KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1978


Inhalt


Abhandlungen

Schlesinger, Helmut
Die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank 1967-1977

Wallich, Henry C. und Keir, Peter M.
The Role of Operating Guides in U.S. Monetary Policy: A Historical Review

Théron, Marcel
La Politique Monétaire Francaise au cours des dix dernières années

Basler, Hans-Peter
Die wirtschaftspolitischen Zielpräferenzen der Deutschen Bundesbank - Eine empirische Analyse des Zentralbankverhaltens für die Zeit von 1958 bis 1974

Krümmel, Hans-Jacob
Perspektiven des Wertpapiergeschäftes


Buchbesprechungen

Witte, Manfred
Probleme der Substanzerhaltung der Unternehmen bei Geldentwertung aus volkswirtschaftlicher Sicht
(Friedhelm Dierkes)

Schwanewede, Gerd
Finanzmärkte in der Bundesrepublik Deutschland
(Gerhard Zweig)

Starbatty, Joachim
Erfolgskontrolle der Globalsteuerung. Konjunkturpolitik unter dem Einfluß der politischen Willensbildung
(Manfred Piel)

Reiners, Josef
Bankwirtschaftliche Verbundsysteme und ihre Stabilität
(Oswald Hahn und Rolf Konold)


Zusammenfassungen

Schlesinger, Helmut
“Die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank 1967 - 1977”

Die Geldpolitik der Bundesbank in den Jahren von 1967 bis 1977 umfaßt in doppelter Hinsicht zwei recht unterschiedliche Perioden. Zum einen gehören die Jahre bis einschließlich 1971 noch stärker in die freilich auslaufende Periode der hohen Prosperität in der Nachkriegszeit mit relativ starkem Wachstum, geringer Arbeitslosigkeit und gebremster Geldentwertung. In den darauffolgenden Jahren haben sich die realen Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung erheblich verschlechtert. Zum andern erfolgte für die Geldpolitik der Bundesbank eine Zäsur mit dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen im Frühjahr 1973. Bis dahin bestand eine wesentliche Aufgabe der Bundesbankpolitik darin, die übermäßige Schaffung von Zentralbankgeld durch Ankauf von Devisen durch liquiditätsabschöpfende Maßnahmen zu neutralisieren. Ungestüme Ausweitungen der Geldmenge und eine Aufblähung des Preisniveaus waren aber gleichwohl nicht zu verhindern. Mit dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen haben sich die Bedingungen für die Geldpolitik verbessert. Die Schaffung von Zentralbankgeld ist nun wieder mehr eine Folge der - leichter beeinflußbaren - Inlandsgeschäfte der Bundesbank. Die außenwirtschaftliche Abhängigkeit ist gleichwohl noch bedeutend: Interventionen im Europäischen Wechselkursverbund spielen ebenso eine Rolle wie der Zwang, übermäßige Kursausschläge gegenüber anderen Währungen in Schach zu halten. Die Geldpolitik der Bundesbank hat den größeren Aktionsradius, den sie mit dem Übergang zum Floating gewann, zunächst - und mit ziemlichem Erfolg - zur Eindämmung der Inflationstendenz und der Inflationserwartungen genutzt. Im späteren Verlauf war sie wieder stärker an der Einflußnahme auf Konjunkturbewegungen und Wechselkursschwankungen orientiert. Die Vorankündigung einer vertretbaren Ausweitung der Geldmenge (definiert als Zentralbankgeldmenge) ist ein Versuch der Objektivierung der Geldpolitik, der bisher in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wurde, über den ein endgültiges Urteil aber noch nicht abzugeben ist.

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Wallich, Henry C. und Keir, Peter M.
„Die Rolle der Steuerungsgrößen in der amerikanischen Geldpolitik - Ein historischer Rückblick“

Dieser Beitrag behandelt die Steuerungsmaßnahmen und monetären Orientierungsgrößen für die amerikanische Geldpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Während der späten 30er und während der 40er Jahre spielte die Geldpolitik eine relativ unbedeutende Rolle. Ende der 40er Jahre machte die Politik einer starren Stützung des Marktes für Staatsanleihen, vom Schatzamt gesteuert, die US-Zentralbank zu einem "lnflationsmotor". Die 1951 zwischen der Federal Reserve und dem Schatzamt getroffene "Abmachung" stellte die Unabhängigkeit der Geldpolitik wieder her. Um einen Rückfall in eine marktwidrige Festsetzung der Zinssätze zu vermeiden, beschloß die US-Zentralbank Anfang 1953, ihre Offenmarktgeschäfte auf Wertpapiere mit sehr kurzer Laufzeit zu beschränken. Diese Politik wurde unter der Bezeichnung "bills-only"-Doktrin bekannt. Mit der Ausrichtung dieser Offenmarktgeschäfte auf unmittelbare monetäre Ziele, insbesondere auf kurzfristige Zinssätze und "freie Reserven" der angeschlossenen Banken (member banks), versuchte die US-Zentralbank reale Ziele wie Wachstum, Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität sowie das Zahlungsbilanzgleichgewicht zu beeinflussen. Nachdem die Federal Reserve sich zunächst auf kurzfristige Zinssätze und freie Reserven festgelegt hatte, stieg sie Anfang der 60er Jahre auf sogenannte Zwischenziele uni, indem sie sich auf das Geldmengenwachstum und auf die Zunahme der Bankkredite konzentrierte. Innerhalb dieser Entwicklung wurden zunächst Bankkredit- und später Geldmengenziele zur Begrenzung der Zinssatzentwicklung eingesetzt, wobei jedoch dies seine Grenzen fand, wenn gravierende Folgen für die Geldmengen- und Kreditexpansion drohten. Später wurden die Rollen von Geldmenge und Zinssätzen vertauscht mit monetären Zielen als Hauptaufgabe und Zinssätzen als festgesetzte Beschränkung. Die wachsende Bedeutung, die den Geldmengenzielen während der 70er Jahre zukam, war ein Spiegelbild der wachsenden Inflation und der Möglichkeit, daß unter diesen Bedingungen nominale Zinssätze für die Geldpolitik keine verläßliche Richtschnur darzustellen brauchen. Jedoch blieb die US-Zentralbank dabei, sowohl die Zinssätze als auch die Geldmenge als Orientierungsgrößen in Betracht zu ziehen. Unter den verschiedenen Geldmengenkonzepten wurde der Geldmenge M, (Bargeld und Sichteinlagen) besondere Beachtung geschenkt. Mit Blick auf das nachlassende stabile Verhältnis zwischen einerseits M und andererseits den Zinssätzen und dem Einkommen, das man ab 1974 feststellen konnte, wurde jedoch M2 (M plus Termin- und Spareinlagen bei commercial banks) gleiches Gewicht zugemessen.

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Théron, Marcel
“Die französische Geldpolitik im Laufe der letzten zehn Jahre”

Im Laufe der letzten zehn Jahre nahm die Geldpolitik mehr und mehr an Bedeutung zu. War sie doch zu Beginn dieser Periode zunächst nur ein einfacher Faktor, um Wachstum und Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten, so wurde sie in der Folge eines der fundamentalen Elemente im Kampf gegen die Inflation. In Frankreich wie auch im Ausland resultiert diese Entwicklung zweifellos aus einem besseren Verständnis der nachfolgenden Wirkung einer exessiven Liquiditätszunahme der Unternehmen und Haushalte. Wenn die Banque de France sich auch eine monetäre Zielvorgabe setzt, so ist sie doch lange kein Verfechter der monetaristischen Lehre. Für die Zentralbank trifft es aber zu, daß sie nicht zwangsläufig ein Anhänger der monetaristischen Theorie, jedoch von jeher in der Praxis mehr oder weniger monetaristisch orientiert ist. Um eine Verlangsamung der Liquiditätszunahme zu erreichen und die Liquiditätsquote der Wirtschaft zu stabilisieren, hat die Notenbank sehr unterschiedliche Mittel verwendet, von denen sich einige in der Praxis in dem Maße als enttäuschend erwiesen, in dem ihre Wirksamkeit durch externe Beschränkungen oder manchmal unterschätzte interne strukturelle Rigiditäten geschwächt worden war. Im untersuchten Zeitraum gelangte die Zentralbank jedoch zu der Erkenntnis, daß für die gegenwärtige Situation die Kreditrestriktion ein unverzichtbares Mittel bleibt. Durch die Bekanntgabe einer monetären Zielvorgabe für die Jahre 1977 und 1978 ist das Bewußtwerden der öffentlichen Hand dafür geschärft worden, daß die Begrenzung der Kreditexpansion nur im Rahmen einer alle Quellen der Geldschöpfung umfassenden konzertierten Aktion sinnvoll ist. Die Geldpolitik stellt kein umfassendes und wirksames Wundermittel angesichts einer Inflation und einer ökonomischen Krise dar, deren Ursprung nicht im monetären Bereich liegt. Die wachsende Bedeutung der Rolle der Geldpolitik darf nicht dazu führen, daß man ihr einen exklusiven Charakter verleiht, sondern nur den ihr zustehenden Platz unter sich verändernden Komponenten der gesamten Wirtschaftspolitik einräumt.

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Basler, Hans-Peter


Im Gegensatz zu zahlreichen normativen Forschungsbeiträgen wurde bisher wenig getan, um das Politikgebaren und die tatsächlichen Zielpräferenzen der Deutschen Bundesbank offenzulegen. Unsere Arbeit wirkt diesem Mangel durch eine positive Analyse des Bundesbankverhaltens entgegen. Dabei wird von folgender Überlegung ausgegangen. Wenn die Deutsche Bundesbank in systematischer Weise auf Zielstörungen reagiert, so muß es möglich sein, aus ihren Politikhandlungen Informationen zu gewinnen über ihre Zielpräferenzen und ihre bevorzugten Instrumentvariablen. Formal erfolgt die Formulierung des Politikrahmens mit Hilfe einer asymmetrischen Verlustfunktion, deren Minimierung unter Berücksichtigung der Strukturrestriktionen zu den Reaktionsfunktionen der Deutschen Bundesbank führt. In dem anschließenden Extraktionsverfahren werden dann aus den ökonometrisch geschätzten Reaktionskoeffizienten die Ziel- bzw. Instrumentpräferenzen herausgelöst. Unsere empirische Analyse prüft für die Referenzperiode die Gültigkeit der folgenden Hypothesen:
1. Hypothese: Die Deutsche Bundesbank räumte der Preisstabilität in allen Phasen der konjunkturellen Entwicklung Vorrang ein.
2. Hypothese: Die deutsche Geldpolitik befand sich in einem ständigen Widerstreit zwischen der Erfordernissen des internen und des externen Gleichgewichts.
3. Hypothese. Die Zielpräferenzen der Deutschen Bundesbank waren unabhängig von denen der Regierungen.
In den empirischen Ergebnissen finden wir die 1. und 2. Hypothese bestätigt, während die 3. Hypothese abgelehnt werden muß. Wir behaupten also. Die Zielpräferenzen der Deutschen Bundesbank waren in der Referenzperiode nicht unabhängig von denen der Regierungen. Daneben offenbart das Bundesbankverhalten eine Höherbewertung der liquiditätspolitischen gegenüber den zinspolitischen Instrumenten.

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Krümmel, Hans-Jacob
“Perspektiven des Wertpapiergeschäftes”

Der Aufsatz betrachtet unter bankpolitischen Gesichtspunkten Perspektiven des Wertpapiergeschäftes, die sich aus den Marktentwicklungen der 70er Jahre ergeben haben. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich ein annähernd lückenfreies System von Finanzierungsinstrumenten an den inländischen und ausländischen Kapitalmärkten gebildet. ein Beweis gegen die dem Banksystem vorgeworfene Traditionsbindung und Phantasiearmut. Zu den Ursachen dieser Entwicklung gehört vor allem die Instabilität der Marktkonditionen (Zins- und Laufzeitstruktur), die zu einer Verengung der Bandbreite der Laufzeiten in Richtung auf kürzere Laufzeiten geführt hat. Das "Kontinuum der Finanzierungsinstrumente" beruht aber auch auf neuen Finanzierungsbedürfnissen, z. B. Recycling des Petrodollars, Großkraftwerkbau und im Bereich der Staatsfinanzierung Wandel von der traditionellen Haushaltsdefizitfinanzierung zur Finanzierung konjunkturwirksamer Ausgaben. Schließlich haben auch institutionelle Hemmnisse zur Ausbildung flexibler und leistungsfähiger Instrumente, wie insbesondere des Schuldscheindarlehens geführt. Die Komplettierung des Kapitalmarktsortiments hat zwei Lücken ausgespart: die Industrieschuldverschreibung und die Aktie. Es wird nachzuweisen versucht, daß die Schwäche dieser beiden Instrumente außerhalb der Einwirkungsmöglichkeiten des Banksystems liegt. Ein zweiter Problemkreis ist die -aus- der Marktentwicklung der 70er Jahre folgende Änderung der Risikolage des Bankwesens, insbesondere durch Hinzutreten der Risiken an den Auslandskapitalmärkten. Es wird die Meinung vertreten, daß trotz tatsächlich beobachtbarer Veränderungen der Risikostruktur ein Bedarf an besonderen aufsichtsrechtlichen Regelungen der inländischen Aufsichtsbehörde kaum besteht. Im besonderen wird untersucht, ob die Hochzinsphase zu einer Einbeziehung festverzinslicher börsengängiger Wertpapiere in die Aktivkomponenten des Grundsatzes III des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen angezeigt ist. Der dritte Abschnitt befaßt sich mit Wettbewerbsfragen des Konsortialgeschäfts, wie der behaupteten Monopolstellung von Konsortien und der Zementierung der Konsortialquoten. Im vierten Abschnitt werden als wertpapiertechnische Zukunftsperspektiven der EDV-Einsatz im Wertpapiergeschäft und der stückelose Wertpapierverkehr diskutiert. Die Probleme liegen hier nicht auf technischem Gebiet oder in der Beschränkung der Marktpalette, sondern in dem prinzipiellen Interesse des Vertrauensschutzes als der Basis des Bankgeschäftes.

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