KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1976


Inhalt


Abhandlungen

Schlesinger, Helmut
Neuere Erfahrungen der Geldpolitik in der Bundesrepublik Deutschland

Alexander, Volbert und Loef, Hans Edi
Methoden und Probleme einer Geldmengensteuerung

Hieber, Manfred
Zur Theorie offener Volkswirtschaften

Jonson, Peter D.
Money, Prices and Output

Timberlake, Richard H. Jr.
Destabilizing Factors in Contemporary Monetary Policy

Roskamp, Karl W. und Tank, Frederick E.
Improvement in Economic Position through Risk-Taking

Reiß, Winfried
Die Random-Walk Hypothese bei Bank- und Industrieaktien


Buchbesprechungen

Krumnow, Jürgen
Die Budgetrechnung als Lenkungsinstrument der Geschäftsleistung einer Universalbank (Heinrich Strohauer)

Neef, Jörg
Moderne Formen der Wohnungsbaufinanzierung aus bankwirtschaftlicher Sicht (Reinhold Falk)


Zusammenfassungen

Schlesinger, Helmut
"Neuere Erfahrungen der Geldpolitik in der Bundesrepublik Deutschland"

Die "Renaissance" der Geldtheorie und die sich beschleunigenden Inflationstendenzen, die die freiheitliche Gesellschaftsordnung selbst bedrohen, haben die Geldpolitik wieder in den Vordergrund des wirtschaftspolitischen Interesses gerückt. Der Übergang zum "Floating" gab der Bundesbank seit dem Frühjahr 1973 einen größeren Aktionsradius. Sie ist bei dieser Politik zum Teil neue Wege gegangen. Von einer "neuen" Politik zu sprechen, wäre aber zweifellos übertrieben, denn Endziele und Instrumente der Politik sind die alten geblieben.

Unter den geänderten Bedingungen mit dem Übergang zum Floating konnte die Bundesbank die freien Liquiditätsreserven der Banken in die Nähe von Null reduzieren. Das war nötig, um den Banken, die ihre Liquidität vor allem unter betriebswirtschaftlichem Blickwinkel einschätzen, die gesamtwirtschaftlichen Grenzen ihres Expansionsspielraums deutlich zu machen. Danach hat die Bundesbank jedoch zur Stimulierung des Geldschöpfungsprozesses wieder freie Liquiditätsreserven entstehen lassen.

Ein Experiment, mit dem Neuland betreten wurde, ist die Formulierung eines Geldmengenziels, das erstmals im Dezember 1974 publiziert wurde. Die Zielvorgabe soll den stabilitätspolitisch begrenzten Rahmen der Geldschöpfung aufzeigen und mehr Rationalität in die wirtschaftspolitischen Entscheidungen bringen. Auch bei einer Zielformulierung dieser Art kann die Geldpolitik die zyklische Situation nicht außer acht lassen, sie mißt jedoch nun auch dem mittelfristigen Aspekt mehr Gewicht bei und beabsichtigt damit die wirtschaftliche Entwicklung besser zu verstetigen.

Die Wahl der Zentralbankgeldmenge als Zielgröße erfolgte nach analytischer und empirischer Zweckmäßigkeit und lag nicht zuletzt deshalb nahe, weil sich in ihr Geldschöpfung der Notenbank und Geldschöpfung der Banken treffen. Als Indikator signalisiert sie demnach nicht die Impulse der Geldpolitik (wie das von anderen Stellen mit der "Geldbasis" versucht wird), sondern die erfolgte monetäre Expansion. Vorstellungen des Geldbasiskonzepts lassen sich auf die Zentralbankgeldsteuerung nicht ohne weiteres übertragen, da sie die besondere Verantwortung der Notenbank für das Geld- und Bankwesen jedenfalls unter den gegebenen Bedingungen in der Bundesrepublik nicht richtig zum Ausdruck bringen.

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Alexander, Volbert und Loef, Hans Edi
"Methoden und Probleme einer Geldmengensteuerung - Empirische Simulationstests für die BRD"

Der Einfluß der Geldmenge auf gesamtwirtschaftliche Größen ist für die Zentralbank nur dann von geldpolitischer Relevanz, wenn sie diese Geldmenge steuern kann. Eine Kontrolle der Geldbasis allein ist nicht hinreichend, vielmehr muß der Geldmengenmultiplikator entweder konstant oder genau prognostizierbar sein. Da der m1-Multiplikator für die BRD im Zeitablauf keineswegs konstant war, wird in dieser Arbeit u. a. versucht, den Verlauf des Multiplikators zu prognostizieren. Die Untersuchung verwendet im Ansatz die von Durger, Kalish und Babb vorgeschlagene Methode der Multiplikatorprognose. Dabei werden unterschiedliche Erklärungsfaktoren auf ihren Einfluß hin getestet. Da die Bundesbank die Geldbasis außerdem nicht exakt zu kontrollieren vermag, werden ebenfalls alternative, aber besser kontrollierbarere Größen (Liberated Reserves LR und sog. kontrollierbare Geldbasis BC) berücksichtigt.

Die Analyse zeigt für Monatswerte, daß Prognosen der Multiplikatoren hinsichtlich von LR und BC Werte liefern, die zu einer M-Steuerung unbrauchbar sind. Es verbleibt nur die Steuerung mit Hilfe der Geldbasis. Die Prognoseergebnisse bezüglich des betreffenden Multiplikators lassen eine Geldmengensteuerung seitens der Bundesbank mit einigen Einschränkungen zu. Es zeigt sich, daß Zinsgrößen keinen signifikanten Prognosebeitrag leisten, während vergangene Multiplikatorwerte die besten Ergebnisse liefern. Als wichtigster Störfaktor tritt hier, wie auch bei der Geldbasiskontrolle, die außenwirtschaftliche Komponente zutage. Dies führt dazu, daß eine weitgehend exakte Steuerung der Geldmenge von 1956 bis 1967 möglich gewesen wäre. Obwohl ab 1968 die Steuerungsgenauigkeit nachgelassen hat, wäre in diesem Zeitraum (bis 1973) eine entsprechende Geldpolitik trotzdem nicht unmöglich gewesen.

Der Übergang zu Quartalswerten verbessert die Steuerungsmöglichkeit der Geldmenge wesentlich, aber auch hier ist der verschlechternde Einfluß der außenwirtschaftlichen Komponente bemerkbar. Durch den Übergang zu weitgehend flexiblen Wechselkursen und durch einen möglichen stärkeren Einsatz des mengenpolitischen Instrumentariums seitens der Bundesbank ist eine exaktere Steuerung der Geldmenge zu erwarten.

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Hieber, Manfred
"Zur Theorie offener Volkswirtschaften. Ein revidiertes Modell für die makroökonomische Analyse."

Die wissenschaftliche Diskussion der Implikation flexibler Wechselkurse stützt sich gegenwärtig fast ausschließlich auf ein Modell, das einer Reihe gewichtiger Einwände ausgesetzt ist. Diese Einwände geben Anlaß zu einer Korrektur dieses Modells, die in einer Änderung der Spezifizierung der Nachfragefunktionen des Modells und in einer Erweiterung durch Hinzunahme einer zusätzlichen Marktgleichung ihren Ausdruck findet. Das revidierte Modell impliziert, abweichend vom Standardmodell, daß (1) Änderungen des Realwertes der Wertpapiere und/oder der Geldvermögensbestände der Inländer im Ausland über Änderungen des Realwertes der Geldvermögensbestände der Wirtschaftseinheiten unmittelbare Auswirkungen auf die Nachfrage nach Geld, Gütern, Wertpapieren und Geldvermögensanlagen im Ausland haben und die verschiedenen Geldvermögensanlageformen als Substitute anzusehen sind, (2) die Wertpapier- und die Geldvermögensanlagen im Ausland - anders als bei festen Wechselkursen und völlig freiem internationalem Kapitalverkehr - nicht als vollkommene Substitute angesehen werden können, weil sie unterschiedliche Risiken tragen, und (3) für die Vermögensdispositionen der Wirtschaftseinheiten, jedenfalls auf längere Sicht, nicht die Nominalverzinsung auf Geldvermögensanlagen, sondern die Realverzinsung dieser Anlagen relevant ist.

Das revidierte Modell führt zu einer anderen Sicht der internationalen Kapitalbewegungen. Diese sind Ausdruck von Bestandsanpassungen an ein neues Bestandsgleichgewicht mit endlichen Gleichgewichtsbeständen. Der Bestandsanpassungsprozeß wird dabei nicht nur über Zinsänderungen, sondern auch über Änderungen des Realwertes der Geldvermögensbestände vollzogen.

Das "revidierte Modell" kann den Rahmen für die Analyse auch anderer makroökonomischer Fragestellungen bilden. So lassen sich zum Beispiel die Beschäftigungsverhältnisse und die Löhne durch Einbeziehung des Arbeitsmarktes und von Güterangebotsfunktionen berücksichtigen und die Auswirkungen von Veränderungen exogener Variabler auf Beschäftigung und Preisniveau, Löhne, Zinssätze und Wechselkurse analysieren. Das System kann bei Hinzufügung von Hypothesen über die Bildung von Erwartungen bei den Wirtschaftssubjekten über die Entwicklung von Preisen, Löhnen, Wechselkursen usw. auch hinsichtlich seiner dynamischen Eigenschaften analysiert werden und es können die Zeitprofile der Auswirkungen stabilitätspolitischer Maßnahmen untersucht werden.

Das revidierte Modell ist m. E. leistungsfähiger als die entsprechenden keynesianischen Modelle und erlaubt eine gründlichere Diskussion neuer Erfahrungen mit flexiblen Wechselkursen.

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Jonson, Peter D.
"Geld, Preise und Output: Eine zusammenfassende Ansicht"

Der Aufsatz will einige neuere Entwicklungen der Geldtheorie und -politik in eine bestimmte Perspektive bringen, indem dargelegt wird, was wir von ihr über die Struktur des volkswirtschaftlichen Systems gelernt - oder wieder gelernt - haben. Nach einem sehr kurzen historischen Überblick wird die Methode der meisten neueren Untersuchungen erläutert, indem ein sehr einfaches ein Gut/eine Anlage-Modell angeboten wird, um ein oder zwei bedeutende Beziehungen zu beleuchten. Es wird aufgezeigt, wie das einfache Modell Annahmen über die Beziehungen in größere, kompliziertere und wahrscheinlich realistischere Modelle überführt. Die hauptsächlichen Erkenntnisse über die Rolle des Geldes im Wirtschaftssystem, die durch diese Art von Modell gewonnen wurden, wurden getestet und scheinen ziemlich standfest zu sein. Das strenge Testen ökonomischer Theorien in der erörterten Art ist aber eine zeitraubende und teure Angelegenheit. Deshalb wird in dem Aufsatz ein alternativer Vorschlag gemacht, wie die Haupterkenntnisse der modernen Theorie angewandt werden können. Das zwei Güter/eine Anlage-Model, das nur in ganz wenigen neueren Arbeiten verwendet wird, wird benutzt, um ein wichtiges wirtschaftspolitisches Problem zu untersuchen: den wechselnden Trade-off von Inflation und Arbeitslosigkeit.

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Timberlake, Richard H. Jr.
"Destabilisierende Faktoren der gegenwärtigen Geldpolitik"

Der Aufsatz betrachtet die Zeitgeschichte der Geldpolitik in den Vereinigten Staaten. Als Quellenmaterial dienen in erster Linie offizielle Äußerungen des Vorsitzenden des Board of Governors des Federal Reserve System. Diese Äußerungen spiegeln bestimmte Regeln und Grundsätze wider und versuchen, die vom Federal Reserve System in der Dekade von 1964 bis 1974 ergriffenen geldpolitischen Maßnahmen zu rechtfertigen. Diese Geldpolitik und die ihr zugrundeliegenden Grundsätze werden in dem Aufsatz kritisch analysiert, um herauszuarbeiten, wie aus der relativ geldstabilen Volkswirtschaft der sechziger Jahre die instabile Volkswirtschaft der siebziger geworden ist.

Es wird festgestellt, daß bei der Begrenzung der Wirksamkeit der Zentralbankmaßnahmen das Gewicht der politischen Einflüsse stark ist, und daß dann immer passende Argumente vorgebracht werden, die diese Politik vernünftig erscheinen lassen. Die Kontroverse über "Geldmarktindikatoren" (Zinssätze) und "Aggregate" (Geldvolumen) als Leitlinien für die Geldpolitik ist ein typischer Fall für dieses Verhalten. Daß man eine Politik des billigen Geldes, mit dem Lohn- und Preisstopp vom 15. August 1971 für vereinbar hielt, ist ein weiteres Beispiel dafür, daß die Geldpolitik politisch beherrscht wird.

Auch andere Grundlagen der Federal-Reserve-Politik werden im Hinblick auf ihre destabilisierenden Einflüsse untersucht. Der schwere Vorwurf gegen diese Politik liegt in der Tatsache, daß dadurch die vom Federal Reserve System geschaffene Inflationskontrolle mit Hilfe geldpolitischer Instrumente schwierig, wenn nicht unmöglich erscheint, und daß man damit umfassende Maßnahmen der Regierung provozierte, die die Produktivitätssteigerung weiterhin hemmen und die wirtschaftliche Handlungsfreiheit in anderen Wirtschaftsteilen in Frage stellen.

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Roskamp, Karl W. und Tank, Frederick E.
"Verbesserung der wirtschaftlichen Position durch Risikoübernahme: Ein Versuch der Darstellung der Grenzen des Risikoaufwandes"

In dem Aufsatz wird die Möglichkeit untersucht, ein anfangs zu kleines Anlagevermögen durch größere Risikobereitschaft (oder geringere Risikoabneigung) zu überspielen.

Es wird die Lage von zwei Investoren verglichen. Der eine besitzt anfänglich ein großes, der andere ein kleines Vermögen. In dem Computer-Modell wird angenommen, daß beide Anleger ihre Anlageentscheidung aufgrund des gleichen Sortiments von m Wertpapieren treffen können, das sowohl Wertpapiere mit geringem als auch solche mit hohem Risiko enthält. In jeder Anlageperiode werden jeweils die optimalen Portefeuilles ausgewählt. Bedingung ist, daß die Investoren nach den Anlageperioden aus dem Wertpapiermarkt mit dem Anfangs-Vermögensbestand wieder herauskommen. Da es also keinen Netto-Vermögenszuwachs gibt, haben die aus den Portefeuilles resultierenden Einkommensströme Unterschiede in den Verbrauchsniveaus zur Folge. Intertemporaler Verbrauch ist allein eine Funktion der Risikoabneigung. Es gibt demgemäß Grenzen für den intertemporalen Risikoaufwand; sie wurden in einem Simulationsprozeß errechnet und im Schaubild 1 dargestellt.

Das Ergebnis der Untersuchung lautet, daß in einer Wettbewerbsgesellschaft der Möglichkeit, Unterschiede beim Ausgangsvermögen durch eine größere Risikobereitschaft zu kompensieren (das ist ein Freiheitsspielraum für den weniger Begüterten, sein Schicksal zu verbessern), ziemlich enge Grenzen gesetzt sind. Je größer die Wohlstandsunterschiede um so geringer die Aussicht, sie auszugleichen. Das gilt um so mehr, wenn die Kosten je Investitionseinheit (Transaktions-, Informationskosten usw.) nicht wie in der Untersuchung angenommen gleich, sondern für den kleinen Investor höher sind als für den großen. Ein Gleichziehen wird letzten Endes nahezu unmöglich, wenn der vergrößerte Wohlstand gleichzeitig mit größerer Risikobereitschaft einhergeht: Der Reiche trägt mehr Risiko, weil er es sich leisten kann.

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Reiß, Winfried
"Die Random Walk Hypothese bei Bank- und Industrieaktien"

Der Artikel verfolgt ein doppeltes Ziel: Erstens wird für 50 häufig gehandelte Aktien die Random Walk Hypothese mit Hilfe des Run-Tests und durch Schätzung von Autokorrelationskoeffizienten verworfen. Zweitens wird durch Anwendung der Cluster-Analyse gezeigt, daß die Aktien deutscher Kreditinstitute sich bezüglich der Zufälligkeit der Kursschwankungen von anderen Gesellschaften deutlich abheben. Durch Überprüfung der Charakteristika, in denen sich Banken von Industrieunternehmen unterscheiden, kommt der Autor zu dem Schluß, daß die Banken ihre Stellung am deutschen Geld- und Kapitalmarkt ausnützen können und tatsächlich ausnützen, um den Kursverlauf ihrer eigenen Aktien zu beeinflussen.

Diese konstatierte Einflußmöglichkeit können die Banken auch zur Beeinflussung anderer Papiere einsetzen - wenn auch mit geringerer oder zeitlich begrenzter Motivation. Somit kann geschlossen werden, daß eine Ursache für den Mangel an Effizienz deutscher Börsen in der Stellung der Banken liegt.

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