KREDIT und KAPITAL

Inhalt Heft 4-1982

Abhandlung

Finanzielle Schwächepunkte der deutschen Wirtschaft, Helmut Schlesinger

Was kann man von der "Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten?, Manfred Tietzel

Die Geldnachfrage in einer offenen Volkswirtschaft :
Bundesrepublik Deutschland 1970 - 1979
, Hans E. Loef

Der Eurodollarmarkt und das Geldangebot, Beda Angehrn

Die Rolle der Wechselkurse :
die Vereinbarkeit unterschiedlicher Standpunkte
, Dietrich K. Fausten

Phillips-Illusionen: Ein Kommentar, Manfred J.M. Neuman

Die Bereitschaft der Banken zur Risikoübernahme im Kreditgeschäft, Jochen Wilhelm

Bericht

Eine Bewertung der europäisch-amerikanischen monetären Beziehungen, Harvey Poniachek






Zusammenfassung
Finanzielle Schwächepunkte der deutschen Wirtschaft
Trotz ihrer im internationalen Vergleich hohen Leistungsfähigkeit zeigt die deutsche Wirtschaft seit längerem deutliche Symptome struktureller Schwächen, insbesondere im finanziellen Bereich. Gravierend ist zum einen die mangelhafte Eigenkapitalausstattung der Unternehmen, die innerhalb von 16 Jahren von fast 30 % der Bilanzsumme auf rd. 20 % gesunken ist. Hauptursache für die ungenügende Eigenkapitalbildung sind die zu geringen Unternehmenserträge. Sie vermindern die Fähigkeit der Unternehmen, aus eigener Kraft die Kapitalbasis zu stärken, und sie verschlechtern auch die Chancen für eine marktmäßige Beschaffung von Risikokapital. Die Ertragslage der Unternehmen wurde nicht nur von der außenwirtschaftlichen Seite her, vor allem durch die zweimaligen Preisstöße für Erdöl und deren unzureichende Bewältigung im inländischen Verteilungsprozeß, geschmälert, sondern auch durch die steigende Belastung mit Steuern einschließlich aller Abgaben. Ein zweiter Schwächepunkt betrifft das Vordringen der kurzfristigen Verschuldung innerhalb der gesamten Fremdfinanzierung der Unternehmen, wobei Zinsüberlegungen eine Rolle spielen, die es unter den gegebenen Umständen geraten erscheinen ließen, sich teuer kurzfristig zu verschulden, in der Hoffnung, die Verbindlichkeiten später zu günstigeren Bedingungen langfristig konsolidieren zu können. Damit kamen aber zusätzliche Unsicherheiten in die Finanzierungsstruktur. Eine kürzere Eigenkapitaldecke und das abnehmende Gewicht der längerfristigen Kreditaufnahme ließen viele Unternehmen empfindlicher gegenüber Zinsänderungen werden, was insbesondere in Phasen eines stark steigenden Zinsniveaus eine Rolle spielt, aber auch wegen der sich im Laufe der Jahre verstärkenden Schwankungen der Zinssätze nach beiden Seiten zu einem 'Problem geworden ist. Letztere sind vor allem ein Ausdruck verstärkter Ungleichgewichte im eigenen Land und in der übrigen Welt, also der größer gewordenen Inflationsraten, der Zahlungsbilanzungleichgewichte, der größeren Instabilität der Wechselkurse und der wachsenden Defizite in den Staatshaushalten. Geringere Zinsschwankungen und damit weniger Unsicherheit in den Dispositionsgrundlagen der Unternehmen lassen sich erreichen, wenn es gelingt, die genannten Ungleichgewichte im Inland und im Verhältnis zur übrigen Welt zu vermindern.Der Angelpunkt für die Beseitigung der finanziellen Schwächepunkte liegt freilich bei der Verbesserung der Ertragsverhältnisse der Unternehmen. Ohne ausreichende Erträge gibt es weder genügend Innenfinanzierung noch einen hinreichenden Anreiz, Risikokapital bereitzustellen. Darüber hinaus erfordert die Fortentwicklung unserer Wirtschaft innovative, risikobehaftete Investitionen, die nicht überwiegend mit Fremdmitteln finanziert werden können. Da aber auch bei einer verbesserten Gewinnlage diese Probleme kaum allein durch Eigenfinanzierung zu lösen sein dürften, stellt sich die Frage nach der Bereitstellung von Risikokapital, deren Bedingungen verbessert werden müßten. Dies bedeutet vor allem : Belebung der Aktienemission und der Gründung von (bzw. Umgründung in) Aktiengesellschaften. Dabei wäre zu prüfen, ob sich nicht einige der auf dem Gebiet der Besteuerung sowie bei den Ernissionskosten bestehenden Hemmnisse beseitigen ließen und ob es generell angezeigt ist, Gewinne, die Unternehmen für die Innenfinanzierung von Investitionen und damit Arbeitsplätzen einbehalten, den gleichen hohen Steuersätzen unterworfen sein sollten wie das individuelle Einkommen eines Großverdieners, die heute den Maßstab für die Höhe des Körperschaftsteuersatzes und die Grenzsteuersätze der Einkommensteuer abgeben.
Was kann man von der "Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten?
Die "Theorie rationaler Erwartungen" kann die These von der Ohnmacht jeder diskretionären Wirtschaftspolitik, die zu beweisen sie - vermutlich entwickelt wurde, nicht adäquat erklären. Ihre Prämissen sind unrealistisch und können daher nur zeigen, wie der zu erklärende Sachverhalt möglicherweise, nicht aber, wie er tatsächlich zustandekommt. Bestimmte Informationen, die für eine rationale Erwartungsbildung erforderlich wären, können unter keinen Umständen beschafft werden; eine einheitliche Erwartungsbildung aller Wirtschaftssubjekte ist, da nur zufällig und nicht systematisch möglich höchst unwahrscheinlich denn weder kann vorausgesetzt werden, daß die Erwartungsbildung nach einem einzigen "wahren Strukturmodell" erfolgt, noch kann eine Gleichverteilung der Informationen angenommen werden. Zu den Verdiensten der Theorie gehört, daß mit ihr ein indirekter Erkenntnisfortschritt verbunden ist, indem in ihrem Lichte konkurrierende Erwartungshypothesen durchgreifend kritisiert werden konnten, und daß sie auf die bedeutende Rolle des theoretischen Wissens für die Bildung von Erwartungen hinweist.
Die Geldnachfrage in einer offenen Volkswirtschaft :
Bundesrepublik Deutschland 1970 - 1979
In einer offenen Volkswirtschaft, in der internationale Kapitalbewegungen und der Devisenbesitz nicht oder nur unwesentlich eingeschränkt sind, erscheint es plausibel, nicht nur die inländischen Zinssätze und die zu erwartende Inflationsrate sondern auch ausländische Opportunitätskosten als Alternativkosten zu berücksichtigen. Ausländische Rentenwerte und Devisen können als die geeignetsten ausländischen Alternativen zur inländischen Kassenhaltung betrachtet werden. Devisenaustausch erlaubt dem Inländer Devisen zu halten, während der Einzelne im Ausland inländisches Geld halten kann. In einer offenen Volkswirtschaft wird daher die Nachfrage nach realem inländischem Geld durch die zu erwartenden Wechselkurse und ausländischen Zinssätze beeinflußt. Auf vierteljährlichem Datenmaterial basierende empirische Untersuchungen für Deutschland 1970 - 1979 liefern überzeugende Beweise dieser theoretischen Thesen. Von besonderer Bedeutung für diesen Beitrag - neben dem Einfluß ausländischer Zinssätze - sind die negativen Auswirkungen der zu erwartenden Inflationsrate sowie der positive (negative) Einfluß einer zu erwartenden Aufwertung (Abwertung) der inländischen Währung gegenüber Fremdwährungen auf die Nachfrage nach realem inländischem Geld.
Der Eurodollarmarkt und das Geldangebot
Im vorliegenden Beitrag wird die geldangebotstheoretische Rolle des Eurodollarmarktes analysiert. Zugrundegelegt wird dabei zuerst ein entsprechend erweitertes Geldangebotsmodell und anschließend ein relativ allgemeines Portfoliomodell. Die Analyse zeigt, daß der Eurodollarmarkt grundsätzlich expansiven Charakter hat. Gleichzeitig wird klar, welche ökonomischen Zusammenhänge im Rahmen dieses expansiven Effektes eine entscheidende Rolle spielen. Geldpolitisch macht die Analyse deutlich, daß trotz des expansiven Charakters des Eurodollarmarktes die Kontrolle über das Geldangebot den Zentralbanken keineswegs entglitten ist, und daß Mindestreservevorschriften für Eurodollardepositen den expansiven Charakter des Eurodollarmarktes nicht notwendigerweise eliminieren würden.
Die Rolle der Wechselkurse :
die Vereinbarkeit unterschiedlicher Standpunkte
Die Gegensätze unterschiedlicher Auffassungen des Wechselkurses als der durch die Warenmärkte bestimmte, relative Preis des Sozialproduktes einerseits und als der durch die Märkte für Vemögenswerte bestimmte, relative Preis von Währungen andererseits werden kritisch untersucht. Bei einem richtig aufgestellten Bestandsanpassungsmodell werden die nominellen Wechselkurse sowohl durch reale als auch durch monetäre Störungen beeinflußt. Jede These, daß diese Auffassungen sich gegenseitig ausschließende Alternativen darstellen, ist daher abzulehnen. Andererseits deuten die unterschiedlichen Anpassungsgeschwindigkeiten auf den Märkten für Vermögenswerte und Waren darauf hin, daß bei der kurzfristigen Bestimmung von Wechselkursbewegungen der Markt für Vermögenswerte die vorherrschende Rolle spielt.
Phillips-Illusionen: Ein Kommentar
Dieser Kommentar zu Holtfrerich (1982) versucht zu zeigen, daß dessen Behauptung, der Übergang von fixen zu flexiblen Wechselkursen habe eine Zunahme des kurzfristigen Phillips-Trade-off bewirkt weder theoretisch begründet noch empirisch nachgewiesen ist.
Die Bereitschaft der Banken zur Risikoübernahme im Kreditgeschäft
Unter welchen Bedingungen Banken bereit sind, im Kreditgeschäft Risiken zu übernehmen, ist eine im bankwissenschaftlichen Schrifttum umstrittene Frage. Die vorherrschenden Thesen sind die These von der Abgeltung des Risikos im Zins - diese These ist theoretisch fundierbar - und die These von der Normierung des Risikos - diese These stützt sich auf Beobachtungen der Praxis des Kreditgeschäftes -. Der vorliegende Beitrag stellt zunächst theoretische Rechtfertigungen der Risikoabgeltungshypothese vor und zeigt, daß ihre Konsequenzen mit dem zugänglichen empirischen Wissen nicht vereinbar sind. Im Gegensatz dazu entwickelt der Beitrag die Hypothese, daß Banken grundsätzlich an der Vermeidung von Risiken interessiert sind. Für dieses Verhalten wird eine theoretische Begründung geliefert, die an der für Banken typischen Risikoempfindlichkeit anknüpft. Einige mögliche Einwände, die sich auf empirisch zu beobachtende Fakten wie Kreditausfälle und Zinssatzdifferenzierung stützen könnten, werden diskutiert.
Eine Bewertung der europäisch-amerikanischen monetären Beziehungen
Die europäisch-amerikanischen internationalen monetären Beziehungen befinden sich in einer Übergangsphase; sie sind unzulänglich, kontrovers und entbehren sowohl eine gemeinsame Zielvorstellung und ein gemeinsames formelles System als auch einen institutionellen Rahmen für die Koordinierung der Geldpolitik. Zur Zeit hat sich eine bedeutungsvolle Abweichung zwischen den amerikanischen und europäischen Einstellungen zu einer eng umrissenen Zusammenarbeit (d. h. Wechselkurse und Zinssätze) bemerkbar gemacht. Meinungen über Finanzbeziehungen im weiteren Sinne (z. B. weltweite Geld- und Finanzstruktur, Arbeitsweise, Umwelt) weichen jedoch weniger voneinander ab. Ferner gibt es einen bedeutenden Widerspruch zwischen der amerikanischen Außenpolitik und der internationalen Geld-/Finanzpolitik in Europa, besonders bei monetären Beziehungen im engeren Sinne. Die transatlantische Kontroverse über Wechselkurse und Zinssätze bleibt ungelöst und eine Fortsetzung der Disparität in europäisch-amerikanischen monetären Beziehungen kann erwartet werden. Bemühungen, diese Abweichung zu eliminieren oder gemeinsame Interessen zu fördern, sind weder wahrscheinlich noch gerechtfertigt. Es kann daher nicht damit gerechnet werden, daß der nächste westliche Wirtschaftsgipfel die amerikanisch-europäische Kontroverse lösen wird. Schließlich hat das Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahl erhebliche 'Unsicherheit in der Europäischen Gemeinschaft verursacht und die Aussichten auf ein europäisches Währungssystem sowie dessen globale Auswirkung verringert. Währungsfragen könnten die Europäer mit sehr schwierigen Problemen konfrontieren und eine Zone rnonetärer Instabilität schaffen, die die innereuropäische Handels- und Investitionsströme erheblich beeinflußt. In dieser gegenwärtigen Situation befindet sich der US-Dollar im starken Aufwind, und die Frage einer transatlantischen monetären Zusammenarbeit ist für US-Politiker verhältnismäßig unbedeutend geworden.