KREDIT und KAPITAL - Heft 3/1980


Inhalt


Abhandlungen

Deppe, Hans-Dieter
Geldmarkt und Geldmarktkonzepte

Nemitz, Kurt
Aspekte der Geldmarktsteuerung

Bockelmann, Horst
Die Zinsbildung am Geldmarkt

Burchardt, Michael
Beziehungen zwischen Liquiditätsstatus und Geldmarktengagement der Bankengruppen

Herrmann, Armin
Bemerkungen zum Geldmarktgeschehen seit 1975

Peters, Herbert
Eurogeldmärkte - Entwicklung, Probleme, Perspektiven


Berichte

Dickertmann, Dietrich
Erfahrungen mit dem Bundesschatzbrief


Buchbesprechungen

Ritzmann, Franz
Zum Instrumentarium der Schweizerischen Nationalbank. Kritische Betrachtungen. Zur Revision des Notenbankgesetzes
(Ludwig Stirnberg)

Fisher, Douglas
Monetary Theory and the Demand for Money
(Werner Lachmann)

Ruppelt, Hansjürgen
Wettbewerbspolitik und wirtschaftliche Konzentration. Eine vergleichende Untersuchung der Wettbewerbspolitik in ausgewählten Industrieländern
(Norbert Koubek)

Nagatani, Keizo
Monetary Theory
(Werner Lachmann)

Wartenberg, Uwe
Verteilungswirkungen staatlicher Aktivitäten. Ein Beitrag zur Untersuchung der personellen Budgetinzidenz
(Manfred Rose)

Herrman, Armin
Die Geldmarktgeschäfte
(Michael Burchardt)


Zusammenfassungen

Deppe, Hans-Dieter
„Geldmarkt und Geldmarktkonzepte“

Der Beitrag hat das Ziel, die in Literatur und Praxis umstrittene Abgrenzung des "Geldmarkts" unter besonderer Berücksichtigung der institutionellen Gegebenheiten der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der wissenschaftlichen Bankbetriebslehre zu erörtern. Im Mittelpunkt stehen daher die Fragen einer zweckmäßigen Erfassung und Abgrenzung des Geldmarktes der Bundesrepublik. [Der Aufsatz ist erstmalig 1976 in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. h. e. Wilhelm Hasenack, Göttingen, erschienen (Unternehmen und Gesellschaft, nwb-Verlag Herne/Berlin 1976, S. 163 bis 187).] Der Autor unterscheidet die in der Literatur vertretenen Geldmarktkonzepte nach drei Fassungen: 1. Enge Fassung (Zweck der Geldmarktabschlüsse: "Ausgleich vorübergehender Liquiditätsdifferenzen unter Kreditinstituten durch Umverteilung vorhandener Zentralbankgeldbestände der Kreditinstitute"); 2. Mittlere Fassung (Zusätzlich zu den Elementen der engen Geldmarktfassung zu 1 wird auch noch einbezogen in den Geldmarkt "Die Verminderung oder Erhöhung der Zentralbankgeldbestände der Kreditinstitute durch Übernahme bzw. Abgabe geldmarktfähiger Papiere von bzw. an die Zentralbank durch Kreditinstitute"); 3. Fassung ("Kurzfristige Kreditgewährung aller Art"). Der Autor begründet die mittlere Fassung der Geldmarktkonzepte und kommt zu dem Ergebnis: Mit einigen Einschränkungen trifft man das wesentliche Charakteristikum des Geldmarkts in der Bundesrepublik Deutschland, wenn man den Geldmarkt als "Markt für freie Liquiditätsreserven unter Abzug unausgenutzter Rediskontkontingente und des freien Lombardspielraums" bezeichnet.

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Nemitz, Kurt
„Aspekte der Geldmarktsteuerung“

Veränderte Rahmenbedingungen, insbesondere Umfang und Flexibilität internationaler Kapitalbewegungen, haben die geldpolitischen Steuerungsanforderungen an die Bundesbank erhöht und zu einer Weiterentwicklung des geldpolitischen Instrumentariums geführt. Von den jeweiligen Geldmengenzielsetzungen ausgehend, muß die Bundesbank am Geldmarkt ein solches Spannungsverhältnis herstellen und aufrechterhalten, das zum Geldmengenziel paßt. Dabei kommen verschiedene Instrumente zum Einsatz, die in ihrer Gesamtheit den Anforderungen der Grob- und Feinsteuerung genügen und sich - entsprechend dem jeweils gegebenen Steuerungsbedarf - in ihrer Flexibilität, Reversibilität und Kontrollierbarkeit unterscheiden. Eine Priorität für zins- oder liquiditätspolitische Maßnahmen läßt sich dabei nicht konstituieren. Diese - nach den bisherigen Erfahrungen erfolgreiche - "pluralistische" Steuerungskonzeption beruht auf den gegebenen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen und unterscheidet sich insofern von "monistischen" Modellüberlegungen.

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Bockelmann, Horst
„Die Zinsbildung am Geldmarkt“

Entscheidend für die Zinsbildung am Geldmarkt sind die Verhältnisse am Tagesgeldmarkt. Der Tagesgeldmarkt ist ein Markt, an dem in aller Regel nur die Notenbank einen Marktausgleich herbeiführen kann, so daß die Zinsbildung an diesem Markt zwangsläufig dominiert. Angebot und Nachfrage am Tagesgeldmarkt mangelt es gegen Ende des Monats in einer Weise an Flexibilität, für die sich schwer Parallelen an anderen Märkten finden lassen. Das hängt eng mit den Mindestreservevorschriften zusammen, allerdings ganz generell und nicht, wie oft angenommen wird, mit der verzögerten Reservehaltung. Auch bei gleichzeitiger Reservehaltung, wenn sie technisch zu verwirklichen wäre, gäbe es für die einzelne Bank keinen Anreiz, reservepflichtige Verbindlichkeiten abzubauen, denn das würde für sich betrachtet ihre Reserveposition nicht verbessern, sondern verschlechtern.

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Burchardt, Michael
„Beziehungen zwischen Liquiditätsstatus und Geldmarktengagement der Bankengruppen“

Der Beitrag befaßt sich mit den Bestimmungsgründen für das unterschiedliche Engagement der Bankengruppen am deutschen Geldmarkt. Die Basis für die Analyse der Geldmarktaktivitäten bildet der jeweilige Liquiditätsstatus der Banken. Dieser wiederum ist im wesentlichen durch die Kunden- und Geschäftsstruktur determiniert. Aus diesem Begründungszusammenhang ergibt sich der Gang der Untersuchung. Ausgehend von der Analyse der Kunden- und Geschäftsstrukturen werden die grundlegenden Merkmale des jeweiligen Liquiditätsstatus herausgearbeitet und zum Geldmarktengagement der einzelnen Bankengruppen in Beziehung gesetzt. Dabei zeigt sich, daß neben objektiven' liquiditätsstrukturellen Einflußfaktoren auch eine Reihe subjektiver', der individuellen Geschäftspolitik oder bestehenden Rechtsvorschriften entspringender Motive bzw. Bestimmungsgründe eine Rolle spielen. In bezug auf die Nettopositionen der Bankengruppen am Geldmarkt kommt die Untersuchung zu dem folgenden Ergebnis'. Ständig auf der Gläubigerseite des Marktes befinden sich die Realkreditinstitute und die zentrale Geldstelle der Post, während die Gruppen der Regionalbanken und sonstigen Kreditbanken, die Teilzahlungsinstitute, die Privatbankiers und ganz überwiegend auch die "foreign banks" zu den ständigen Geldnehmern zählen. "Von plus zu minus" schwankende Nettopositionen weisen die Kreditinstitute mit Sonderaufgaben, sowie die Großbanken, der Sparkassensektor und der Genossenschaftssektor auf, wobei tendenziell bei allen diesen Gruppen die Gläubigerstellung mehr oder weniger stark überwiegt.

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Herrmann, Armin
„Bemerkungen zum Geldmarktgeschehen seit 1975“

Die Geldmarktjahre 1975 - 1979 waren Jahre zwischen zwei Hochzinsperioden. In dieser Zeit sind mehrere Neuerungen entwickelt worden, die das Geldmarktgeschehen betreffen und gegebenenfalls beeinflussen. Es ist insbesondere die Bundesbank, die solche Neuentwicklungen ausgelöst hat. Wichtig ist, daß man seit der letzten Hochzinsperiode ein "Mehr" an Geldmarktregulierung durch die Bundesbank registriert als vorher. Dagegen lassen es die derzeit gültigen Vorschriften zu, daß bestimmte Geldhandelsgeschäfte den Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Grundsatznonnen (§§ 10 und 11 KWG) entgegen wirken. Das Einfrieren aller iranischer Staatsguthaben bei amerikanischen Banken in aller Welt gibt Anlaß, über die weitere Eingrenzen der politischen Geldmarktrisiken nachzudenken. Der Beitrag schließt mit Ausführungen, die erkennen lassen, daß sich das Volumen der sogenannten Randgeschäfte des Geldmarktes in der jüngeren Vergangenheit offenbar kräftig ausgedehnt hat. Insbesondere der Wechselhandel zwischen Banken hat neue Anregungen bekommen. Daß sich Geschäfte zu Geldhandelsusancen zwischen Banken und Nichtbanken immer weiter verbreiten, wird von der Praxis bestätigt.

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Peters, Herbert
„Eurogeldmärkte, Entwicklung, Probleme und Perspektiven“

Haben die erdölimportabhängigen Industrie- und Entwicklungsländer aus der Krise von 1973 gelernt? Leider muß diese Frage angesichts des zweiten Ölschocks von 1979 und seiner verheerenden Folgen für die davon betroffenen Volkswirtschaften mit einem klaren Nein beantwortet werden. Und so türmen sich hohe Überschüsse bei den OPEC-Staaten auf, während selbst starke Volkswirtschaften wie die Bundesrepublik, ganz zu schweigen von traditionell defizitären Entwicklungsländern, in riesige Leistungsbilanzdefizite rutschen. Da die Überschußstaaten, überaus risikoscheu, gemäß ihrer Anlagestrategie die direkte Finanzierung von Defiziten mit wenigen Ausnahmen ablehnen, vielmehr ihre Mittel nur einem kleinen Kreis feinster international tätiger Banken anvertrauen, bleibt diesen die undankbare Aufgabe der Drehscheibenfunktion unter Inkaufnahme hoher Eigenrisiken. Während die Wahrnehmung dieser Aufgabe 1973 noch relativ leicht fiel, stößt sie heute zunehmend auf Schwierigkeiten. Einerseits haben sich die Bilanzen der Banken in den vergangenen Jahren dadurch rasant aufgebläht, was zu permanenten Eigenkapitalerhöhungen führte, zum anderen sind der Auslandsanteil an den Bilanzen und die darin enthaltenen Länderrisiken bei gleichzeitig fallenden Margen permanent größer geworden. Es ist bereits abzusehen, wann diese Entwicklung an Grenzen stößt, die nur noch schwer zu durchbrechen sein werden. Da echte Alternativen fehlen und auch supranationale Institutionen wie Internationaler Währungsfonds und Weltbank nur sehr bedingt eine Mittlerrolle zwischen Überschuß- und Defizitländern übernehmen können, müssen den Banken sinnvolle, den Risiken angemessene und im internationalen Vergleich wettbewerbsneutrale Rahmenbedingungen seitens der jeweiligen nationalen Bankenaufsichten geschaffen werden. Die Lösung dieses Problems ist vordringlich und muß in den nächsten Jahren bewältigt werden.

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Berichte

Dickertmann, Dietrich
„Erfahrungen mit dem Bundesschatzbrief - Eine fiskalische Analyse“

Der seit Anfang 1969 privaten Anlegern zum Kauf angebotene Bundesschatzbrief mit seinen beiden Erscheinungsformen vorn Typ A und Typ B wurde ursprünglich für die Realisierung vermögenspolitischer Ziele konzipiert. Beachtung verdient dieser Schuldtitel, der besondere schuldentechnische Merkmale aufweist (gestaffelte Verzinsung, Gläubigerkündigungsrecht und Daueremission) jedoch nicht wegen dieser Zielsetzung, sondern wegen seines wachsenden (Finanzierungs-) Beitrags zur Deckung steigender Budgetdefizite in den vergangenen Jahren. Die auf den ersten Blick außerordentlich erfolgreiche Karriere dieses Schuldtitels des Bundes hat aber ihre fiskalischen Schattenseiten. Dies ergibt eine Detailanalyse, bei welcher die monatlichen Absatzergebnisse unter Beachtung der schuldentechnischen Besonderheiten des Bundesschatzbriefes mit der Zinsentwicklung auf dem Kreditmarkt in Verbindung gebracht werden. Es zeigt sich, daß bei der Ausgabe des Bundesschatzbriefes das Ziel der Zinskostenminimierung nicht hinreichend berücksichtigt wird. Den Anlegern werden "Super-Renditen" eingeräumt: Zum einen, weil ein Rendite-Abschlag für das auf Grund des Gläubigerkündigungsrechts entfallende Kursrisikos durchweg nicht angemessen kalkuliert wird, und zum zweiten, weil der Zinsentwicklung des Marktes durch eine entsprechende Ankündigungspraxis bei anstehenden Konditionenänderungen nicht zeitgleich gefolgt wird. Es zeigt sich außerdem, daß der Bundesschatzbrief ein liquiditätsmäßig unzuverlässiger Schuldtitel ist. Statt des mittels Dauermission erhofften kontinuierlichen Mittelzuflusses sind starke monatliche Absatzschwankungen sowohl bei den Brutto-Erlösen als auch bei den Netto-Erlösen auf Grund vorzeitiger Rückgaben zu verzeichnen. Der Grund: Die Anleger sind besser informiert und reagieren zinsempfindlicher, als wohl erwartet. Dies zeigt sich insbesondere, wenn die Anleger bei steigendem Zinsniveau in höher verzinsliche Anlagen umsteigen, was auf Grund des eingeräumten Gläubigerkündigungsrechts risikolos möglich ist. Die vorzeitige Rücknahme der Schuldtitel wirkt sich wie eine automatische Kurspflege zu Lastendes Bundeshaushaltes aus - mit beachtlichen unerwünschten Liquiditäts- und Finanzierungszwängen, die letztlich nur durch zusätzliche Kosten abgewendet werden können. Die positiven Absatzergebnisse und Finanzierungsbeiträge des Bundesschatzbriefes haben also "ihren Preis".

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