KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1977


Inhalt


Abhandlungen

Frowen, Stephen F. und Kouris, George
The Existence of a World Demand for Money Function: Preliminary Results

Claassen, Emil-Maria
Weltinflation bei flexiblen Wechselkursen

Cansier, Dieter
Einwände gegen die Wirksamkeit der Fiskalpolitik. Ein Beitrag zur Kontroverse zwischen Keynesianern und Monetaristen

Neubauer, Werner
Über die Unmöglichkeit einer monetaristischen Geldpolitik

Ludwig, Wolfgang
Verwässerungsschutzklauseln bei Wandelschuldverschreibungen


Berichte

Von Rosen, Rüdiger
Die Rolle des Internationalen Währungsfonds nach der Teilreform des Währungssystems


Buchbesprechungen

Gehrig, Bruno
Geldmenge und Mindestreserven – Aktiven und Passiven als Bemessungsgrundlage?
(Walter Geiger)

Deutscher Bundestag: Wissenschaftliche Dienste (Hrsg.)
Wirtschaftsordnungsdebatte in der Bundesrepublik Deutschland – Auswahlbibliographie -
(Be)

Läufer, K. A. und Von Lucius, W. D. und Richter, P.
Ökonometrie des Zinssatzes
(Rolf Caspers)


Zusammenfassungen

Frowen, Stephen F. und Kouris, George
„Das Vorhandensein einer Geldnachfragefunktion auf weltweiter Ebene unter festen und flexiblen Wechselkursen: Vorläufige Ergebnisse”

Auf nationaler Ebene ist es möglich, die Geldnachfragefunktion als Richtlinie für die Wirksamkeit der Geldpolitik zu benutzen. Sobald ein quantitatives Verhältnis zwischen dem Geldvolumen, dem Einkommen und der Zinshöhe etabliert ist, kann die kontraktive Wirkung von Zinserhöhungen auf die Geldbestände, wie auch die notwendige Expansion des Geldvolumens für bestimmte Zunahmen des Bruttosozialproduktes beurteilt werden. Auf internationaler Basis ist eine solche Geldnachfragefunktion lediglich unter festen Wechselkursen relevant, denn nur in diesem Fall kann von einer praktisch gemeinsamen Währung gesprochen werden, die die Errechnung einer gemeinsamen Geldnachfragefunktion sinnvoll macht. Obgleich die Periode fester Wechselkurse inzwischen zur Vergangenheit gehört, ist die vorliegende Studie über eine solche Geldnachfragefunktion der Welt keineswegs von nur historischer Bedeutung, da eine spätere Rückkehr zu einem System fester Wechselkurse durchaus im Rahmen des Möglichen liegt. Abgesehen hiervon dürften die Ergebnisse dieser Studie, solange es Staatengruppen gibt, die, wie die EWG, auf längere Sicht hin gesehen nach einer Währungsunion streben, von einiger Bedeutung sein. Im Gegensatz zu den bereits vorliegenden Studien über Geldnachfragefunktionen auf weltweiter Basis beruht diese Arbeit auf Zahlenaggregationen auf nationaler Basis durch Benutzung der 'Pooling Technique', obgleich sich die Anwendung des Modells selbst auf eine Gruppe von zehn führenden Industriestaaten bezieht. Die angewandte Spezifikation berücksichtigt spezifische Shift-Variable, die im wesentlichen die Heterogenitäten darstellen. Durch die angewandte Methode wird die Anzahl der Beobachtungen auf einen Stand von Hunderten von Beobachtungen erhöht, was ermöglicht, einen Anspruch auf asymptotische Eigenschaften der Parameterschätzungen zu erheben; weiterhin ist in diesem Fall ohne Schwierigkeiten eine Unterteilung der Stichproben möglich, um die Stabilität der Funktion zu prüfen. Die Hauptergebnisse dieser Studie können wie folgt zusammenAgefaßt werden. Erstens spielen Zinsen in der Geldnachfragefunktion der Welt eine bedeutende Rolle, besonders im Falle des Eurodollarzinssatzes. Zweitens sind statische wie auch dynamische Formulierungen signifikant, mit besseren Ergebnissen für die dynamische Formulierung. Drittens besteht kein Grund für die Annahme, daß die Geldnachfragefunktion der Welt bei festen Wechselkursen stabil ist; für den Zeitraum flexibler Wechselkurse seit 1971 bricht sie fast zusammen. Dies bedeutet, daß es nicht leicht möglich sein wird, die weltweite Inflation durch eine Kontrolle des Geldvolumens in den in dieser Arbeit berücksichtigten Staaten in einer vorauszusehenden Weise zu beeinflussen. Diese Ergebnisse stehen in gewissem Gegensatz zu denjenigen ähnlicher Arbeiten über die Geldnachfragefunktion der Welt, die lediglich auf Zeitreihendaten und deren Aggregation beruhen. Die Bedeutung der Zinselastizität ist in jenen Studien unklar, besonders im Falle eines einfachen statischen Modells, während die Stabilität der Funktion selbst infolge eines Mangels an Freiheitsgraden nicht leicht geprüft werden kann.

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Claassen, Emil-Maria
„Weltinflation bei flexiblen Wechselkursen“

Grundsätzlich kann ein System flexibler Wechselkurse zu der gleichen, zu einer geringeren oder zu einer höheren Weltinflationsrate führen als die Weltinflationsrate in einem System fester Wechselkurse. In dem Aufsatz wird die Frage untersucht, unter welchen besonderen Bedingungen das System flexibler Wechselkurse inflationärer ist als das System fester Wechselkurse. Wählt man einen bestimmten Typ von Inflationstheorien, und zwar den der monetären Inflationserklärung, als relevante Inflationstheorie, dann lautet die Fragestellung, unter welchen besonderen Verhaltensannahmen im System flexibler Wechselkurse die Wachstumsrate der Weltgeldmenge größer ist als im System fester Wechselkurse. Diese relativ höhere Wachstumsrate der Weltgeldmenge kann aus zwei Ursachenkategorien resultieren. Einerseits kann das System flexibler Wechselkurse in bestimmten Ländern zu einer verminderten nationalen monetären Disziplin führen. Andererseits kann dieses System schlechthin über gewisse Automatismen bzw. Starrheiten eine systematische höhere Weltgeldmenge erzeugen. Speziell werden drei Gründe für eine höhere Inflationsneigung untersucht. Der erste Grund ist der, die Unterbeschäftigungsrate durch eine höhere Inflationsrate zu reduzieren, sofern die Zentralbank an die Existenz einer Phillips-Kurve glaubt und sofern die optimale Wahlentscheidung auf der Trade-Off Linie in einer höheren Inflationsrate resultiert. Der zweite Grund bezieht sich auf ein besonderes Verhalten der Zentralbank, die eine derartige zinsorientierte Geldpolitik betreibt, daß sie keine Reduktion des Nominalzinssatzes zuläßt, sofern der Realzinssatz als Folge einer höheren Inflationsrate in der restlichen Welt fällt, oder daß sie ihren Nominalzinssatz an den des Auslandes anzugleichen bestrebt ist. Der dritte Grund ist der einer möglichen Reduktion der gewünschten Reservenhaltung während der Übergangsperiode von einem System fester Wechselkurse zu einem System flexibler Wechselkurse, sofern die Reduktion mittels eines höheren nationalen Preisniveaus zu bewerkstelligen versucht wird.

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Cansier, Dieter
“Einwände gegen die Wirksamkeit der Fiskalpolitik - Ein Beitrag zur Kontroverse zwischen Keynesianern und Monetaristen”

Dieser Beitrag betont zum einen den temporären Charakter der antizyklischen Fiskalpolitik und setzt sich zum anderen kritisch mit den neueren aus der Theorie der relativen Preise abgeleiteten Einwände der Monetaristen gegen die Fiskalpolitik auseinander. Was die gängige keynesianische Beurteilung der Fiskalpolitik anbetrifft, zeigt sich, daß mit der Vernachlässigung des Zeitmoments die Begrenzungen und Risiken dieser Politik unterschätzt werden. Variationen des Einkommen- und Körperschaftsteuertarifs zur Konsum- und Investitionsbeeinflussung erweisen sich als sehr problematisch. Aber auch gezielte vorübergehende Maßnahmen zur Investitionsbeeinflussung sind wegen der intertemporalen Substitutionseffekte mit erheblichen konjunkturpolitischen Unsicherheiten verbunden und stellen hohe Anforderungen an die richtige Terminierung und Befristung der Politik. Die neuere monetaristische These, die Theorie der relativen Preise spreche gegen die Wirksamkeit der kurzfristigen fiskalischen Stabilisierungspolitik, ist nicht haltbar. Unter realistischen Annahmen sowohl über die Ausgestaltung der antizyklischen Steuerpolitik (einschließlich Investitionszulagen) wie über die Strukturbedingungen der Staatsausgabenpolitik und unter Berücksichtigung des temporären Charakters der Maßnahmen sind die Auswirkungen der Fiskalpolitik nach der monetaristischen Theorie der relativen Preise ähnlich wie nach der keynesianischen Wirkungsmechanik.

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Neubauer, Werner
„Über die Unmöglichkeit einer monetaristischen Geldpolitik”

Das auf der Neoquantitätstheorie basierende geldpolitische Konzept enthält eine Reihe schwerwiegender theorieimmanenter Ungereimtheiten, die auch in der lebhaften Diskussion der letzten Jahre nicht beseitigt werden konnten. Darüber hinaus setzt es institutionelle Regelungen der Geldpolitik und eine gesamtwirtschaftliche Bilanzstruktur voraus, die zumindest in der Bundesrepublik gewiß nicht gegeben sind. Schließlich ist die neoquantitätstheoretische Kampagne bis heute mit Frontstellungen verbunden, die unter den Verhältnissen der Bundesrepublik ganz unverständlich sind. Eine Gegenrevolution gegen einen einseitigen Fiskalismus läuft hierzulande ins Leere, weil die deutsche Konjunkturpolitik vom Ende des zweiten Weltkriegs bis 1967 ausschließlich und seither überwiegend Geld- und Kreditpolitik war. Und die Vorstellung von der Stabilität des privaten Sektors - sofern man ihn nur nicht durch antizyklische Geldpolitik imitiert - nimmt sich in der Bundesrepublik noch viel utopischer aus als in den USA. Die für deutsche Verhältnisse allein relevante neoquantitätstheoretische These - die über den Wirkungsmechanismus der Geldpolitik - kann gleichfalls nicht akzeptiert werden. Der unterstellte Geldangebotsprozeß findet in der Bundesrepublik nicht statt. Denn die Zentralbankgeldmenge ist hier nicht exogen, keine Instrumentvariable der Zentralbank, und die gängigen Korrekturen zugunsten der Exogenität zerstören die sachlogische Beziehung zwischen der sogenannten Geldbasis und der Geldmenge. Hinzu kommt, daß- wenn man nur adäquat mißt - die behauptete Konstanz des Multiplikators nirgendwo zu beobachten ist. Auch die zweite Säule der neoquantitätstheoretischen Version von Geldpolitik trägt nicht: Eine auch nur halbwegs enge Beziehung zwischen Geldmenge - wie immer definiert - und Volkseinkommen ist nicht aufzuweisen. Die starken Schwankungen der Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes sind im Rahmen der Neoquantitätstheorie nicht zu erklären - und erst recht nicht geldpolitisch zu beherrschen. Nota bene: Dem neoquantitätstheoretischen Bild vom Wirkungsmechanismus der Geldpolitik die Validität abzusprechen, heißt keineswegs, Wirkungen der Geld- und Kreditpolitik überhaupt zu leugnen.

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Ludwig, Wolfgang
“Verwässerungsschutzklauseln bei Wandelschuldverschreibungen”

Seit der Emission der Siemens-Wandelanleihe im Jahre 1964 enthalten die Anleihebedingungen von Wandelschuldverschreibungen sogenannte Verwässerungsschutzklauseln für den Fall zwischenzeitlicher Kapitalerhöhungen. Anhand eines Vergleichs mit der wirtschaftlich gebotenen Maßnahme werden die am häufigsten in den Anleihebedingungen auftretenden Gestaltungsformen des Verwässerungsschutzes beurteilt. Die Auswirkungen unterschiedlicher Schutzbestimmungen auf den Anlageerfolg des Inhabers der Wandelschuldverschreibung werden am Beispiel der Siemens-Wandelanleihe von 1964 aufgezeigt. Die wirtschaftlich gebotene Vorgehensweise für den Verwässerungsschutz besteht in einer gleichzeitigen Erhöhung der Anzahl der über die Wandelschuldverschreibung zu beziehenden Aktien und einer Senkung des Bezugs- bzw. Umtauschkurses. Die volle Beteiligung des Wandelobligationärs an der Kapitalerhöhung führt zu einer systematischen Benachteiligung der Aktionäre, die um so stärker ausfällt, je geringer die Wahrscheinlichkeit einer gewinnbringenden Ausübung des Bezugs- bzw. Umtauschrechts ist. Eine Reduzierung des Bezuges- bzw. Umtauschkurses um den Bezugsrechtwert ist mit einer generellen Schlechterstellung der Wandelobligationäre verbunden. Die formelmäßige Reduktion des Bezugskurses führt im Falle eines Aktienkursniveaus oberhalb des Bezugskurses zu einer Benachteiligung der Obligationäre, die noch stärker ausfällt als bei der Reduktion um den Bezugsrechtwert. Bei im Vergleich zum Bezugspreis niedrigem Aktienkursniveau ist eine eindeutige Aussage über die formelmäßige Anpassung nicht möglich. Die systematische Bevorzugung bzw. Benachteiligung der Obligationäre bei der Beteiligung an der Kapitalerhöhung bzw. Reduktion des Bezugspreises läßt sich durch eine Kombination beider Maßnahmen ausschalten. Das Kombinationsverhältnis ist dabei abhängig von der Wertschätzung des Umtausch- bzw. Bezugsrechts. Die Notwendigkeit einer Verbesserung des Verwässerungsschutzes wird deutlich bei Betrachtung der zu Lastender Inhaber der Siemens-Wandelanleihe von 1964 aufgetretenen Vermögensverschiebung von mehr als 4 Millionen DM.

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Berichte

Von Rosen, Rüdiger
„Die Rolle des Internationalen Währungsfonds nach der Teilreform des Währungssystems“

Seit einiger Zeit haben sich die Stimmen gemehrt, die einen Ausbau des Internationalen Währungsfonds fordern mit dem Ziel, diesen erstens stärker als bisher an der Finanzierung der vorhandenen Zahlungsbilanzdefizite zu beteiligen, zweitens ihn stärker eine Überwachungsfunktion ausüben zulassen. Der Bericht behandelt dazu drei Aspekte:
(1) Es werden Art und Umfang der finanziellen Aktivitäten des IWF im Rahmen der allgemeinen Kreditfazilitäten wie der Sonderfazilitäten dargestellt und erläutert;
(2) es werden die wichtigsten Änderungen der im Jahr 1977 wirksam werdenden neuen IWF-Statuten bezüglich des Wechselkurssystems, der Rolle des Goldes und der Sonderziehungsrechte sowie der vierten allgemeinen Quotenerhöhung und der temporären Ausweitung der normalen Ziehungsmöglichkeiten auf den IWF behandelt;
(3) es wird die Rolle des IWF im zukünftigen währungspolitischen Geschehen im Hinblick auf eine Ausweitung der Zahlungsbilanzkredite, einer strikten Überwachung der Wechselkurse und der Kreditvergaben der Geschäftsbanken u. a. behandelt.
Das Resümee des Berichts ergibt, daß der IWF in Zukunft eine Renaissanceerleben und eine stärkere Führungsrolle in der Weltwährungspolitik einnehmen dürfte. Dies um so mehr als es keine andere Institution gibt, die einen echten Druck auf die Wirtschaftspolitik von Defizitländern ausüben kann.

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