen zu einem instabilen Verlauf neigt. Die Prozeßpolitik mildert die Schwankungen. Ihre Instrumente sind jedoch noch nicht hinreichend differenziert und werden noch unzulänglich gehandhabt, so daß die gegenwärtigen Schwankungen verbleiben. Der Inflationsprozeß wird von den Neoquantitätstheoretikern als Folge einer zu schnellen Expansion der Geldmenge erklärt, die von den zuständigen Instanzen zugelassen wird, um einen über der natürlichen Unterbeschäftigungsrate liegenden Beschäftigungsstand zu realisieren. Die Post-Keynesianer betonen demgegenüber, daß in der modernen Wirtschaft die Unternehmer eine gewisse Preissetzungsmacht, die Gewerkschaften eine gewisse Lohnsetzungsmacht erreicht haben. Der Kampf um die Einkommensverteilung führt unter diesen Bedingungen zu Inflationstendenzen, wenn er nicht durch die Einkommenspolitik gebremst wird, deren Instrumente jedoch bislang unzulänglich entwickelt sind. Die von den Neoquantitätstheoretikern angebotene Therapie geht dahin, den mehr oder weniger abrupten Wechsel von kontraktiver und expansiver Prozeßpolitik durch eine Politik stetiger Geldmengenexpansion abzulösen, die sich an den realen Wachstumsmöglichkeiten der Wirtschaft orientiert, und das Wachstum der Wirtschaft durch fiskalische Strukturpolitik zu fördern. Demgegenüber empfehlen die Post-Keynesianer, die Wachstumsschwankungen durch verfeinerte prozeßpolitische Maßnahmen weiter zu dämpfen und die Inflationstendenz durch Ausbau des einkommenspolitischen Instrumentariums in Grenzen zu halten. Die unterschiedlichen Rezepte sind letztlich darin angelegt, daß die kontroversen Theorien von unterschiedlichen Annahmen über die Einstellung der Menschen zum Geld ausgehen. Nach Vorstellung der Neoquantitätstheoretiker durchschauen die Wirtschaftssubjekte auf Dauer die Wirkungen der Geldentwertung und rechnen in Realgrößen. Damit setzen sich die natürlichen Gleichgewichtstendenzen durch und eine übermäßige Geldschöpfung kann sich nur in einer entsprechenden Inflationsrate niederschlagen. Die Post-Keynesianer unterstellen, daß der monetäre Sektor der Wirtschaft einen hohen Grad von Instabilität in dem Sinne hat, daß exogene monetäre Impulse durch Umschichtungen innerhalb dieses Sektors aufgefangen werden können, wie auch umgekehrt Umschichtungen innerhalb dieses Sektors monetäre Impulse auslösen können. Darin ist eine tendenzielle Instabilität des Wirtschaftsablaufs begründet, die durch Prozeßpolitik ausgeglichen werden muß.

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Benston, George J.
“Die optimale Struktur des Bankwesens: Theorie und Praxis in den Vereinigten Staaten”

Die optimale Struktur des Bankwesens wird dadurch gekennzeichnet, daß die Banken bei einem gegebenen Qualitätsgrad den Bankleistungswünschen der Öffentlichkeit zu den niedrigst möglichen Kosten gerecht werden. Gesamtwirtschaftlich bedeutet eine optimale Struktur, daß der Bedarf der Öffentlichkeit mit dem rationellsten Mittelaufwand befriedigt wird. Diese Kriterien werden durch eine auf Wettbewerb ausgerichtete Markt-Struktur, die frei von staatlichen Unterstützungen und Eingriffen sowie Sanktionen ist, erfüllt. Um ein optimales Funktionieren des Wettbewerbs auf den Märkten zu gewährleisten, müssen folgende Voraussetzungen gegeben sein: Eintritte in und Ausscheiden aus dem Markt (durch Fusionen, Übernahme oder Insolvenzen) sollten nicht beschränkt sein; Kartelle und Monopole darf es nicht geben. Um festzustellen, in welchem Ausmaß diese Bedingungen für das Bankwesen zutreffen, wurden in den Vereinigten Staaten empirische Untersuchungen angestellt. Zunächst wurden die Möglichkeiten von Einsparungen durch stärkeres Wachstum analysiert. Denn wenn das Bankwesen durch wesentliche und dauerhafte Kosteneinsparungen bei hohem Geschäftsvolumen charakterisiert wäre, so würde letztendlich bei freiem Wettbewerb nur eine Bank überleben. Eine Durchleuchtung von Analysen der Betriebskosten von Geschäftsbanken und Sparinstituten ergab statistisch zwar bedeutsam, aber umfangmäßig relativ unerhebliche Kostenersparnisse. Einer Leistungs-Steigerung von 100 % stand ein Kostenanstieg von 93 % gegenüber. Zwar schienen kleinere Banken weniger rationell als große Institute zu arbeiten, jedoch nahm der Kostenvorteil bei Wachstum sehr schnell ab. Trotz des Mangels, daß in den erwähnten Untersuchungen Großbanken nicht enthalten waren, geht aus den Analysen von Staaten wie z. B. Kalifornien hervor - dies wird durch praktische Erfahrungen gestützt -, daß ein freier Wettbewerb im oben definierten Sinne nicht zu einer Beherrschung des Marktes durch eine oder wenige sehr große Banken führen dürfte. Daraus wäre zu folgern, daß seitens der zuständigen Behörden Fusionen zumindest soweit genehmigt werden sollten, wie der Wettbewerb nur unwesentlich dadurch eingeschränkt wird. Dabei ist allerdings die Schwierigkeit zu bedenken, eine wirklich exakte Definition der Beurteilungskriterien zu geben. Behörden verwenden normalerweise nur das Konzentrationsverhältnis als Maßstab für die Intensität der Konkurrenz. Demgegenüber wird nicht in Betracht gezogen, in welchem Ausmaß eine größere Zahl von Banken oder eine geringere Machtstellung der einzelnen Bank am Markt mit größeren Vorteilen für die Allgemeinheit verbunden ist. Um dies festzustellen, wurden Untersuchungsergebnisse bezüglich der Konzentrationswirkungen auf Kreditzinsen, Gebühren für Dienstleistungen im Kontokorrentverkehr sowie Zinsen auf langfristige Einlagen analysiert. Fast alle Studien, die sich mit Kreditzinsen befassen, sind so wenig aussagekräftig, daß daraus keine Schlußfolgerungen gezogen werden können. Aus anderen, brauchbaren Untersuchungen ergibt sich, daß die Zinssätze für Darlehen in Gebieten, in denen nur wenige Kreditinstitute existieren oder die von einzelnen Banken beherrscht werden, etwas höher sind. Ebenso scheinen die Gebühren für Dienstleistungen im Kontokorrentverkehr höher und die Zinsen für langfristige Einlagen in der Tendenz niedriger zu liegen als in Regionen mit scharfer Konkurrenz. Doch reichen die bestehenden empirischen Untersuchungen keineswegs aus, um zwingende und allgemeingültige Aussagen treffen zu können. Infolge der unzulänglichen Daten fällt es Behörden relativ leicht, bis zu einem gewissen Grad durch Fusionen nicht beunruhigt zu sein, da sie davon ausgehen können, daß keine wesentliche Einschränkung des Wettbewerbs erfolgt. Zwecks Analyse der Vorteile einer seitens des Staates liberalen Fusionspolitik wurden in einem nächsten Schritt die Motivationen untersucht, die für Kreditinstitute maßgebend waren, sich mit anderen Banken zusammen zuschließen oder andere Institute zu erwerben. Dabei wurde deutlich, daß Kostenvorteile offenbar kein Grund für oder das Ergebnis von Fusionen bzw. den Erwerb von anderen Banken waren. Vielmehr schien das Hauptstreben darin zu liegen, dem Kundenkreis allgemein bessere Leistungen durch ein breiteres Sortiment an Kredit- und Dienstleistungen zu bieten. Aus Untersuchungen von Fusionen nicht untereinander konkurrierender Kreditinstitute sowie von Fusionen, die den Wettbewerb bei verschiedenen Kundengruppen unterschiedlich beeinflussen, ergab sich folgender Schluß: Fusionen wirken sich fühlbar nur auf lokale und kleinere Kunden aus. Fusionsverbote, die mit der möglichen Einschränkung des Wettbewerbs motiviert werden, beruhen gewöhnlich nicht auf zwingenden Argumenten. Eine bedeutsame Rolle für ein gutes Funktionieren von Märkten, auf denen Konkurrenz besteht, spielt der freie Zutritt. Es werden heutzutage immer noch Zutrittsbeschränkungen in Erwägung gezogen. Während ökonomische Schranken als zu schwach angesehen werden, gelten dirigistische Maßnahmen als zutief greifend. Eine Analyse dieser Überlegungen zeigt, daß das Grundmotiv, das hinter den staatlichen Restriktionen, die den Zutritt zu den Bankmärkten regeln, steht, auf überkommenen Vorstellungen beruht. Die Furcht vor ruinösem Wettbewerb, vor zu vielen Banken und vor möglichen Insolvenzen ist nicht stichhaltig. Es kann im Gegenteil als erwiesen gelten, daß der Öffentlichkeit im Hinblick auf die Preise und die Quantität und Qualität der Dienstleistungen durch einen offenen Zugang zum Bankenmarkt durch neue Institute sehr gedient ist, ohne daß die Sicherheit der einzelnen Institute ernsthaft gefährdet ist. Um diesen Zustand zumindest aufrechtzuerhalten und ihn ggf. weiter anzubauen, sollte die Administration den Zugang neuer Banken erlauben und fördern, sei es durch Neugründungen oder durch Errichtung von Niederlassungen. Nur so kann eine optimale Versorgung der Öffentlichkeit mit Bankleistungen gewährleistet sein.

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