KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1975


Inhalt


Abhandlungen

Ehrlicher, Werner
Die Neuverschuldung der Gebietskörperschaften im Jahre 1975

Mayer, Thomas
The Structure of Monetarism (I)

Pohl, Rüdiger
Zur Kritik der Theorie der Vermögensstruktur und der relativen Preise

Fautz, Wolfgang M.
Geldbasis und Liquiditätsbasis. Alternative analytische Rahmen für die Untersuchung von Geld- und Kreditprozessen in der Bundesrepublik Deutschland


Berichte

Braun, Hans-Gert
Zum Problem der Prüfung von Kapitalhilfe-Kredit-Anträgen


Buchbesprechungen

Woll, Artur
Allgemeine Volkswirtschaftslehre und Cassel-Thieme-Woll: Übungsbuch zur Allgemeinen Volkswirtschaftslehre
(Gerhard Zweig)

Looff, Rüdiger
Die Auswirkungen der Zinsliberalisierung in Deutschland
(Wolf-Dieter Becker)

Bosch, Heinz-Dieter
Zur Vermögenssituation der privaten Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland, Teil I
(Manfred Hiltner)

Mülhaupt, Ludwig
Strukturwandlungen im westdeutschen Bankwesen
(Rolf Caesar)

Regel, Rudolf und Wolf, Herbert
Das Bankwesen im größeren Europa
(Hans Pfisterer)

Stützel, Wolfgang
“Währung in weltoffener Wirtschaft“, Lehrstücke der Währungspolitik – unter der Herausforderung des Tages
(Werner Steuer)

Freiherr von Rosen, Rüdiger
Der Zentrale Kapitalmarktausschuß – Ein Modell freiwilliger Selbstkontrolle der Kreditinstitute
(Hermann Quester)


Zusammenfassungen

Ehrlicher, Werner
„Die Neuverschuldung der Gebietskörperschaften im Jahre 1975“

Die öffentlichen Haushalte in der BRD werden im Jahre 1975 ein Defizit in der Größenordnung von 50 bis 60 Mrd. DM aufweisen. Die entsprechende Kreditaufnahme ist nur mit etwa 20 Mrd. DM konjunkturbedingt (5 Mrd. DM Mehrausgaben und etwa 15 Mrd. DM Mindereinnahmen); ein Betrag von 30 bis 40 Mrd. DM ist als strukturelles Haushaltsdefizit anzusehen. Letzteres wird bei einem Wiederanstieg der Konjunktur erhalten bleiben, wenn nicht einschneidende ausgaben- und einnahmenpolitische Maßnahmen ergriffen werden. Im vorliegenden Beitrag wird zunächst das voraussichtliche Haushaltsdefizit mit dem vom Sachverständigenrat entwickelten Instrumentarium des Konjunkturneutralen Haushaltes analysiert. Zur Anknüpfung an die vergangene Entwicklung wird vorweg die Konstellation im Jahre 1974 dargestellt; sodann wird gefragt, welche konjunkturellen Impulse von dem voraussichtlichen Defizit des Jahres 1975 ausgehen werden und wie diese zu beurteilen sind. Angesichts der gegebenen konjunkturellen Situation werden die expansiven Effekte positiv bewertet. Die nach einem Wiederanstieg der Wirtschaftstätigkeit von dem strukturellen Haushaltsungleichgewicht zu erwartenden Wirkungen werden sodann auf dem Hintergrund der Entwicklung in den letzten beiden Wachstumszyklen im Rahmen einer monetären Analyse untersucht. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Konstellation in der Rezession der Jahre 1966/67 und dem folgenden Wiederaufstieg gelegt. Die Untersuchung kommt zunächst zu einer Bestätigung der mit dem Instrument des konjunkturneutralen Haushalts erarbeiteten Ergebnisses, dass die Finanzierung des öffentlichen Defizits im Jahre 1975 ohne besondere Anspannung des Geld- und Kapitalmarkts möglich sein wird, da auf der einen Seite nicht nur die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte, sondern - trotz rückläufiger Gewinne - auch der Unternehmungen ansteigen wird, während die Kreditnahme der Wohnungswirtschaft und des Unternehmenssektors stark zurückbleibt. Dagegen muss bei einem Konjunkturanstieg mit einer beträchtlichen Steigerung der Kreditnahme des Unternehmenssektors, mit einer nicht unerheblichen Zunahme der Konsumentenkredite und mit einem Wiederanstieg der Kreditnahme der Wohnungswirtschaft - wenn diese auch nicht mehr die Größenordnung des Jahres 1973 erreichen wird - gerechnet werden. Darüber hinaus müssen im Interesse des Exportüberschusses und der Vermeidung eines Wechselkursanstieges erhebliche Mittel für Kapitalexporte bereitgestellt werden. Der Spielraum, der für öffentliche Kredite verbleibt, wird demnach gering sein. Wird das strukturelle Defizit nicht erheblich abgebaut, muss entweder mit einer schnellen Beschleunigung der Inflationsraten oder - wenn die Notenbank dies durch entsprechenden Restriktionskurs zu verhindern trachtet - mit einem frühzeitigen Abbruch des Aufstiegs gerechnet werden.

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Mayer, Thomas
„Die Struktur des Monetarismus (I)“

Der Aufsatz verfolgt zwei Absichten. Die eine besteht darin, den Begriff des Monetarismus in der Weise zu erläutern, dass seine einzelnen Thesen herausgearbeitet und die Beziehungen zwischen ihnen aufgezeigt werden. Es erweist sich dann, dass Monetarismus nicht etwa eine Ansammlung mehr oder weniger zufällig zusammengefügter Meinungen ist, sondern ein System von Lehrsätzen, die untereinander verbunden sind. Der größte Teil des Aufsatzes beschäftigt sich mit dem Aufspüren solcher Beziehungen. Die zweite Absicht geht dahin darzulegen, dass trotz des systematischen Zusammenhangs der monetaristischen Thesen die Verbindung andererseits locker genug ist, um jeweils die einen anzuerkennen und andere abzulehnen. Deshalb ist die Polarisierung unter den Ökonomen in Monetaristen und Keynesianer unnötig; es gibt eine hinreichende Rechtfertigung für verbindende Standpunkte. Es werden sechs monetaristische Lehrsätze erörtert. (1) Die Quantitätstheorie in dem Sinne, dass zur Erklärung von Geldeinkommen in erster Linie monetäre Impulse in Betracht kommen. (2) Die monetaristische Auffassung des Transmissionsvorganges, also wie im einzelnen monetäre Impulse das Einkommen beeinflussen. (3) Eine Meinung, dass der private Sektor der Wirtschaft naturgegeben stabil sei. (4) Ein Desinteresse an allokativen Einzelheiten, wie der Verfügbarkeit von Hypothekendarlehen oder der Nachfrage nach Automobilen. (5) Ein Untersuchungskonzept, dass das Preisniveau als eine einzige Größe behandelt und nicht als Resultate von Einzelpreisen. (6) Eine Neigung zu reduzierten ökonometrischen Modellen. In dem folgenden zweiten Teil dieses Aufsatzes sollen dann sechs andere monetaristische Thesen erörtert werden, die wirtschaftspolitischen Bezug haben. Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen wird gezeigt, dass die Quantitätstheorie mit dem monetaristischen Transmissionsprozess durch folgende Bindeglieder verbunden ist: (1) Das Geldvolumen kann besser abgemessen werden als der Zinssatz. (2) Geldimpulse beeinflussen sowohl den Verbrauch als auch die Investition. (3) Die Geldnachfrage ist stabil. (4) Es gibt signifikante Wirkungen bei der Geldmenge und bei den relativen Preisen.

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Pohl, Rüdiger
„Zur Kritik der Theorie der Vermögensstruktur und der relativen Preise“

In der geldtheoretischen Literatur hat der Transmissionsmechanismus der relativen Preise eine weite Verbreitung gefunden. Der Aufsatz unterzieht diese Transmissionstheorie einer Kritik. Erstens: Die in der Theorie unterstellte Handlungsmaxime (Einkommensmaximierung durch rational handelnde Wirtschaftssubjekte) wird den vielfältigen Motiven ökonomisch relevanten Verhaltens nicht gerecht. Zweitens: Mangelnde Teilbarkeit einzelner Vermögensbestandteile lässt relative Preiseffekte teilweise verpuffen. Drittens: Die Existenz starrer Aktiva/ Passiva-Strukturen wird ebenso vernachlässigt wie der Verlust an Handlungsautonomie bei Schuldnern. Viertens: Das Vermögensbestandsdenken bewirkt eine statische Betrachtung ökonomischen Verhaltens. Außerdem ist die Substituierbarkeit der einzelnen Vermögensbestandteile begrenzt. Fünftens: Die tatsächliche Starrheit in der Vermögensstruktur wird mit dem Informationskosten/ Transformationskostenkonzept nicht hinreichend begründet. Sechstens: Die Theorie ist von ihrem Ansatz her nicht in der Lage, dem entwicklungstheoretischen Aspekt eines Wirtschaftssystems genügend Beachtung beizumessen.

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Fautz, Wolfgang M.
„Geldbasis und Liquiditätsbasis“

In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, die für die Zentralbankpolitik in der Bundesrepublik Deutschland spezifische Institution der „Freien Liquiditätsreserven“ auf analytisch zweckvolle Weise in das Geldbasiskonzept einzubeziehen. Dadurch erhält man eine Größe, die sowohl die aktuelle als auch die potentielle Liquidität des Bankensystems umfasst. Wir nannten diese Größe „Liquiditätsbasis“. Sie kann analog der Geldbasis entweder nach ihren Quellen (Angebotsseite) oder nach ihren Verwendungsarten (Nachfrageseite) definiert werden. Dadurch können die Ansatzpunkte aller Instrumente der Liquiditätspolitik identifiziert werden. Die Instrumente der Zinspolitik werden zu einem entsprechend konstruierten zinspolitischen Parameter zusammengefasst. Dadurch ist der analytische Rahmen gelegt für eine adäquate Analyse der Wirkung geldpolitischer Maßnahmen in einem System mit Liquiditätsreserven.

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Berichte

Braun, Hans-Gert
„Prüfung von Kapitalhilfe-Kredit-Anträgen“

Der Artikel skizziert die Schritte der Abwicklung eines öffentlichen Kapitalhilfekredits der BRD an ein Entwicklungsland und er gibt einen Überblick über die Methoden, die bei der Prüfung zu finanzierender Projekte angewandt werden. Diese Methoden wurden in den "Veröffentlichungen aus dem Arbeitsbereich der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)" zusammengestellt; insofern ist der vorliegende Artikel zugleich eine Sammelrezension dieser Publikation. Kreditanträge unterliegen einer entwicklungspolitischen Prüfung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und einer fachlichen, bankmäßigen Prüfung durch die KfW. Die fachliche Prüfung erfolgt auf mehreren Ebenen. Ein Projekt muß einen hohen Rang in der gesamtwirtschaftlichen Prioritätenskala des Entwicklungslandes haben. Mit Hilfe von Sektoranalysen wird die Notwendigkeit zusätzlicher Kapazitäten überprüft. Während im Rahmen der Prüfung der volkswirtschaftlichen und sozioökonomischen Projektwirkungen nach Möglichkeit eine Cost-Benefit-Analyse durchgeführt wird, stehen im Mittelpunkt der betriebswirtschaftlichen Projektanalyse Wirtschaftlichkeits- und Liquiditätsgesichtspunkte. Die in den KfW-Publikationen behandelten Methoden-Probleme sind: Cost-Benefit-Analyse, Bewertungsprobleme in Cost-Benefit-Analysen, Datenerfordernisse für Investitionsstudien, Kombination von Wirtschaftlichkeits- und Finanzrechnung, Sektoranalyse Zuckerwirtschaft sowie die Problematik der Inlandskostenfinanzierung.

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