KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1981


Inhalt


Abhandlungen

Rudolf Stucken zum 90. Geburtstag

Ehrlicher, Werner
Zukunftsprobleme unserer Wirtschaft

Pippenger, John
The Nature of the Theoretical Debate about Monetarism

Zippel, Wulfdiether
Zur langfristigen Instabilität einer Gold-Reservewährungs-Ordnung

Schanz, Gerhard
Wäre die Einbeziehung der Versicherungswirtschaft in die Mindestreservepolitik kredittheoretisch gerechtfertigt?

Müller, Norbert
Ökonomische Macht sozialer Gruppen und Inflation

Rudolph, Bernd
Ein dynamisches Modell der Kreditbeziehungen zwischen einer Bank und ihren Kreditnehmern

Eilenberger, Guido
Wachsende Geschäftsvolumina als Problem der Unternehmenspolitik von Banken


Berichte

Welcker, Johannes
Technische Analyse durch Computertest bestätigt – Random Walk Theorie widerlegt


Buchbesprechungen

Kromphardt/ Clever/ Klippert
Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – Eine wissenschaftskritische Einführung
(Karl-Heinz Dignas)


Zusammenfassungen

Ehrlicher, Werner
“Zukunftsprobleme unserer Wirtschaft“

Pessimistische Zukunftsprognosen schließen aus der anhaltenden Zunahme der Bevölkerung und der drohenden Erschöpfung der Rohstoffreserven auf Grenzen des Wirtschaftswachstums. Im vorliegenden Beitrag wird daher - nach einigen grundsätzlichen Überlegungen über die Möglichkeiten und Grenzen der Futurologie - zunächst gefragt, ob das exponentielle Bevölkerungswachstum der letzten 300 Jahre weiter anhalten wird. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß heute deutliche Tendenzen zu erkennen sind, die für eine Wende der Bevölkerungsentwicklung sprechen. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die künftige Entwicklung der Produktionsstruktur; es wird dabei die These vertreten, daß die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft durch eine wechselseitige Ergänzung zwischen den Industrieländern und den unterentwickelten Ländern bestimmt sein wird. In unterentwickelten Ländern ist - nach dem historischen Muster der heutigen Industrieländer - eine Ablösung des hohen Anteils der Agrarproduktion durch Ausbau der Industrie und des Dienstleistungssektors zu erwarten. Für die Industrieländer wird die Notwendigkeit der Entwicklung von Substitutionsenergien, die Verlagerung der Produktion auf kapitalintensive Bereiche mit hohem Forschungsaufwand, die Automatisation von Mittel- und Kleinbetrieben durch Mikroprozessoren, die weitere Intensivierung der Telekommunikation und erhöhtes Angebot von quartären Dienstleistungen im Bereich der Wissenschaft und Forschung einerseits und des Gesundheits- und Erholungssektors andererseits bestimmend sein. Diese Entwicklungen werden dazu führen, daß die Erkenntnisse der Wissenschaft im nachindustriellen Zeitalter zum dominierenden Produktionsfaktor in der Technik, der Administration und der Politik werden. Als wohl schwierigstes Problem der Zukunft wird abschließend die politische Sicherung der internationalen Arbeitsteilung und damit des Zugangs zu lebenswichtigen Rohstoffmärkten sowie die Schaffung eines Weltwährungssystems, das die Stabilität einer internationalen Währungseinheit sichert, herausgestellt.

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Pippenger, John
“Die Hintergründe der theoretischen Debatte über Monetarismus”

Es ist allgemeine Überzeugung - wie dies von Benjamin Friedman 1973 mit Nachdruck erklärt wird -, daß es keine theoretische Debatte über Monetarismus gibt. Die Probleme, die die Monetaristen und Keynesianer trennen, sind eher empirischer als theoretischer Natur. In dem nun vorliegenden Artikel soll gezeigt werden, daß es doch eine theoretische Debatte gibt, jedoch wurden die wichtigsten theoretischen Probleme durch standardisierte Makromodelle ausgeklammert, da sie ein ständiges monetäres Gleichgewicht annehmen.

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Zippel, Wulfdiether
“Zur langfristigen Instabilität einer Gold-Reservewährungs-Ordnung“

Es wurde der Versuch unternommen, Aufschlüsse darüber zu gewinnen, ob und inwieweit die traditionelle Auffassung fundiert ist, derzufolge es für den Eintritt eines mißtrauensbedingten Zusammenbruchs einer nach dem Bretton-Woods-Konzept gestalteten internationalen Währungsordnung ausreicht, daß die kurzfristigen Auslandsverbindlichkeiten des Reservewährungslandes seinen frei verfügbaren Vorrat an internationaler Liquidität (Gold) zu überschreiten beginnen. Es zeigt sich, daß diese traditionelle Hypothese revidiert werden muß. Der Ausbruch einer nicht mehr unter Kontrolle zu haltenden Vertrauenskrise ist nicht an eine ganz bestimmte Schulden-Goldbestand-Relation des Emissionslandes der Reservewährung gebunden. Die Anzahl der Notenbanken und die "Größe" der hinter ihnen stehenden Volkswirtschaften, auf welche die Hauptfinanzierungslast der Zahlungsbilanzdefizite des Reservewährungslandes entfällt, üben einen starken Einfluß auf die Wahrscheinlichkeit größerer Konversionsbegehren und eines davon ausgehenden allgemeinen Vertrauensschwundes aus. Die seit 1950 gemachten Erfahrungen und theoretischen Erwägungen legen es nahe, daß der mißtrauensbedingte Zusammenbruch einer Gold-Reservewährungsordnung erst dann nicht mehr abgewendet werden kann, wenn zwei Gegebenheiten zusammentreffen. Und zwar handelt es sich um die Konstellation, daß die Handelsbilanz des Reservewährungslandes in ein länger anhaltendes und kräftiges Defizit abzugleiten beginnt und gleichzeitig das Reservewährungsland mittlerweile bei weitem nicht mehr in der Lage ist, seine kurzfristig fälligen Auslandsverbindlichkeiten zur geltenden Parität in andere Reserveaktiva (Gold) konvertieren zu können.

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Schanz, Gerhard
„Wäre die Einbeziehung der Versicherungswirtschaft in die Mindestreservepolitik kredittheoretisch gerechtfertigt?“

Zu Beginn der 70er Jahre wurde darüber diskutiert, die Instrumente der Deutschen Bundesbank durch Mindestreserven auf Aktiva der Kreditinstitute zu ergänzen. Ein Referentenentwurf sah vor, eine solche Mindestreservepflicht auf alle in § 1 KWG erfaßten Institute auszudehnen, also auch auf Versicherungsunternehmen. Diesem stabilitätspolitisch motivierten Ansatz folgte im Herbst 1977 ein strukturpolitischer (Investitionslenkung) auf dem Parteitag der SPD in Hamburg. Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage, ob die Einbeziehung der Versicherungswirtschaft in die Mindestreservepolitik nach deren systematischem Ansatz gerechtfertigt wäre. Zu fragen ist, ob die Versicherer an multipler Kreditschöpfung teilnehmen, und ob sie in Restriktionsphasen zu einer Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes beitragen. Der Aufsatz kommt zu dem Ergebnis, daß es einen von null merklich verschiedenen Kreditschöpfungsmultiplikator für die Versicherungswirtschaft nicht gibt, daß diese also nicht an multipler Kreditschöpfung teilnimmt und daß es bei der Kapitalbildung und Kreditgewährung der Versicherer an faßbaren Zusammenhängen mit konjunkturellen Einflüssen fehlt, folglich auch an einem prozyklischen Einfluß auf die Umlaufgeschwindigkeit. Die Einbeziehung der Versicherungswirtschaft in die Mindestreservepolitik wäre also systemwidrig.

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Müller, Norbert
„Ökonomische Macht sozialer Gruppen und Inflation“

Gemäß der zentralen These der Anspruchsinflationstheorie sind die Interessen der Wirtschaftseinheiten vor allem darauf gerichtet, ihre Anteile am Sozialprodukt zu erhöhen oder zumindest zu verteidigen. Der Verteilungskampf erfolgt im Wirtschaftsprozeß am Markt und im politischen Prozeß durch Einflußnahme auf den Träger der Wirtschaftspolitik. Die Auseinandersetzungen spielen sich im Rahmen der Tarifautonomie, bei zunehmender Konzentration auf den Märkten, weitgehender staatlicher Vollbeschäftigungsgarantie sowie einer relativ elastischen Geld- und Kreditversorgung ab. Diese Konstellation erlaubt den Akteuren Strategien, deren Ziel zwar die Veränderung der bestehenden Verteilungsrelationen ist, deren Ergebnis aber inflatorische Tendenzen sind.

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Rudolph, Bernd
„Ein dynamisches Modell der Kreditbeziehungen zwischen einer Bank und ihren Kreditnehmern“

Ziel des Beitrages ist es zu zeigen, daß es für Kreditgeber in bestimmten Situationen rational sein kann, Kreditengagements zeitlich auszudehnen und/oder betragsmäßig aufzustocken, obwohl die so entstehenden Kreditpositionen riskanter sind, als es den durchschnittlichen Sicherheitsanforderungen (Bonitätsnormen) der Bank an die Qualität ihrer Kreditforderungen entspricht. Die zusätzliche Kreditposition wäre im Urteil der Bank unzulässig, d. h. der Kreditnehmer nicht kreditwürdig, wenn nicht bereits Kreditforderungen gegen den betrachteten Kreditnehmer in den Vorperioden aufgebaut worden wären. Sie kann unzulässig sein im Urteil jeder anderen Bank mit gleichen Erwartungen und gleicher Risikoeinstellung, soweit diese Bank eine Kreditverbindung mit dem betrachteten Kreditnehmer bislang nicht eingegangen ist. Das mögliche Verhalten der Banken, durch die Gewährung zusätzlicher Kredite zweifelhafte Kredite retten zu wollen, bzw. gutes Geld dem schlechten hinterher zuwerfen, wird mit Hilfe eines einfachen dynamischen Modells des Kreditvergabeentscheidungsprozesses begründet. Dieses Modell dient gleichzeitig der Herausstellung einiger wesentlicher Determinanten der Kreditgeber-Kreditnehmer-Beziehung, die ein solches Verhalten begünstigen Können. Das Modell gibt darüber hinaus Anlaß, auf Instrumente hinzuweisen, die die Banken einsetzen können, um in späteren Stadien der Kreditbeziehung Situationen zu vermeiden, in denen sie zu einer ex ante nicht beabsichtigten Prolongation oder Aufstockung ihres Kredits genötigt werden können.

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Eilenberger, Guido
„Wachsende Geschäftsvolumina als Problem der Unternehmenspolitik von Banken“

Bankbetriebe haben in der Vergangenheit auf wachsende Geschäftsvolumina (als Ausdruck wachsender Betriebsgrößen) mit der Einstellung zusätzlichen Personals reagiert, was zwangsläufig zu entsprechenden Erhöhungen des Personalaufwands führte. Da aber andererseits der Abgeltung derartiger zusätzlicher Kosten - nicht zuletzt auf Grund sich ändernder gesamtwirtschaftlicher Voraussetzungen - über höhere Gebühren und Preise mehr oder weniger enge Grenzen gesetzt sind, erscheinen Überlegungen dahingehend angebracht, wie steigende Geschäftsvolumina, insbesondere im Hinblick - auf den Personalsektor, effizient zu bewältigen sind. In Anbetracht der Besonderheiten bankbetrieblicher Produktionstätigkeit und der wesentlichen Determinanten des Personalaufwands kommen dafür vor allem organisationale Maßnahmen zur Lösung des Problems der begrenzten Entscheidungskapazität und des Problems der optimalen Kontrollspanne in Betracht. Als Konsequenz für die Gestaltung bankbetrieblicher Organisationsstrukturen ergibt sich, daß die Einführung neuartiger Organisationsformen nicht als alleinige und dauerhaft wirksame Therapie angesehen werden kann. Vielmehr bedarf es der laufenden Beobachtung der Entwicklung der Personalwirtschaftlichkeit (Verhältnis von Personalaufwand zur Betriebsleistung) als Frühwarnindikator und brancheninternem Vergleichsmaßstab. Für den Erfolg unternehmenspolitischer Maßnahmen in diesem Bereich kommt es entscheidend darauf an, die Zahl der Organisationsentscheidungen im Verhältnis zur Zahl der Objektentscheidungen zu verringern und die bankbetrieblichen Hierarchien abzuflachen. Dieses Bemühen setzt jedoch voraus, daß auch in Bankbetrieben methodische Ansätze zur Begrenzung des Personalkostenanstiegs Anwendung finden, wie dies in anderen Branchen bereits der Fall ist.

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Berichte

Welcker, Johannes
„Technische Analyse durch Computertest bestätigt – Random Walk Theorie widerlegt“

Hockmann hat ein Experiment zum Test der technischen Analyse durchgeführt. Er testet das Konzept der point & figure Analyse und geht dabei so vor, daß er eine Aktie kauft, sobald ein Kaufsignal vorliegt, sie hält, bis sich ein Verkaufsignal ergibt und unverzinstes Bargeld hält, bis sich wieder ein Kaufsignal ergibt. Der Test wird vorn Computer durchgeführt, ist also völlig frei von jedem subjektiven Element. Der mit äußerster methodischer Sorgfalt durchgeführte Test ergibt, daß eine Anlagestrategie nach der point & figure Analyse wesentlich bessere Ergebnisse ergibt, als eine buy & hold Strategie. Die allgemeine Ablehnung der technischen Analyse durch die wissenschaftliche Literatur ist auf falsche und irreführende Testergebnisse zurückzuführen. Sehr extensiv ist in der Literatur zur Random Walk Theorie die Hypothese getestet worden, daß Kursänderungen einer bestimmten Periode von Kursänderungen der Vorperiode abhängen. Diese Tests ergaben durchweg Unabhängigkeit aufeinander folgender Kursänderungen für Perioden von mehr als zwei Tagen. Dies ist aber kein Test der technischen Analyse, da die technische Analyse eine solche Abhängigkeit gar nicht behauptet. Auch der von Levy durchgeführte Test ist in Wirklichkeit kein Test der technischen Analyse. Levys "Formationen" sind nicht mit denen der technischen Analyse identisch. Weiter stellt Levy das Anlageergebnis eine bestimmte Zeitperiode nach Eintritt des Kauf- bzw. Verkaufsignals fest. Auch dies entspricht nicht der technischen Analyse, da technische Analyse nicht das Halten oder Nichthalten eines Wertpapiers über eine bestimmte Periode empfiehlt, sondern jeweils von Signal zu Signal.

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