KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1976


Inhalt


Abhandlungen

Johnson, Harry G.
Comment on Mayer on Monetarism

Cagan, Philipp
Monetarism in Historical Perspective

Lenard, Thomas M.
On Alternative Approaches to Employment Dynamics

Jarchow, Hans-Joachim und Möller, Herbert
Geldbasiskonzepte und Geldmenge

Koch, Walter A.S. und Schäfer, Wolf
Zinstheoretische Aspekte des Debt Management in einer offenen Wirtschaft

Menrad, Siegfried
Der Eurodollarmarkt als Instrument internationaler Geldschöpfung?

Leuschner, Dieter
Inflationistische Entwicklung - Kapitalmarktprobleme und Preisindexbindung


Berichte

Badura, Jürgen
Der Fishersche Preiserwartungseffekt: Ein Erklärungsansatz für das Gibson-Paradoxon


Buchbesprechungen

Jokl, Stefan und Schönemann, Michael und Walcher, Frank (Hrsg.)
Probleme der Wirtschaftspolitik - Beiträge zu einer erklärungsrelevanten Ökonomie, Festgabe für Fritz Voigt (Jorg-G. Grunwald)

Reidwyl, Hans
Graphische Gestaltung von Zahlenmaterial (Be)

Reitz, Brigitte
Zur Bedeutung der Finanzunternehmung für die Geldpolitik (Harald Mattfeld)

Francke, Hans-Hermann
Bankenliquidität und Zins als Orientierungsvariable der Geldpolitik (Gerhard Vogl)


Zusammenfassungen

Johnson, Harry G.
"Anmerkungen zu Mayers Aufsatz über Monetarismus"

Diskussionen über Monetarismus gehören zu einer jüngst beendeten Phase der geldpolitischen Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten und laufen Gefahr, zur bloßen Formsache zu werden. Unter den von Mayer aufgezählten Lehrsätzen ist die Annahme einer stabilen Nachfrage nach Geld der grundlegende. Er unterscheidet den Monetarismus sowohl von Keynes als auch von der alten Quantitätstheorie (unstabile Umlaufgeschwindigkeit), die Keynes attackierte. Die klassische Quantitätstheorie durchlief zwei Phasen: 1. Die Phase des "neutralen Geldes", die sich durch den Versuch auszeichnete, den Weg zu einer Analyse eines allgemeinen realen Gleichgewichts aufzuzeigen. 2. Die "Analyse der Bedingungen für ein monetäres Gleichgewicht", d. h. Analyse von Störungen zwischen realem und monetärem Gleichgewicht in einer modernen (Geld-)Wirtschaft. Vor dem zweiten Weltkrieg hielten Theoretiker geldpolitisch verursachte Veränderungen der Geldmenge niemals für destabilisierend. Sie gingen davon aus, daß allfällige Änderungen der Geldnachfrage mit der Unstabilität der Umlaufgeschwindigkeit zusammenhingen und man sie durch Geldpolitik ausgleichen müßte. Moderne Quantitätstheoretiker sehen dagegen gerade in der Geldpolitik den wichtigsten Störungsfaktor für das Gleichgewicht - bei einer stabilen Nachfrage nach Geld.

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Cagan, Philipp
"Monetarismus in historischer Perspektive"

Die monetaristische Betrachtungsweise ist während der Vierziger und frühen Fünfziger Jahre in einem Klima entstanden, als die Meinung der professionellen Ökonomen dem Geld in den wirtschaftspolitischen Erörterungen keine Beachtung schenkte. Monetarismus ist eine Sammlung von Politik-Vorschlägen. Er unterstützt theoretische Modelle, in denen das Geld eine wichtige Rolle spielt, aber es ist nicht auf ein spezifisches Modell angewiesen. Der Monetarismus hat geholfen, der Bedeutung einer eigenständigen Geldpolitik wieder Anerkennung zu verschaffen. Viele der monetaristischen Ansichten werden weiterhin akzeptiert.

Eine Kontroverse, die zwischen Monetaristen und Fiskalisten noch nicht zuende ausgetragen ist, betrifft die Frage, ob diskretionäre Fiskalpolitik nötig ist, wenn andererseits eine Politik des ziemlich gleichmäßigen Wachstums der Geldmenge verfolgt wird. Die monetaristische Position sagt, daß eine solche Geldmengenpolitik mehr Stabilität bewirkt als wir in der Vergangenheit hatten, und daß wir mit einer automatischen Fiskalpolitik besser fahren würden als mit einer diskretionären.

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Lenard, Thomas M.
"Über alternative Annäherungen zum dynamischen Phänomen der Beschäftigung"

Der Aufsatz vergleicht die Wirkungen von unvollständigen Informationen über Preise und Nominallöhne in einem aggregierten Drei-Güter-Modell. Wenn die Information über Preise unvollständig ist dann wird die Beschäftigung in Reaktion auf einen expansiven Impuls vorübergehend nur solange steigen, wie der Lernprozeß langsamer verläuft als die Anpassung des Arbeitsmarktes an diesen Vorgang. Wenn die Unterrichtung über die Nominallöhne unvollständig ist, dann ist dieser kurzfristige Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Preisveränderung nur vorhanden, solange der Lernprozeß nicht simultan vonstatten geht. Sowohl der Zeitbedarf des Lernprozesses als auch der Zeitabstand zwischen Lohn- und Preisveränderungen spielen eine Rolle. Bei einem kontraktiven Impuls hat die Annahme unvollständiger Information keinen Einfluß auf den eingeschlagenen Beschäftigungspfad.

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Jarchow, Hans-Joachim und Möller, Herbert
"Geldbasiskonzepte und Geldmenge"

Die aus Strukturgleichungen für den monetären Bereich einer Volkswirtschaft abgeleiteten Beziehungen zwischen verschiedenen Geldbasiskonzepten, nämlich der monetären Basis (Bm), der (um bestimmte Refinanzierungs- und Anlagedispositionen der Geschäftsbanken) bereinigten Basis (B') sowie der (um die freigesetzten Mindestreserven) erweiterten Basis (Be) und dem Geld- und Kreditangebot stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Die diese Größen verknüpfenden Multiplikatoren lassen bestimmte Unterschiede vermuten, je nachdem welches Geldbasiskonzept zugrunde gelegt wird. So ist zu erwarten, daß die Geldangebotsmultiplikatoren (ebenso wie die Kreditangebotsmultiplikatoren) beim Be-Ansatz relativ unempfindlich und beim B'-Ansatz relativ empfindlich auf Änderungen des Sollzinssatzes und des Diskontsatzes reagieren. Da sich außerdem zeigte, daß die Multiplikatoren beim Be-Ansatz schwächer auf Änderungen des Mindestreservesatzes reagieren als bei den beiden anderen Ansätzen, ist anzunehmen, daß der Einfluß von Be vergleichsweise stark auf die Geldmengenentwicklung durchschlägt.

Hinsichtlich des Zeitablaufs der Anpassungsvorgänge gelangen wir im Rahmen des B'-Ansatzes zu der Hypothese, daß die Geldmenge bei einem Anstieg der bereinigten Basis (B'), z. B. auf Grund von Devisenzuflüssen, zuerst sehr schnell ansteigt (wegen des sich beispielsweise aus der Umwandlung von Devisen in heimische Währung ergebenden Monetisierungseffektes), danach vorübergehend stagniert und dann wieder im Zuge der einsetzenden Kreditexpansion zunimmt. Die hieraus resultierende Geldmengenentwicklung läßt ein Zeitprofil erwarten, von dem sich das entsprechende Zeitprofil beim Bm- und Be-Ansatz u. E. merklich unterscheiden müßte.

Die in diesem Beitrag dargestellten Zusammenhänge bilden den theoretischen Hintergrund für den sich anschließenden zweiten Teil, in dem das Geldangebot (zusammen mit der Geldnachfrage) in der Bundesrepublik für den Zeitraum von Anfang 1965 bis Anfang 1973 unter Berücksichtigung alternativen Geldbasiskonzepte ökonometrisch geschätzt wird.

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Koch, Walter A.S. und Schäfer, Wolf
"Zinstheoretische Aspekte des Debt Management in einer offenen Wirtschaft"

In der Untersuchung ist aufgezeigt worden, welche Bedingungen der internationale Zinsverbund für die staatliche debt management-Politik eines Landes setzt und welche Wirkungen sich ergeben, wenn ein Land sich aus dem Zinsverbund durch eine außenwirtschaftliche Absicherung über den Wechselkurs löst. Die Analyse unterscheidet sich insofern von den in der Literatur zu findenden Untersuchungen, die regelmäßig von den Bedingungen einer geschlossenen, von Auslandseinflüssen abgeschirmten Wirtschaft ausgehen.

Bei den Zielsetzungen des debt management ist zwischen Zinskostenminimierung und konjunktureller Stabilisierung unterschieden worden. Die Untersuchung hat ergeben, daß der internationale Zinsverbund Bedingungen schafft, durch die das erstgenannte Ziel aufgrund effektiver zu handhabender debt management-Politik leichter zu realisieren ist. Es muß jedoch berücksichtigt werden, daß - wie ausführlich dargelegt wurde - die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten die Kosten des debt management in anderen Ländern weitgehend determiniert. Was das Ziel der konjunkturellen Stabilisierung anbetrifft, so ist festzustellen, daß die Möglichkeiten, via Zinsänderungen Nachfrageeffekte zu bewirken, durch Umschuldungsoperationen im Rahmen des debt management gar nicht oder nur in vernachlässigbar geringem Umfang vorhanden sind.

Entzieht sich ein Land den Bedingungen des internationalen Zinsverbunds durch einen flexiblen Wechselkurs, so werden die von einer Umschuldungspolitik erwarteten und in der Literatur behandelten Erfolgsmechanismen des debt management wirksam, weil diese Politik losgelöst von ausländischer, insbesondere amerikanischer Preis- und Zinsdominanz allein an den jeweiligen heimischen Erfordernissen ausgerichtet werden kann.

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Menrad, Siegfried
"Der Eurodollarmarkt als Instrument internationaler Geldschöpfung?"

Die "Geldschöpfung am Euro-Geldmarkt" wird nach herrschender Lehre als Multiplikatorprozeß beschrieben, der analog den Geldschöpfungsprozessen nationaler Bankensysteme verläuft, dabei aber unabhängig von den Normen und Bedingungen ist, die für die Geldschöpfung einzelner solcher nationaler Bankensysteme gelten.

Der Verfasser hält diese Darstellung aus mehreren Gründen für verfehlt. Zunächst ist festzustellen, daß es keine exterritorial domizilierenden Geschäftsbanken gibt, daß also alle Banken bei ihrer Geschäftstätigkeit an nationale und währungsspezifische Gegebenheiten gebunden sind. Eine Abwicklung über (Fremd-) Währungskonten ändert hieran nichts. Eine autonome, von den nationalen Normen und Bedingungen unabhängige "Geldschöpfung am Euro-Geldmarkt" gibt es also nicht. Sinnvollerweise kann daher nur der Einfluß des Geschehens am Euro-Geldmarkt auf die Geldschöpfung in den einzelnen Währungsgebieten der Euro-Banken untersucht werden. Einige Überlegungen in dieser Richtung zeigen, daß die Interdependenz aller Geldmärkte in letzter Konsequenz dazu zwingt, ein Weltmodell der Geldschöpfung" zu entwerfen und die ceteris-paribus-Klausel durch eine simultane Lösung entbehrlich zu machen. überdies wird deutlich, daß das von der herrschenden Lehre verwendete Modell wegen der Annahme einheitlicher Reservesätze für Einlagen von Banken und für Einlagen von Nichtbanken sowie wegen der Annahme einheitlicher Abflußquoten gerade jene Fakten und Zusammenhänge unterdrückt, welche für Erklärung und Prognose des Euro-Geldmarktgeschehens nötig sind.

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Leuschner, Dieter
"Inflationistische Entwicklung - Kapitalmarktprobleme und Preisindexbindung"

In der Diskussion über Preisindexbindungen im Kapitalverkehr standen bisher vor allem konjunktur-, verteilungs- und gesellschaftspolitische Aspekte im Vordergrund. Durch die inflationistische Entwicklung sind jedoch auch erhebliche Kapitalmarktprobleme entstanden, die ebenfalls durch Preisindexbindungen gelöst werden könnten.

Bei einer erneuten, stärkeren Beschleunigung des Preisanstiegs sind ein erneuter Zinsanstieg, eine weitere Abnahme der Bereitschaft zur längerfristigen Geldanlage und eine weitere Verkürzung der Laufzeiten am Kapitalmarkt zu erwarten. Diese Tendenzen zur Auflösung des Kapitalmarkts im Geldmarkt und die damit verbundenen wirtschaftspolitischen Probleme könnten durch mehr Geldwertstabilität verhindert werden. Da jedoch die Chancen für eine nachhaltig wirksame Stabilitätspolitik nicht zuletzt wegen der relativ engen beschäftigungspolitischen Grenzen der Maßnahmen von Bundesregierung und Bundesbank eher skeptisch als optimistisch einzuschätzen sind, muß eine "zweitbeste" Lösung gefunden werden. Als zweckmäßigster "zweitbester" Weg zur Lösung auch der Kapitalmarktprobleme bieten sich Indexbindungen an.

Ausgehend von diesen Überlegungen werden die Kosten verschiedener Varianten der Preisindexbindung geschätzt und Finanzierungsvorschläge unterbreitet. Dabei wird vor allem untersucht, welche Auswirkungen von einer Finanzierung der Preisindexbindung über eine entsprechende Erhöhung der Kreditzinsen auf die Wettbewerbssituation der verschiedenen Kreditinstitutsgruppen zu erwarten wären.

Ein weitgehender Abbau möglicher Wettbewerbsverzerrungen wäre dadurch zu erreichen, daß Preisindexbindungen auf Anlagen mit Laufzeiten von zehn Jahren und darüber beschränkt werden. Abgesehen von wettbewerbspolitischen Überlegungen würden auch die notwendige Belebung und Absicherung langfristiger Dispositionen am Kapitalmarkt sowie vermögenspolitische Aspekte für diesen Vorschlag sprechen.

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Berichte

Badura, Jürgen
"Der Fishersche Preiserwartungseffekt: Ein Erklärungsansatz für das Gibson-Paradoxon?"

Das Gibson-Paradoxon behauptet eine positive Korrelation zwischen den Bewegungen des langfristigen Zinssatzes und des allgemeinen Preisniveaus. Fisher erklärte diesen Sachverhalt durch den Preiserwartungseffekt; gemäß dieser Hypothese "einigen" sich in einer Inflation bei Aufnahme eines Kreditverhältnisses Gläubiger und Schuldner über einen Inflationszuschlag zum Zins in Höhe der erwarteten Preissteigerungsrate. Diese These findet in jüngerer Zeit immer breiteren Zuspruch, und es liegen bereits zahlreiche bestätigende empirische Untersuchungen vor. Diese unterstellen gemeinhin, daß die Wirtschaftssubjekte ihre Preiserwartung durch Gewichtung bereits aufgetretener Preisänderungsraten ableiten, womit sog. distributed-lags herangezogen werden können.

Aufgrund verschiedener Indizien aus Befragungen usw. erscheint es allerdings sehr unwahrscheinlich, daß die Erwartungsbildung der Wirtschaftssubjekte den äußerst einfachen, restriktiven Erwartungsstrukturen folgt, die durch Verwendung der verschiedenen Lag-Modelle impliziert sind.

Man kann versuchen, über die im Rahmen der Preiserwartungshypothese behauptete "Einigung" der Kreditpartner hinaus, Verhaltensweisen zu spezifizieren, die in der Inflation eine Zinserhöhung herbeiführen können. Eine entsprechende Konfrontation dieser Verhaltensweisen mit empirischem Material ergibt aber für die BRD erst für den allerjüngsten Zeitraum mögliche Anhaltspunkte, wobei die Wirkungen auf den Zins zudem nicht immer eindeutig sind.

Hinsichtlich der empirischen Tests zeigt sich, daß sowohl partielle Schätzungen einer Inflationskomponente im Zins wie auch Tests umfassender spezifizierter Zinsmodelle aus verschiedenen Gründen problematisch sind; der Preiserwartungseffekt kann ferner nicht statistisch eindeutig gegenüber konkurrierenden Hypothesen zur Erklärung des Gibson-Paradoxons, speziell dem Einkommenseffekt und dem Reaktionseffekt, abgegrenzt werden. Der Verfasser kommt deshalb zu dem Ergebnis, daß die Preiserwartungshypothese noch nicht zum Bestand an gesichert nachgewiesenen ökonomischen Hypothesen gezählt werden kann.

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