KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1973


Inhalt


Abhandlungen

Brunner, Karl
Credit-Market, Interest Rate and Three Types of Inflation

Vogl, Gerald und Woll, Artur
Der Einfluß von Geldsubstituten auf die Effizienz der Geldpolitik

Kath, Dietmar
Aktiva-Reserve und Offenmarktpolitik in kontroversen geldtheoretischen Konzepten


Berichte

Bryant, John
Housing and Housing Policies in Western Europe


Buchbesprechungen

Wai, U Tun
Financial Intermediaries and National Savings in Developing Countries
(Gerhard Jaeger)

Caspritz, Klaus
Debt Management als Instrument monetärer Stabilisierungspolitik
(Wolf-Albrecht Prautzsch)

Willgerodt, Hans und Domsch, Alexander und Hasse, Rolf und Merx, Volker unter Mitwirkung von Kellenbenz, Paul
Wege und Irrwege zur europäischen Währungsunion
(Hans Pfisterer)

Ungnade, Dieter
Die Zuverlässigkeit der staatlichen Einflussnahme auf den primären Rentenmarkt, speziell im Hinblick auf § 795 BGB
(Eberhard Wolff)

Bosch, Heinz-Dieter (Hrsg.)
Zur Vermögenssituation der privaten Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland. Teil II: Ein tabellarischer Vergleich für die Jahre 1960/61 und 1969 aufgrund statistischer Erhebungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes
(Manfred Hiltner)


Zusammenfassungen

Brunner, Karl
„Kreditmarkt, Zins und drei Typen der Inflation“

Der Aufsatz entwickelt ein analytisches Gerüst, das die gemeinsame Determinierung von Zinssätzen bei Geldanlagen, des Marktwerts von Realkapital (oder der realen Ertragsrate des Realkapitals), des Geldvermögens und des gesamten Bankkredits erklärt. Diese vier Größen ergeben sich aus der Reaktion des Publikums, der Banken und der Geldbehörden aufgrund des Wirkungszusammenhanges der Anlagemärkte. Ein wichtiges Merkmal der Analyse ist die Unterscheidung zwischen Geldnachfrage und Anlageangebot (d. h. Nachfrage nach Ausleihungen und damit Angebot von Anleihen an Banken). Die Eigenheiten der Geldnachfrage und des Anlageangebotes weichen wesentlich in mehrfacher Hinsicht voneinander ab. Diese Abweichung bedeutet insbesondere, daß die zur Stützung einer zinspolitisch orientierten Zentralbankpolitik übliche Argumentation von unserer Analyse verworfen wird. Sie ergibt ferner, daß die Übertragung geldpolitischer Impulse nicht von der absoluten Größe der Zinselastizität der Geldnachfrage abhängt; diese hängt vielmehr von der relativen Größe der Zinselastizitäten auf dem Kreditmarkt und dem Geldmarkt ab. Die Struktur des Modells bedeutet ferner, daß die reale Zinsrate von Geldanlagen und die reale Zinsrate auf Realkapital nicht immer übereinstimmen oder sich aufeinander zu bewegen. Die Analyse kurzfristiger Reaktionen auf die Wirkungszusammenhänge des Anlagemarktes ergab Fälle von unterschiedlichen Reaktionen der beiden realen Zinsraten. Die längerfristigen Rückwirkungen über den Output-Markt modifizieren allerdings diese Ergebnisse, und auf lange Sicht konvergieren die beiden Zinsraten. Unterschiedliche Bewegungen der beiden Sätze sind also ein wichtiges Element kurzfristiger Anpassungsprozesse. Die Bewegungen des Marktzinssatzes wurden gegliedert in einen Anfangseffekt, einen mittelfristigen Rückkopplungseffekt und einen langfristigen Rückkopplungseffekt. Der Anfangseffekt ist bestimmt durch den Zusammenhang der Anlagenmärkte ohne Rückkopplung über andere Märkte. Es wird dargelegt, daß dieser Anfangseffekt nicht als Liquiditätseffekt interpretiert werden kann. Der mittlere Rückkopplungseffekt hängt von den Rückwirkungen über den Output-Markt ab. Der langfristige Effekt hängt andererseits vom Wirksamwerden von Preiserwartungsmechanismen ab. Das Zusammenspiel dieser Effekte bedeutet, daß kurzfristige und längerfristige Effekte der geldpolitischen Impulse unterschiedliche Merkmale haben, und daß kurzfristige und längerfristige Konsequenzen der Wicksellschen oder Keynesianischen Impulse in der Größenordnung voneinander abweichen. Drei Typen von Inflationen werden unterschieden und ihre Konsequenzen im Hinblick auf die Kreditmärkte untersucht. Es wird dargelegt, daß sich Zinssatz und Marktwert des Realkapitals im Verhältnis zu den Produktpreisen bei den drei hauptsächlichen Inflationstypen unterschiedlich verhalten. Eine "finanzielle" Inflation bestimmt das Gleichgewichtsniveau des Realwertes von Geldbasis und zinstragenden Regierungspapieren mit einem konstanten realen Zinssatz. Veränderungen in diesen Größen verlangen eine Beschleunigung oder Verlangsamung der Inflation. Darüber hinaus sind Veränderungen des realen Zinssatzes, die durch Veränderungen in der Größe der inflationären Impulse hervorgerufen werden, unbedeutend im Vergleich zu den damit verbundenen Änderungen des nominellen Zinssatzes. Die Wicksellsche und Keynesianische Inflation liefern ein wesentlich abweichendes Ergebnis. Eine konstante Inflationsrate läßt den Realzins kontinuierlich steigen. Daraus folgt, daß der Nominalzinssatz ebenfalls kontinuierlich steigt, und zwar auch im Rahmen einer vollen Anpassung aller Erwartungen an die tatsächliche Inflationsrate. In einer ersten Annäherung kann unter den Bedingungen einer Geldinflation der Nominalzins durch die Inflationsrate selbst bestimmt werden. Unter den Bedingungen einer Wicksellschen oder Keynesianischen Inflation wird hingegen der Nominalzinssatz in einer ersten Annäherung durch die gesamte Vorgeschichte der Inflationsrate bestimmt. Je länger die Inflation dauert und je größere vergangene Inflationswerte sind, um so höher sind die realen und nominellen Zinssätze. Im Hinblick auf die Realverzinsung von Geldanlagen laufen also die Wicksellsche und die keynesianische Inflation auf ein ähnliches Ergebnis hinaus. Aber sie unterscheiden sich bei der Entwicklung der relativen Preise von Realkapital. In einer Wicksellschen Inflation steigen die Sachwerte relativ zu den Produktpreisen, und in einer Keynesianischen Inflation fallen die Realwerte relativ zu diesen Preisen. Unter den Bedingungen einer Geldinflation verändern sich die Sachwerte nicht relativ zu den Produktpreisen. Eine systematische Untersuchung der Entwicklung von Zinssätzen und Realwerten müßte also gewisse Informationen über den relativen Wechsel oder das Vorherrschen der verschiedenen Inflationsmotoren liefern.

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Vogl, Gerald und Woll, Artur
„Der Einfluß von Geldsubstituten auf die Effizienz der Geldpolitik“

Goldsmith hat für die langfristige Entwicklung des Finanzsektors der USA empirisch ermittelt, daß der Anteil der Banken an den gesamtwirtschaftlichen Finanzaktiva abnimmt bei einem ständig zunehmenden Anteil der intermediären Institute. Für Gurley und Shaw ist dieses Ergebnis der Anlaß zur Formulierung und theoretischen Begründung der Substitutions- oder Instabilitätshypothese, nach der die Geldsubstitution zu einer langfristigen Verringerung der Geldnachfrage und zu einem Effizienzverlust der Geldpolitik führt. Die Einwände der Instabilitätshypothese gegen die monetäre Stabilisierungspolitik als rationale Strategie zur Stabilisierung der Entwicklung des Volkseinkommens sind Gegenstand dieser Analyse. Es wird gezeigt, daß die Instabilitätshypothese zwei Komponenten einer funktionalen Instabilität enthält. Der Reduktionseffekt - parallele Linksverschiebung der Geldnachfragekurve - ist die langfristige Äußerung der Geldsubstitution. Er wird durch das Wachstum des Vermögens determiniert und ist in der Geldnachfragefunktion durch die Variable "Vermögen" zu erfassen. Der Elastizitätseffekt ist die zweite Komponente der Instabilitätshypothese, die sich in einer Änderung des Liquiditätsgrades der near monies - definiert als das Verhältnis von nichtpekuniärem Ertrag zu dem Gesamtertrag eines assets - äußert. Auf die Kurve der Geldnachfrage bezogen, führt der Elastizitätseffekt zu einer Änderung ihrer Steigung. Er ist als kurzfristige Wirkung der Geldsubstitution anzusehen und kann in den Reduktionseffekt übergehen. Beide Effekte der Geldsubstitution erhöhen die Substitutionselastizität der near monies zum Geld. Die near monies emittierenden Intermediäre sind in der Lage, sowohl durch ein wachsendes Angebot ihrer Geldsubstitute über den Reduktionseffekt als auch durch die Änderung des Liquiditätsgrades über den Elastizitätseffekt die Geldnachfrage zu beeinflussen. Near monies sind in Höhe des Quotienten aus nicht pekuniärem und gesamten Ertragssatz, d. h. im Ausmaße des Liquiditätsgrades, vermögenswirksam. Beide Effekte der Geldsubstitution beeinflussen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage über den Zins und Vermögensstruktur, was eine monetäre Stabilisierungspolitik stören kann. Aus der Beobachtung des statistischen Materials kann zur empirischen Evidenz der Instabilitätshypothese für die BRD gesagt werden, daß
- nach der Wachstumsphase der intermediäre bis 1957 - gemessen an den gesamten Bilanzaktiva des Finanzsektors - eine Konsolidierungsphase folgte und ab 1966 ein leicht sinkender Trend erkennbar ist;
- die langfristige relative Abnahme der Geldnachfrage nicht mit der Geldsubstitution durch intermediäre assets zu begründen ist;
- die Instabilitätshypothese für Zeiten monetärer Restriktion weder durch Geldsubstitution mit near monies noch durch eine expansive intermediäre Kreditpolitik zu bestätigen ist;
- ein relevanter langfristiger Einfluß der near monies auf die Stabilität der Geldnachfragefunktion nicht zu erkennen ist.

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Kath, Dietmar
„Aktiva-Reserve und Offenmarktpolitik in kontroversen geldtheoretischen Konzepten“

Trotz der seit Juni 1979 stark restriktiven Geldpolitik der Deutschen Bundesbank ist die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik durch die steigende Inflationsraten gekennzeichnet. Daher werden neuerdings Zweifel geäußert, ob die Bundesbank überhaupt in der Lage ist, über eine Beeinflussung der Geldmenge und des Kreditvolumens die Expansion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage einzuschränken. Da allerdings trotz der kontraktiven Politik jene monetären Aggregatgrößen nahezu unvermindert weiter wachsen, könnte das Versagen der Notenbankpolitik seine Ursache auch darin haben, daß die geldpolitischen Instrumente der Bundesbank nicht ausreichen, diese Größen wirksam zu kontrollieren. Auf diesem Hintergrund sind in den letzten Monaten ein Plan der Bundesbank zur Einführung einer Aktiva-Reserve, ein anderer vom Sachverständigenrat zu einer wirksameren Ausgestaltung der Offenmarktpolitik entwickelt werden. Im vorliegenden Beitrag wird nachgewiesen, daß beiden Reformkonzepten unterschiedliche Auffassungen über den Transmissionsmechanismus monetärer Impulse zugrunde liegen. Hinter dem Vorschlag zur Umgestaltung der Offenmarktpolitik steht die Vorstellung der Monetaristen, daß die Notenbank die monetäre Expansion nur dann kontrollieren kann, wenn sie die Versorgung mit Zentralbankgeld im Griff hat. Demgegenüber basiert der Aktiva-Reserve- plan auf der Hypothese der Neokeynesianer, daß das Kreditvolumen überwiegend endogen determiniert ist und daher von der Währungsbehörde unmittelbar gesteuert werden muß. Das Hauptanliegen dieses Artikels besteht darin, die Reformpläne im Wirkungszusammenhang der jeweiligen geldtheoretischen Ansätze zu analysieren und gleichzeitig zu untersuchen, inwieweit die empfohlenen Instrumente geeignet sind, die Effizienz der Notenbank in der Phase der Hochkonjunktur zu verbessern. Die geldpolitischen Schlußfolgerungen der Analyse lauten, daß die Notenbank, die Geldmenge und das Kreditvolumen als gleichrangige Zielgrößen verstehen sollte. Diese doppelte Zielstellung ihrer Politik erfordert auch eine Neuorientierung ihrer Instrumente. In einer abschließenden Betrachtung wird gezeigt, daß Aktiva-Reserve und umgestaltete Offenmarktpolitik die gemeinsamen Bestandteile eines wirkungsvollen Reformkonzeptes für die Geldpolitik der Bundesbank bilden könnten.

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Berichte

Bryant, John
„Wohnungsbau und Wohnungsbaupolitik in Westeuropa“

Während der ganzen Nachkriegsperiode haben die europäischen Regierungen weitläufige Wohnungsbauprogramme verfolgt. Für die beharrliche Fortsetzung dieser Programme können zwei Ziele maßgeblich gewesen sein: a) man wollte die Wachstumsrate des Wohnungsbestandes erhöhen, b) man wollte die Wohnung & Bauindustrie stabilisieren. Es ist indessen nicht zu erkennen, daß eines dieser Ziele in den untersuchten Ländern erreicht worden ist. Die vorliegende Studie ist im wesentlichen sowohl bei der Querschnittsanalyse als auch bei den Zeitreihen begrenzt auf fünf Länder. Dänemark, Finnland, Frankreich, Schweden und Großbritannien. Für sechs andere Länder, nämlich Belgien, Italien, Holland, Norwegen, Schweiz und die Bundesrepublik erlauben die Daten entweder eine Querschnittsanalyse oder Zeitreihen, aber nicht beides zusammen, und oft fehlen wichtige Einzelangaben. Wachstumsrate und Stabilisierung von Wohnungsbauinvestitionen während der Nachkriegszeit sind für diejenigen Länder errechnet worden, für welche ausreichende Daten erhältlich waren. Die Jahre vor 1951 wurden nicht miteinbezogen, weil die Kriegszerstörungen, die in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich waren, die Studie so wenig wie möglich beeinflussen sollten. Als Maßstab für die Bedeutung der öffentlichen Wohnungsbauprogramme wurde der Prozentsatz des nicht geförderten Wohnungsbaues gewählt. Korrelationen des nicht geförderten Wohnungsbaues zur Stabilität und zum Wachstum sind in einer Querschnittsanalyse nicht signifikant. Diese groben Querschnittsanalysen wurden ergänzt durch die Berechnung eines Modells der Wohnungsbauinvestition, zu dem zusätzlich zur Querschnittsanalyse auch Zeitreihen herangezogen wurden. Hierbei hat die Größe der staatlichen Förderungsmittel keine signifikante Aussagekraft. Da die Typen der Wohnungsbauprogramme sich zwischen den einzelnen Ländern außerordentlich unterscheiden, mag der Prozentsatz des nicht geförderten Wohnungsbaues kein ganz sicherer Maßstab für die Bedeutung der Wohnungsbauförderung sein. Deshalb wurde das Wohnungsbaumodell auch mit Zeitreihen für diejenigen Länder berechnet, für welche entsprechende Angaben vorliegen. Auch hierbei geben die Resultate wenig Auskunft für das Festhalten an den laufenden Wohnungsbauprogrammen. Die Koeffizienten variieren beträchtlich zwischen den Ländern, aber es gibt keinen sehr signifikanten positiven Koeffizienten für die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen wie man das erwarten möchte. Dänemark liefert das auffällige Beispiel dafür, wie eine Kürzung der öffentlichen Programme mit einem beträchtlichen Anstieg des Wohnungsbaues zusammenfällt. In den meisten untersuchten Ländern subventionieren oder unterstützen die Regierungen den Hypothekenmarkt. Jedoch führen Versuche, den Wohnungsbau durch eine Ermäßigung der Beleihungskosten zu fördern, nur zu dem Ergebnis, daß die Schuldner veranlaßt werden, mehr Wohnraum zu erwerben. In den untersuchten europäischen Ländern gibt es im übrigen viele Möglichkeiten, mit Hilfe des Grund- und Hypothekarkredits andere Güter und Dienstleistungen als Wohnraum zu kaufen. Die am meisten signifikanten Variablen zur Beeinflussung der Wohnungsbauinvestitionen scheinen das Einkommen und die Qualität des bestehenden Wohnungsbestandes zu sein. Ein Anstieg der Wohnungsproduktion geht zusammen mit einem Anstieg des Bruttosozialprodukts. Versuche der Regierungen, Einkommen zugunsten der Wohnungswirtschaft umzuleiten, sind nicht bemerkenswert erfolgreich.

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