KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1973


Inhalt


Abhandlungen

Stucken, Rudolf
Notenbank und Banken

Ehrlicher, Werner
Zur Neuordnung des Instrumentariums der Deutschen Bundesbank

Monissen, Hans G.
Geldversorgung und Kreditpolitik: Kritische Anmerkungen zur monetären Konzeption von Claus Köhler

Ketterer, Karl H. und Pohl, Rüdiger
Das Konzept der potentialorientierten Kreditpolitik. Zu einem kritischen Aufsatz von H. G. Monissen

Gebauer, Wolfgang
Die Determinanten des Zinsniveaus in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Kommentar

Siebke, Jürgen und Willms, Manfred
Die Determinanten des Zinsniveaus in der Bundesrepublik Deutschland. Bemerkungen zu einem Kommentar


Berichte

Burchardt, Michael
Die Stellung der einzelnen Bankengruppen am deutschen Geldmarkt


Buchbesprechungen

Bauer, Ludwig
Leistungsveränderungen im Rahmen der Zielkonzeptionen öffentlich-rechtlicher deutscher Sparkassen
(Bernd Küppers)

Jüttner, J.
Zur Geldtheorie Don Patinkins
(Bernd Kitterer)


Zusammenfassungen

Stucken, Rudolf
„Notenbank und Banken“

Der Verfasser, der sich schon 1933 in der Deutschen Bankenquete um die Politik variabler Mindestreservesätze - damals ein neues notenbankpolitisches Instrument - bemüht hat, nimmt die jüngere Diskussion über die weitere Differenzierung dieses Instruments zum Anlaß, seine wiederholt geäußerte Sorge über die gegenwärtige deutsche Geldpolitik erneut vorzutragen. Er beantwortet die Frage, ob wir noch eine sinnvoll geordnete Geldwirtschaft haben, mit einem klaren Nein. Diese Antwort wird aus der These Walter Euckens abgeleitet, daß eine Wettbewerbswirtschaft mit individueller Freiheit des Verbrauchers, des Sparens und der Investition nur auf der Grundlage einer straffzentral geleiteten Geldpolitik funktionsfähig ist. Der Verfasser ist der Auffassung, daß die mangelnde geldwirtschaftliche Ordnung zu einer fortschreitenden Zerstörung unserer Wirtschaftsordnung führt. Obwohl er sich seit langem dafür einsetzt, daß die Notenbank das Recht zur Kreditplafondierung bekommen soll, ist er keineswegs der Meinung, daß unsere Geldordnung durch eine Verschärfung des notenbankpolitischen Instrumentariums wieder funktionsfähig gemacht werden soll. Die Banken müßten sich vielmehr als geldschöpfende Institutionen ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung bewußt werden und - statt die Geldpolitik der Notenbank zu konterkarieren - diese Politik unterstützen. Eine einheitliche Politik der Geldversorgung könne dadurch erreicht werden, daß sich entweder die Banken an Empfehlungen der Notenbank halten oder daß Notenbank und Geschäftsbanken über gentleman's-agreement in der Geld- und Bankpolitik kooperieren. Das Mittel der Kreditplafondierung soll gewissermaßen nur im Hintergrund vorhanden sein, um den Weg zu einem freiwilligen Konsens zu erleichtern. Der Verfasser ist der Auffassung, daß eine derartige Kooperation die einzige Alternative zu sehr einschneidenden dirigistischen Lösungen - wenn nicht sogar der Verstaatlichung des Banksystems - ist.

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Ehrlicher, Werner
„Zur Neuordnung des Instrumentariums der Deutschen Bundesbank“

Das Kreditvolumen der Geschäftsbanken stieg in der Bundesrepublik Deutschland auch bei schärferem und anhaltendem Kontraktionskurs der Bundesbank in zurückliegenden Restriktionsperioden - und besonders im ersten halben Jahr 1973 - kräftig weiter an. Dies veranlaßte die Bundesbank, Ende vergangenen Jahres einen Vorschlag zur Erweiterung ihres Instrumentariums vorzulegen, der im vorstehenden Beitrag kritisch analysiert wird. Der Beitrag ist in drei Teile gegliedert. Als theoretische Grundlage wird im ersten Abschnitt die Geldschöpfungsmechanik erläutert, der zweite Teil befaßt sich mit den von der Bundesbank vorgeschlagenen Änderungen des notenbankpolitischen Instrumentariums, im dritten Teil werden diese Vorschläge kritisch analysiert.
1. In marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften ist das Banksystem in der Regel zweistufig aufgebaut. Die Notenbank stellt das Währungsgeld bereit, die Geschäftsbanken versorgen die Wirtschaft mit Kredit. Da die von den Geschäftsbanken gewährten Kredite zum Teil in Notenbankgeld abgefordert werden, kann die Notenbank durch ihre eigene Geldschöpfung - soweit sie diese zugänglich beherrscht - die gesamte Geld- und Kreditversorgung steuern. Die Geldschöpfung der Notenbank basiert auf drei Komponenten: der außenwirtschaftlichen, der fiskalischen und der Refinanzierungskomponente. Die Einflußmöglichkeiten einer Notenbank beschränken sich dabei in der Regel auf die Refinanzierungskomponente. Während ein Vorschlag des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung eine Verbesserung der Einflußmöglichkeiten auf die Refinanzierungskomponente durch verstärkten Einsatz der Offenmarktpolitik anstrebt, richtet sich der Vorschlag der Bundesbank nicht auf eine verbesserte Kontrolle der Entstehung von Zentralbankgeld, sondern auf die Verwendung von Zentralbankgeld.
2. Die von der Bundesbank vorgelegten Reformvorschläge lassen sich danach einteilen, ob Lücken im bisherigen Instrumentarium geschlossen oder verstärkte Eingriffsmöglichkeiten geschaffen werden sollen. Der Schließung von Lücken dient die Ausdehnung der Mindestreservepflicht auf bisher nicht betroffene Geschäfte oder Institute. Eine Verschärfung des Instrumentariums soll durch Erhöhung der Höchstsätze für die bisherigen Passiva-Reserven, durch Einführung einer Aktiva-Zuwachsrate und durch die Möglichkeit der Kreditplafondierung erreicht werden.
3. Die Instrumente werden unter den drei Beurteilungskriterien der Systematik des geldpolitischen Instrumentariums, der Effizienz und der Kompatibilität mit der marktwirtschaftlichen Ordnung geprüft. Die Untersuchung führt zu dem Ergebnis, daß die von der Bundesbank vorgeschlagene Verbesserung ihres Instrumentariums zwar eine effizientere Geldpolitik als bisher ermöglicht, jedoch hinsichtlich ihrer ordnungspolitischen Charakteristika kritisch zu beurteilen ist, da sie die Möglichkeit einer selektiven Investitionssteuerung zuläßt. Diese Feststellung führt zu der grundsätzlichen Frage, ob im Rahmen des bisherigen Verhältnisses von Notenbank und Geschäftsbanken die unerwünscht hohe Elastizität der Kreditversorgung überhaupt anders als durch Maßnahmen beseitigt werden kann, die über rein quantitative Wirkungen hinausgehen. Dies regt zu der Überlegung an, mit der der Aufsatz unter Hinweis auf den vorangehenden Beitrag von Rudolf Stucken schließt, ob das Verhältnis von Notenbank zu Kreditbanken nicht grundsätzlich überprüft werden sollte.

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Monissen, Hans G.
„Geldversorgung und Kreditpolitik: Kritische Anmerkungen zur monetären Konzeption von Claus Köhler“

Neuerliche intensive Beschäftigung mit monetären Problemstellungen hat zu einer bedeutenden Erweiterung unseres Wissens über die Verhaltensstrukturen des monetären Sektors, der Interaktion des monetären Sektors mit dem realen Sektor sowie den Konsequenzen stabilitätspolitischer Operationen der zentralen Instanzen geführt. Diese von einer kleinen Gruppe von amerikanischen Ökonomen (die sog. Monetaristen) vorgelegten Forschungsergebnisse wurden allerdings bisher im deutschen Sprachraum nur unvollständig bzw. ansatzweise rezipiert. Einige der wenigen Versuche in der Bundesrepublik, eine geschlossene geld- und kredittheoretische Konzeption zu entwickeln, ist in den letzten Jahren von Claus Köhler und seinen Mitarbeitern unternommen worden. Köhlers Konzeption, die im deutschen Sprachraum in starkem Maße popularisiert wurde, stellt sich indessen in bewußten Gegensatz zur monetaristischen Position. Dies und nicht zuletzt die Tatsache, daß Köhlers theoretischer Ansatz mehr und mehr zur Grundlage der Gutachtertätigkeit des Sachverständigenrates werden, rechtfertigen eine systematische kritische Evaluierung seiner Arbeiten und die seiner Schüler. Dieser Evaluierung wurde folgende Systematik zugrundegelegt:
1. Analyse der Struktur des monetären Sektors,
2. Transmission monetärer Impulse und
3. Wirkung geldpolitischer Maßnahmen.
Als Hauptmangel der Köhlerschen Arbeiten erwies sich das Fehlen eines preistheoretisch fundierten Gesamtmodells zur simultanen Erfassung von Geldmenge, Kreditvolumen und Struktur der kurz- und langfristigen Zinsraten, das in eindeutiger Weise die Transmission von Politikimpulsen erklärt. Anstelle dieses analytischen Rahmens finden wir eine große Anzahl von Anspielungen auf Modalitäten und Potentialitäten sowie assoziativ eingestreute, empirisch oft nicht zu haltende Aussagen, die häufig sogar an anderer Stelle wieder aufgehoben werden. Dieses Vorgehen gewährt dem Leser einen kaum noch zu akzeptierenden subjektiven Interpretationsspielraum.

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Ketterer, Karl H. und Pohl, Rüdiger
„Das Konzept der potentialorientierten Kreditpolitik. Zu einem kritischen Aufsatz von H. G. Monissen“

Der vorliegende Aufsatz nimmt Bezug auf eine von H. G. Monissen veröffentlichte kritische Stellungnahme zu den theoretischen Grundlagen der potentialorientierten Kreditpolitik, einer liquiditätstheoretischen Konzeption für die Zentralbankpolitik. Es wird gezeigt, daß die Monissen'sche Kritik aus einem theoretischen Ausschließlichkeitsanspruch zu erklären ist. Monissen postuliert, daß geldpolitische Maßnahmen via Einfluß auf Vermögensbestände und Vermögensstruktureffekte auf die nominale Gesamtnachfrage wirken, daß mithin Aussagen über Kausalitäten nur aus der Analyse eines Strukturmodells gewonnen werden können, das die Beziehung der einzelnen Vermögenspositionen untereinander und deren Verknüpfung mit den geldpolitischen Instrumenten beschreibt. Die potentialorientierte Kreditpolitik ist eine Konzeption, die der Zentralbank die Steuerung von Zahlungsströmen zuweist. Dahinter steht die Auffassung, daß Ströme leichter zu lenken sind als Vermögensbestände und daß die vorhandenen kreditpolitischen Instrumente überwiegend darauf angelegt sind, Geld- und Kreditströme zu beeinflussen. Zwischenziel der Zentralbankpolitik ist die Stromgröße Kreditgewährung, die unter Berücksichtigung der Dispositionen der Nichtbanken über die vorhandene Geldmenge die Höhe des Zahlungsvolumens determiniert, das seinerseits mit der nominalen Gesamtnachfrage verbunden ist. Das Konzept wird in komprimierter Form dargestellt. Im Systemzusammenhang abgehandelt zeigt sich, daß die Kritik Monissens nicht zu halten ist.

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Gebauer, Wolfgang
„Die Determinanten des Zinsniveaus in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Kommentar“

Die von Siebke und Willms ermittelten empirischen Ergebnisse über die Determinanten des Zinsniveaus in der Bundesrepublik sind im wesentlichen nicht haltbar. Zu diesem Urteil trägt nicht nur bei, daß die von den Autoren verwendete erweiterte Testgleichung wegen der Interdependenz der "unabhängigen" Variablen keine zuverlässige Isolierung eines Preiserwartungs-, Einkommens- und Liquiditätseffekts erlaubt. Auch die Schätzung der einzelnen Effekte selbst gibt Anlaß zu Kritik. So zeigen eigene Vergleichsrechnungen, daß sich der Preiserwartungseffekt bei dem von den Verfassern gewählten empirischen Vorgehen über eine deutlich längere Zeitspanne erstreckt. Die Überprüfung legt auch - in Übereinstimmung mit neueren Forschungsergebnissen - nahe, die von Siebke und Willms verwendete "adaptive Erwartungshypothese" als Näherungsgröße für die tatsächlichen Preiserwartungen abzulehnen. Theoretische und empirische Alternativen zur Berücksichtigung von Erwartungsgrößen sind vorhanden. Bei der Berechnung des Einkommenseffektes unterlassen es Siebke und Willms, eine zeitliche Wirkungsverzögerung zu beachten, obwohl sie in ihren theoretischen Ausführungen ausdrücklich auf den zeitlichen Aspekt hinweisen. Hinzu kommt, daß das verwendete nominale Bruttosozialprodukt eine Einkommens- und Preiskomponente besitzt und daher - angesichts der gleichzeitigen Schätzung eines Preiserwartungseffektes - zu keiner eindeutigen Aussage über den Einkommenseffekt allein herangezogen werden kann. Auch für den Liquiditätseffekt verzichten die Autoren auf eine Berechnung von time lags. Ihre vergleichenden Aussagen über die relative Bedeutung des Liquiditäts- wie auch des Einkommenseffekts im Zeitverlauf überzeugen daher nicht. Außerdem ist ihre Maßgröße für die Erfassung des Liquiditätseffekts, die nominale Geldmenge, empirisch und theoretisch angreifbar. Eigene Berechnungen, die eher auf einer Berücksichtigung der Verhältnisse in der Bundesrepublik aufbauen, bestätigen dies.

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Siebke, Jürgen und Willms, Manfred
„Die Determinanten des Zinsniveaus in der Bundesrepublik Deutschland. Bemerkungen zu einem Kommentar“

In dieser Studie wird aufgezeigt, daß sich die Kritik von Gebauer an der theoretisch empirischen Arbeit der Verfasser zur Bestimmung des Zinsniveaus in der Bundesrepublik im wesentlichen auf die Wiedergabe theoretisch nicht begründeter geldpolitischer Vorstellungen der Deutschen Bundesbank beschränkt. Da Gebauer keine eigene Hypothese über den Preiserwartungseffekt formuliert, kann seine Regressionsanalyse die Ergebnisse der Verfasser nicht widerlegen. Ebenso fallen seine empirischen Untersuchungen zum Liquiditätseffekt solange in die Kategorie des Regressionismus wie Gebauer kein widerspruchsfreies Modell für die Wirkung der Bankenliquidität vorlegt. Die Verfasser legen im Rahmen eines einfachen Kreditmarktmodells dar, daß die von Gebauer vorgeschlagenen freien Liquiditätsreserven im Gegensatz zu den von den Verfassern verwendeten Variablen wie Geldmenge und Kreditvolumen nicht zur Bestimmung des Liquiditätseffektes verwendet werden können. Anhand des gleichen Modells kann jedoch gezeigt werden, daß gemessen an den Vorzeichen der Richtungsänderungen die von Gebauer eingeführte bereinigte Zentralbankgeldreserve die gleichen Eigenschaften wie die Änderungen der Geldmenge aufweist.

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Berichte

Burchardt, Michael
„Die Stellung der einzelnen Bankengruppen am deutschen Geldmarkt“

Unter Geldmarkt wird hier der Handel von Zentralbankgeld zwischen Geschäftsbanken zum Zwecke des Liquiditätsausgleiches verstanden. Am täglichen Geldmarkthandel nehmen nur relativ wenige Institute teil. Ein großer Teil des täglichen Liquiditätsausgleichs wird im internen Geldverkehr über systemeigene Spitzeninstitute abgewickelt. Die unterschiedliche Stellung der einzelnen Bankengruppen am Geldmarkt ist auf unterschiedliche Liquiditätsverhältnisse und diese wiederum auf die verschiedenen Kunden- und Geschäftsstrukturen zurückzuführen. Die Geldmarktstellung ist durch zweierlei zu kennzeichnen: das Geldmarktengagement(Summe von Geldmarktforderungen und -verbindlichkeiten) und die Geldmarktposition (Saldo von Geldmarktforderungen und -verbindlichkeiten). Für das Geldmarktengagement ist das Ausmaß der Liquiditätsschwankungen, für die Geldmarktposition das Übergewicht einer Schwankungsrichtung maßgeblich. Je einseitiger die Kundenstruktur und je kurzfristiger die Geschäftsstruktur, desto tendenziell größer die Rolle einer Bankengruppe am Geldmarkt. Daneben sind aber auch gewisse Eigenheiten in den Liquiditätsverhältnissen sowie Besonderheiten der Liquiditätspolitik der Bankengruppen von Bedeutung. Größte Geldgeber am Geldmarkt sind der Sparkassensektor, die Realkreditinstitute und der Genossenschaftssektor. Überwiegend als Schuldner am Geldmarkt treten vor allem die Regionalbanken und die Privatbankiers häufig aber auch die Großbanken auf.

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