KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1983


Inhalt


Abhandlungen

Nölling, Wilhelm
Internationale Verschuldung - Wege aus der Krise

Pohl, Rüdiger
Nicht-neutrale Inflation

Allsbrock, Odgen O. Jr. und Gilliam, Kenneth, P.
An Industrial Interpretation of Inflationary Unemployment

Sinn, Hans Werner
Pro und contra Crowding-Out. Zur Stichhaltigkeit dreier populärer Argumente

Borchert, Werner
Einige außenwirtschaftliche Aspekte staatlicher Verschuldung

Langfeld, Enno
Kann eine monetäre Schätzgleichung zur Verbesserung der Konjunkturprognosen beitragen? Erwiderung zum Beitrag von Charles C. Roberts

Hesberg, Dieter
Risikovorsorge durch Kreditausfall- und Zinsänderungsrückstellungen im Jahresabschluß von Banken

Neldner, Manfred
Portfoliostruktur der Geschäftsbanken und Geldumlaufgeschwindigkeit. Der empirische Befund für die Bundesrepublik Deutschland


Berichte

Von Rosen, Rüdiger
Gedämpfter Optimismus aus der IWF-Jahresversammlung 1983


Buchbesprechungen

Woytanowskyj, S. und Judt, E and Wagner, M.
Marketing der Konsumenten-Kredite
(Erich Priewasser)

Klein, Ernst
Deutsche Bankengeschichte von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches (1806)
(Jürgen Maura)

Von Bonin, Konrad
Zentralbanken zwischen funktioneller Unabhängigkeit und politischer Autonomie. Dargestellt an der Bank von England, der Bank von Frankreich und der Deutschen Bundesbank
(Rolf Caesar)


Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft
(Manfred Piel)


Zusammenfassungen

Nölling, Wilhelm
„Internationale Verschuldung - Wege aus der Krise“

Die bisherigen Bemühungen zur Bewältigung der internationalen Verschuldungskrise sind durch eine Vielzahl von pragmatischen ad-hoc-Maßnahmen gekennzeichnet, durch die das Schlimmste verhindert werden konnte. Es ist jedoch fraglich, ob sich die Krise auf diese Weise auch überwinden läßt. Voraussetzung dafür wären die entlastenden Wirkungen einer Wiederbelebung der Weltwirtschaft, deren Eintreten jedoch ungewiß ist. Vor diesem Hintergrund befürchteten unzulänglichen Wirtschaftswachstums sind die gegenwärtig diskutierten alternativen Lösungsvorschläge zu sehen, die sich als drei Grundtypen kennzeichnen lassen. Bei der bankinternen Lösung werden die Banken auf bankbetriebliche Betrachtungsweisen verwiesen, die es nahelegen, bei Zahlungsschwierigkeiten mit neuen Krediten zu helfen und im Insolvenzfall alte Kredite abzuschreiben. Die Problematik dieser Lösung liegt darin, daß mehr Wertberichtigungsbedarf entstehen würde, als ohne spektakuläre Bankenzusammenbrüche verkraftet werden kann, da derzeit wohl jedes in Verzug geratene Land als zumindest teilinsolvent erklärt werden müßte. Die Konversionslösungen wollen die Banken durch die Einschaltung von Konversionsagenturen systematisch gegen Abschlag von problematischen Altschulden entlasten, um in den Bilanzen wieder Platz für "traditionelle Geschäfte" im internationalen Bereich zu schaffen. Durch das Bemühen um eine umfassende Lösung wird jedoch bereits jetzt die Gefahr beträchtlicher Forderungsverluste herausgestellt, was die Banken im Neukreditgeschäft demotivieren dürfte. Außerdem ist dieser Ansatz mit einem erheblichen Kapitalbedarf verbunden. Auch lassen sich disincentive-Effekte für die Schuldnerländer nicht ausschließen. Bei der Lösung durch Liquiditätszufuhr geht es darum, die Schuldendienstfähigkeit der Problemländer weniger durch Umschuldung und Anpassung als durch Expansion wiederherzustellen. Dieser Ansatz ist vor allem aus politischen Gründen problematisch, da die Industrieländer weder einer Geldschöpfung zugunsten der Entwicklungsländer noch einer Erhöhu?????u?????ng der Entwicklungshilfeleistung zustimmen dürften. Als Resultat ergibt sich, daß die Fortsetzung des bisherigen pragmatischen Krisenmanagements nicht unvernünftig zu sein scheint, wenn dieses Verfahren durch zieladäquate Liquiditätszufuhr ergänzt wird. Entscheidend für den Erfolg aller Bemühungen bleibt jedoch die nachhaltige Wiederbelebung der Weltwirtschaft.

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Pohl, Rüdiger
„Nicht-neutrale Inflation“

In der Inflationstheorie wird anerkannt, daß im Gleichgewicht einer stationären Wirtschaft die Inflationsrate und die nominale Geldmengensteigerungsrate übereinstimmen. Diese Beziehung stellt jedoch noch keine Inflationstheorie dar, denn sie schließt den Fall nicht aus, daß die Geldmengensteigerungsrate und mithin die Preisänderungsrate null oder negativ ist. Das inflationstheoretische Kernproblem besteht darin zu begründen, warum die Geldmengensteigerungsrate und damit die Inflationsrate positiv ist. Im Rahmen der "Neuen klassischen Makroökonomik" ist die Inflation ohne Effekte, also neutral. Da somit alle Preisänderungsraten im Hinblick auf ihre Realwirkungen gleichwertig sind, bleibt das inflationstheoretische Kernproblem ungelöst. Es gibt für die monetären Instanzen keinen Grund, eine positive Preisniveauänderungsrate einer negativen oder einer von null vorzuziehen. In dem Aufsatz werden dagegen Modelle mit nicht-neutraler Inflation (bei rationalen Erwartungen) daraufhin untersucht, inwieweit sie einen Zugang zum inflationstheoretischen Kernproblem liefern. Hat die Inflation Realeffekte, so kann dies die monetären Instanzen veranlassen, bestimmte Preisniveauänderungsraten anderen vorzuziehen wegen der damit implizierten Realwirkungen. Es zeigt sich aber, daß viele makroökonomische Modelle, die reale Effekte einer Inflation begründen, gleichwohl für die Lösung des inflationstheoretischen Kernproblems ungeeignet erscheinen. In manchen Modellen ist die optimale Inflationsrate null, in anderen setzt ein Optimum nur die Stabilisierung der Inflationsrate (auf welchem Niveau auch immer) voraus. Es wird jedoch auch ein Modell diskutiert, in dem autonome Lohn- und Preisfixierungen vorkommen, die auch auf das aggregierte Lohn- und Preisniveau durchwirken. In diesem Modell ist die optimale Preisniveauänderungsrate positiv.

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Allsbrock, Odgen O. Jr. und Gilliam, Kenneth, P.
„Eine industrielle Interpretation von Arbeitslosigkeit bei Inflation“

Dieser Aufsatz entwickelt die Hypothese, daß wiederholte Konjunkturzyklen immer stärkere Phasen von gleichzeitiger Inflation und Rezession erzeugen können. Als Modell wird das Keynes-Hicks-Hansen-Smith-Paradigma verwendet. Wenn man darin ein Preis- und Produktionsverhalten der Unternehmen berücksichtigt, das mit fortschreitenden Konjunkturzyklen zunehmend monopolistisch mit Werbung konkurriert, dann lassen sich eine verstärkte Produktionseinschränkung und anschließend immer höhere Preisniveaus in den folgenden Rezessionen begründen. Es gibt jetzt Evidenz dafür, daß diese Hypothese tragfähig ist. Nach einer empirischen Untersuchung gewannen die Unternehmen, die eine Rezession überlebten, im Durchschnitt etwa ein halbes Prozent Marktanteil hinzu, aber sogar mehr als ein Prozent, wenn sie ihre Werbungskosten um 28 % oder mehr erhöhten.

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Sinn, Hans Werner
“Pro und Contra Crowding Out - Zur Stichhaltigkeit dreier populärer Argumente”

Drei zum Nachweis der Ineffizienz keynesianischer Nachfragepolitik immer wieder vorgebrachte Behauptungen werden in diesem Aufsatz kritisiert. Die erste ist, daß Nachfragepolitik zur Bekämpfung der gegenwärtigen Rezession unwirksam sei, weil es an ausreichendem Angebot mangele. Diese Behauptung verkennt, daß eine freiwillige Unterbeschäftigung nachfrageinduziert sein muß, falls, wie es in der Bundesrepublik Deutschland wohl wirklich der Fall ist, der Reallohnsatz trendmäßig nicht über jenem Niveau liegt, das er vor dem Beginn der Rezession innehatte. Die zweite Behauptung ist, zur Konjunkturbelebung seien kreditfinanzierte Ausgabenprogramme weniger geeignet als solche, die durch Steuererhöhungen finanziert werden, weil mit der Kreditfinanzierung eine höhere Belastung der Kapitalmärkte verbunden sei. Diese Behauptung setzt implizit eine vermögensabhängige Geldnachfrage voraus, die sowohl einer empirischen als auch einer theoretischen Fundierung entbehrt. Ohne eine Vermögensabhängigkeit der Geldnachfrage sind beide Maßnahmen bezüglich der Verdrängung privater Investitionen äquivalent. Schließlich wird argumentiert, bei flexiblen Wechselkursen und perfektem internationalem Kapitalverkehr werde staatliche Nachfragepolitik durch konterkarrierende Wechselkursänderungen vollständig kompensiert. Das Problem bei dieser Aussage ist, daß sie nur unter der zusätzlichen Annahme nichtspekulativer Wechselkurserwartungen gilt. Unter der gängigen Annahme spekulativer Kurserwartungen bleibt keynesianische Nachfragepolitik trotz einer perfekten Kapitalmobilität wirksam.

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Borchert, Werner
“Einige außenwirtschaftliche Aspekte der Staatsverschuldung”

Im Zentrum der wirtschaftspolitischen Diskussion der letzten Zeit stehen Investitionsvolumen, Staatsausgaben und Zahlungsbilanz. Während man sich der interdependenten Beziehung zwischen Investitionstätigkeit und staatlicher Aktivität allgemein bewußt ist, wird die globale Beziehung zwischen Staatsausgaben und Zahlungsbilanz regelmäßig unterschätzt oder gar nicht registriert. Im vorliegenden Beitrag wird deshalb insbesondere diese Beziehung untersucht. Staatsausgaben werden durch Steuern, Kredite oder Wertpapiere finanziert. Jede dieser Finanzierungsarten hat einen ganz bestimmten Einfluß auf die Liquidität einer Wirtschaft und das Zinsniveau, über dieses dann auch auf die Zahlungsbilanz. Dies wirkt nicht allein auf den zinsabhängigen, kurzfristigen (aber auch langfristigen Kapitalverkehr), sondern über die Kapitalbilanz auch auf die Leistungsbilanz und über diese schließlich wieder auf das Volkseinkommen. Staatsausgaben können aber auch durch eine Kreditaufnahme im Ausland finanziert werden. Die Zahlungsbilanzwirkung dieser Auslandskredite hat ähnliche Wirkungen wie die Kreditaufnahme im Inland. Alle diese Wirkungen haben gerade in den letzten Jahren das Verhalten der privaten Wirtschaftssubjekte beeinflußt, so daß es für die Liquiditätspolitik einer Volkswirtschaft entscheidend darauf ankommt, auf jene Verhaltenswirkungen abzustehen. Für die Geldpolitik bedeutet dies dann, daß heute nicht nur quantitative, sondern insbesondere qualitative Ziele verfolgt werden müssen.

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Hesberg, Dieter
„Risikovorsorge durch Kreditausfall- und Zinsänderungsrückstellungen im Jahresabschluß von Banken“

Die in dem ersten Vorschlag der EG-Kommission für eine Bankbilanz-Richtlinie nur unwesentlich eingeschränkte Zulässigkeit stiller Reserven gibt Veranlassung, die Formen einer speziellen Risikovorsorge im Bankbetrieb und deren eventuellen Ausweis in der Rechnungslegung zu untersuchen. Die in ihrer Größenordnung für Kreditinstitute bedeutsamen, über größere Zeiträume auszugleichenden Kreditausfall- und Zinsänderungsrisiken werden derzeit bei der Überschußermittlung und -verwendung nur mehr oder minder global berücksichtigt; in den herkömmlichen Bankabschlüssen erfahren sie keine ihrer Bedeutung entsprechende Abbildung. Vorgeschlagen werden deshalb Rückstellungen für Kreditausfall- und Zinsänderungsrisiken. Deren Zuführungs- und Entnahmemodus läßt sich mit normierten, dem individuellen subjektiven Ermessen entzogenen Vorgaben risikogerecht und zielorientiert gestalten. Entsprechende Regeln ermöglichen eine funktionsgebundene Risikovorsorge, deren Darstellung im Jahresabschluß zugleich Gesichtspunkte der statischen und dynamischen Bilanztheorie verbindet.

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Neldner, Manfred
„Portfoliostruktur der Geschäftsbanken und Geldumlaufgeschwindigkeit - Der empirische Befund für die Bundesrepublik Deutschland“

Als geldpolitische Zwischenzielgröße dient heute überwiegend die Geldmenge. Andere potentielle Zwischenzielgrößen, wie das Bankkreditvolumen, finden hingegen nur noch am Rande Beachtung, obwohl des öfteren behauptet worden ist, daß der Teil der Geldmenge, der im Zuge der bankmäßigen Kreditgewährung in den Kreislauf gelangt, die wirtschaftliche Aktivität weitaus stärker beeinflußt als der Teil, der seine Entstehung etwaigen Wertpapierkäufen der Banken verdankt. Inwieweit die Portfoliostruktur des Bankensektors tatsächlich die Produktions- und Einkommensentwicklung beeinflußt, wird für die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen eines einfachen Modellansatzes statistisch überprüft. Und zwar wird gefragt, ob die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zunimmt, wenn die Banken ihre Kreditgewährung im Verhältnis zu ihren Wertpapierbeständen ausdehnen, beziehungsweise ob sie abnimmt, wenn sich die Portfoliostruktur zugunsten der Wertpapierhaltung verschiebt. Legt man als Untersuchungszeitraum die Jahre 1968 bis 1980 zugrunde, dann zeigt sich, daß die Art und Weise, in der das Geld in den Umlauf gebracht wird, für den Wirtschaftsablauf keineswegs ohne Bedeutung ist. Zwar scheint die Wirkungsintensität des Portfoliostruktur-Effekts im Zeitablauf erheblich zu schwanken. Aber spätestens ab dem zweiten Drittel der 70er Jahre ist der Zusammenhang zwischen den Veränderungen der Portfoliostruktur und denen der Geldumlaufgeschwindigkeit so deutlich ausgeprägt, daß eine rationale Geldpolitik künftig kaum umhinkommen wird, der Aktivseite der Bankbilanzen mehr Aufmerksamkeit als bislang zu widmen.

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Berichte

Von Rosen, Rüdiger
„Gedämpfter Optimismus aus der IWF-Jahresversammlung 1983“

Im Mittelpunkt der diesjährigen Jahresversammlung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank standen neben der Erörterung der Weltwirtschaftslage und der internationalen Schuldensituation die künftige Politik des IWF im Rahmen des "Erweiterten Zugangs" sowie die Refinanzierung dieser Kreditfazilität und der Ausleiheprogramme der Weltbank-Gruppe. Obwohl die drängenden Refinanzierungsfragen vor allem wegen ihrer schleppenden Behandlung im US-Kongreß und abweichender amerikanischer Vorstellungen letztlich nicht zu lösen waren, konnte zwischen den übrigen Mitgliedsländern in allen Bereichen eine weitgehende Annäherung zuvor divergierender Standpunkte erreicht werden. Das zugunsten Brasiliens von Geschäftsbanken und Regierungen geschnürte Kreditpaket gehört zu den wohl wichtigsten Ereignissen der Jahresversammlung von unmittelbarer Bedeutung. Es hat zusammen mit der in Gang gekommenen wirtschaftlichen Erholung in mehreren Industriestaaten und der sich verbessernden außenwirtschaftlichen Lage vieler Entwicklungsländer entscheidend zu dem verhalten optimistischen Ausklang der Jahresversammlung beigetragen.

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