KREDIT und KAPITAL - Heft 3/1978


Inhalt


Abhandlungen

Schiltknecht, Kurt
Von der Kreditpolitik zur Geldmengenpolitik - Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank in den letzten zehn Jahren

de Strycker, Cecil
La politique monétaire belge au cours des dix dernières années

Crockett, Andrew D. und Heller, Robert H.
The Chancing Role of the International Monetary Fund

Zis, George
A Note on "The Existence of a World Demand for Money Function: Preliminary Results"

Neumann, Manfred J. M.
Konterkarierende Kapitalbewegungen. Eine Überprüfung der deutschen Evidenz

Rousslang, Donald J.
Short-Term International Capital Flows and the Effectiveness of Monetary Policy in an Open Economy: The German Case

Läufer, Nikolaus K. A.
Unsicherheit, Friedmansche Regel und optimale Stabilisierungspolitik


Berichte

Voigt, Fritz und Grunwald, Jorg-Günther
Zur währungspolitischen Situation der Entwicklungsländer


Buchbesprechungen

Mülhaupt, Ludwig
Fragen der Bankplanung aus der Sicht von Wissenschaft und Praxis
(Bernd Rudolph)

Coombs, Charles A.
The Arena of International Finance
(Rüdiger von Rosen)

Wagner, Antonin
Verwaltete Währung
(Werner Glastetter)

Münnich, Frank M.
Einführung in die empirische Makroökonomik
(Werner Glastetter)

Von Raffay, Harald
Erscheinungsformen und Auswirkungen von Indexkoppelungen
(Ludwig Paull)


Zusammenfassungen

Schiltknecht, Kurt
“Von der Kreditpolitik zur Geldmengenpolitik - Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank in den letzten zehn Jahren”

Gemäß Bundesverfassung ist die Hauptaufgabe der Schweizerischen Nationalbank, "den Geldumlauf des Landes zu regeln, den Zahlungsverkehr zu erleichtern und eine den Gesamtinteressen des Landes dienende Kredit- und Währungspolitik zu führen". Als Gesamtinteresse des Landes hat sich Preisstabilität, Vollbeschäftigung und ein möglichst gleichmäßiges Wirtschaftswachstum herauskristallisiert. Unter dem System fester Wechselkurse wurden zur Realisierung dieser Ziele vor allem Maßnahmen gegen den Zufluß ausländischer Gelder und zur Begrenzung des inländischen Kreditwachstums erlassen. Anfänglich wurden diese Maßnahmen wegen eines ungenügenden Instrumentariums in Form sogenannter "Gentlemen's Agreements" gekleidet. Später wurden sie von dringlichen Bundesbeschlüssen abgelöst. Die Maßnahmen genügten mit der Zeit nicht mehr. Vor die Entscheidung gestellt, dem weltweiten Inflationstrend zu folgen oder den Wechselkurs frei flotteren zulassen, entschied sich die Schweizerische Nationalbank für das zweite. Zu Beginn des Jahres 1975 ist die Schweizerische Nationalbank als eine der ersten Notenbanken der Welt zu einer expliziten Geldmengenpolitik übergegangen. Langfristig wird die Geldmenge ungefähr in der Größenordnung der Wachstumsrate der realen Gesamtnachfrage ausgeweitet. Sofern es zur Absorption außenwirtschaftlicher Störungen notwendig ist, wird kurzfristig vom langfristigen Wachstumstrend abgewichen. Die Steuerung der Geldmenge erfolgt über Veränderungen der monetären Basis. In den ersten drei Jahren ist es der Geldmengenpolitik gelungen, die Geldmenge zielkonform auszuweiten, zu stabilen Preisen zurückzukehren und die negativen Folgen der vorangegangenen Inflation zu beseitigen. Diese Erfolge sprechen für eine Fortsetzung der Geldmengenpolitik.

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de Strycker, Cecil
„Die belgische Geldpolitik im Laufe der letzten zehn Jahre “

Die belgische Geldpolitik hat im Laufe der letzten zehn Jahre zweifellos zur Stabilisierung der Konjunktur und des Geldwertes des Franc beigetragen. Ihre Maßnahmen zielten darauf ab, eine Entwicklung der Verschuldung zufördern, die der Ersparnisbildung von Unternehmen und Privatpersonen entsprach sowie destabilisierenden Kapitalströmen ins Ausland entgegenzuwirken. Die Währungsbehörden haben aufgrund der immer komplexeren Situation, die vor allem auf der Beschleunigung der teils infolge von erhöhten Produktionskosten ausgelösten Preissteigerungen sowie auf ein sich tiefgreifend verändertes internationales Währungssystem beruhte, ihre geldpolitischen Maßnahmen geändert. Die Zinspolitik, das wesentliche Mittel der Vergangenheit, basierte mehr und mehr auf dem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht. Damit die Notenbank größeren Einfluß auf Kredite von Unternehmen und privaten Haushalten nehmen konnte, wurde ihre Maßnahmenpalette erweitert. Um das Kreditangebot steuern zu können, wurden die Möglichkeiten eines Rückgriffs der Kreditinstitute auf die Notenbank (den letzten Geldgeber) begrenzt oder aber diese Institute wurden verpflichtet, einen Teil ihrer verfügbaren Mittel einzufrieren (Mindestreservepflicht). Darüber hinaus hat sie zu gewissen Zeiten die Konditionen der Kreditexpansion festgelegt. Schließlich half die Devisenreglementierung mittels eines doppelten Devisenmarktes (reglementierter und freier Markt) wirksam gewisse Kapitalbewegungen zu bekämpfen.

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Crockett, Andrew D. und Heller, Robert H.
“Die wechselnde Rolle des Internationalen Währungsfonds”

Das internationale Währungssystem hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert. Folglich hat die Rolle des Internationalen Währungsfond seine substantielle Veränderung erfahren. Dieser Beitrag zeigt die Änderungen, die die Aufgaben des Währungsfonds, soweit sie sich auf das Wechselkurssystem und die internationale Kapitalbeschaffung beziehen, erfahren haben. Nach dem 2. Zusatzantrag des Übereinkommens verfügen Mitgliedsländer des Währungsfonds über das Recht zur Aufnahme des Zahlungsverkehrs mit dem Ausland nach ihrer eigenen Wahl, während gleichzeitig die Aufsichtsfunktion des Währungsfonds über die Wechselkurse erweitert wurde. Der Beitrag zeigt die Entwicklung des Währungsfonds unter dem Fixkurs-System Bretton Woods', über die Richtlinien zum Floaten bis zum neuen Artikel IV und die vereinbarten Richtlinien und Verfahrensweisen der Überwachung der Wechselkurspraktiken. In bezug auf die internationale Liquidität lag die Bedeutung des Währungsfonds anfänglich einzig darin, bedingte Kreditrechte zu bestimmen. Seitdem wurden verschiedene Abmachungen getroffen, durch die der Währungsfonds im Bereich der internationalen Liquidität beträchtlich an Bedeutung gewann. Der Fonds schuf eine breite Palette an Sonderkreditfazilitäten, die dazu diente, den verschiedenen Bedürfnissen der Mitgliedstaaten zu entsprechen. Die Schaffung der Sonderziehungsrechte zeigt einen bedeutenden Fortschritt in der Beschaffung von uneingeschränktem Kapital an die Mitgliedsländer. Schließlich wird argumentiert, daß die Herstellung eines effektiven Zahlungsbilanzausgleichs und die Bereitstellung und Regulierung des internationalen Kapitals bekanntermaßen miteinander verknüpft sind. Es wird hier offensichtlich, daß die erweiterten Aufsichtsrechte des Fonds eine ständig wachsende Bedeutung für die Zukunft erfahren werden.

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Zis, George
„Ein Beitrag zu "Das Vorhandensein einer Geldnachfragefunktion auf weltweiter Ebene unter festen und flexiblen Wechselkursen: Vorläufige Ergebnisse"”

Dieser Beitrag legt klar, daß die von Frowen und Kouris vorgelegten empirischen Untersuchungen entgegen ihrer Behauptung nicht jene Ergebnisse von Gray, Ward und Zis, die die Geldnachfragefunktion für stabil hielten und eine geringe, unerhebliche Zinselastizität aufzeigen wollten, widerlegen. Die mangelnde Vergleichbarkeit dieser beiden empirischen Ansätze resultiert aus der Tatsache, daß diese beiden Studien zwei verschiedene Hypothesen untersuchten. Indem Frowen und Kouris das von ihnen gewählte Berechnungsverfahren anwandten, folgte daraus zwingend eine Übereinstimmung des Volkseinkommens, der Zinselastizität und der Geldnachfrage. Somit sind die empirischen Ergebnisse weder mit jenen von Gray, Ward und Zis vergleichbar, noch mit der Theorie von der Geldnachfrage vereinbar. Weiter zeigt diese Studie, daß eine instabile internationale Geldnachfragefunktion bei festen Wechselkursen nicht zwingend auch instabile nationale Geldnachfragefunktionen voraussetzt. Schließlich wird hervorgehoben, daß eine bestehende stabile Nachfragefunktion, ganz gleich ob sie zinselastisch ist oder nicht, eine notwendige und hinreichende Bedingung für eine Steuerung des Wachstums des Geldangebots ist, um die Kontrolle der Inflation zu gewährleisten.

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Neumann, Manfred J.M.
„Konterkarierende Kapitalbewegungen - Eine Überprüfung der deutschen Evidenz“

Nach Ricardos Gesetz verhindern feste Wechselkurse und vollständig integrierte Kapitalmärkte, daß die währungspolitischen Behörden einer kleinen offenen Volkswirtschaft eine unabhängige Geldpolitik führen können. Zinsinduzierte Kapitalbewegungen konterkarieren vollständig jede geldpolitische Aktion. Dieser Artikel überprüft die deutschen Erfahrungen der sechziger Jahre. Es wird gezeigt, daß die Ergebnisse vorangegangener Untersuchungen, die einen relativ hohen Grad der Konterkarierung nahelegten, unzutreffend sind. Die vorgelegte Evidenz läßt erkennen, daß nicht mehr als etwa 50% autonomer Veränderungen der deutschen Geldbasis durch zinsinduzierte Kapitalbewegungen im gleichen Quartal neutralisiert wurden.

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Rousslang, Donald J.
„Kurzfristige internationale Kapitalbewegungen und die Wirksamkeit der Geldpolitik in einer offenen Wirtschaft- aufgezeigt am Fall Bundesrepublik Deutschland“

Dieser Beitrag entwickelt ein Modell, um die Fähigkeiten einer Währungsbehörde in einer offenen Wirtschaft zu bestimmen, diskretionären Einfluß auf die inländische monetäre Basis bei einem System fester Wechselkurse auszuüben. Eine vereinfachte Gleichung wurde von dem Modell abgeleitet und dient zur direkten Schätzung der Auswirkungen geldpolitischer Eingriffe auf Kapitalbewegungen mittels Veränderungen in der inländischen Mindestreserve. Dem Modell liegt die Annahme zugrunde, daß in einer Periode kurzfristigen Kapitalmarkgleichgewichts eine Veränderung im inländischen Kreditnachfrageüberschuß, die durch eine Veränderung der Bankenliquidität verursacht wird, sich in Kapitalströme niederschlägt, da Inländer zwischen ausländischen und inländischen Finanzaktiva und -passiva in ihrem Wertpapierbestand substituieren. Diese Veränderungen in den heimischen Wertpapierbeständen treten wahrscheinlich vor den Veränderungen zwischen Rentenwerten, Geldbeständen und Gütern auf. Das Modell wurde für die deutsche Wirtschaft für den Zeitraum von November 1962 bis Mai 1971 angewandt. Danach übernahm die Bundesrepublik Deutschland das System flexibler Wechselkurse. Monatliche Daten wurden beider empirischen Berechnung des Modells zugrunde gelegt. Da ein wichtiges Instrument deutscher Geldpolitik - nämlich die Veränderung der Mindestreserveanforderungen institutionell nur am 1. eines jeden Monats zum Einsatz kommt, kann der Gebrauch monatlicher Daten das Problem des Simultangleichungs-Bias zwischen den geldpolitischen Veränderungen in der Geldbasis und den daraus resultierenden kurzfristigen Kapitalströmen lösen helfen. Monatliche Daten sind auch besser als Quartalsdaten für den Beweis der Wirkungsdichtung zwischen Kapitalströmen und geldpolitischen Veränderungen der Geldbasis geeignet. Die empirischen Ergebnisse dieses Beitrages zeigen, daß Reaktionen der kurzfristigen internationalen Kapitalbewegungen auf geldpolitische Veränderungen in der Kapitalbasis großenteils innerhalb eines Monats beendet sind, und daß solche Kapitalströme reagieren, um zumindest 57 bis 59 Prozent der geldpolitischen Veränderungen der Geldbasis auszugleichen. Da der Ausgleich nicht vollständig ist, werden die deutschen Währungsbehörden durch die kurzfristigen internationalen Geldströme nicht daran gehindert, eine unabhängige Geldpolitik in einem System fester Wechselkurse zu verfolgen, obgleich es möglich ist, daß gelegentliche Neubewertungen dann vorgenommen werden müssen, wenn diese Unabhängigkeit nur aufrecht erhalten werden kann, wenn es weitverbreitete Erwartungen einer Paritätsänderung gibt.

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Läufer, Nikolaus K. A.
„Unsicherheit, Friedmansche Regel und optimale Stabilisierungspolitik“

Eine weite Fassung der Friedmanschen Regel wird systematisch in den Tinbergen-Theil-Brainard-Ansatz der optimalen Stabilisierungspolitik eingeordnet: Nicht lange Wirkungsverzögerungen (Lags), sondern sehr hohe Parameterunsicherheit ist notwendig dafür, daß eine kontrolltheoretisch optimale stabilisierungspolitische Entscheidungsregel mit der Friedman-Regel übereinstimmt oder ihr sehr nahe kommt. Theorieunsicherheit und bisher noch weitgehend vernachlässigte Lernprozesse der Wirtschaftssubjekte treiben die ohnehin vorhandene Parameterunsicherheit in so extreme Höhen, daß die Friedmannschen Regel entweder unmittelbar kontrolltheoretisch optimal ist oder aber aus ökonometrischen Gründen als beste unter den unvermeidbar suboptimalen Entscheidungsregeln gelten kann.

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Berichte

Voigt, Fritz und Grunwald, Jorg-Günther
„Zur währungspolitischen Situation der Entwicklungsländer – Möglichkeiten und Grenzen der Stabilisierung“

Das währungspolitische Problem der Entwicklungsländer besteht in den schon chronisch zu nennenden Zahlungsbilanzdefiziten. Ihre hauptsächlichsten Bestimmungsfaktoren sind sowohl struktureller Art (z. B. Monokulturen, Komplementärstruktur, mangelhafte Infrastruktur) als auch monetärer Art (z. B. inflationäre Entwicklung). Aufgrund der nur begrenzt verfügbaren Ausstattung mit Währungsreserven wird ein Zwang zur Anpassung und Wiederherstellung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts immer dringender. Dabei muß man grundsätzlich unterscheiden zwischen:
- Stabilisierungsmöglichkeiten auf längere Sicht, wie z. B. Technologietransfer in die Entwicklungsländer, Stärkung der Exportfähigkeit durch Verbesserung der Infrastruktur, Schaffung von "Vertrauen", das den privaten Investoren erlaubt, Kapital einzuführen und Gewinne im Lande zu reinvestieren, etc., und
- Stabilisierungsmöglichkeiten auf kürzere Sicht, die allein zur Überbrückung momentaner Zahlungsbilanzschwierigkeiten geeignet sind und daher einen langfristig orientierten Umstrukturierungsprozeß in den Entwicklungsländern (aber auch in den Industrieländern) nicht ersetzen dürfen. Hierzu zählen insbesondere die Kreditmöglichkeiten des IWF, die Zuteilungen von Sonderziehungsrechten (sowie ihre Verbindung - "link" - mit der Entwicklungshilfe), die Rolle des Wechselkurses, die Bildung von Rohstoff-Erzeuger-Kartellen und schließlich die Methoden, die zur Exportpreis- und Exporterlös-Stabilisierung vorgeschlagen werden.
Der Bericht kommt zu dem Schluß, daß in der internationalen Währungspolitik - trotz der vielen für die kurzfristige Überbrückung der Liquiditätsengpässe vorgesehenen Möglichkeiten - solange nur an Symptomen geheilt wird, solange nicht eine vollständige Integration der chronischen Defizitländer in den gesamten Wirtschaftskreislauf gelungen ist. Problemlösungen scheitern gegenwärtig immer noch an der "technischen und ökonomischen Operationalität" sowie an der "politischen Akzeptanz" der vorgeschlagenen Reformbestrebungen. Daher wird es auch noch in der Zukunft mehr oder weniger starke währungspolitische Turbulenzen geben.

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