KREDIT und KAPITAL - Heft 3/1985


Inhalt


Abhandlungen

Nickerson, David
Optimal Monetary Policy with a Flexible Price-setting Rule

Rosner, Peter und Tinter, Gerhard und Wörgotter, Andreas und Wörgötter, Gabriele
Lohnzurückhaltung bei fixen und flexiblen Wechselkursen

Bender, Dieter
Wechselkursbindung in Entwicklungsländern: Eine empirische Anpassungsstrategie an flexible Wechselkurse?

Andersen, Torben M.
Recent Developments in the Theory of Efficient Markets

Schneider, Rolf
Wertpapieremission, Wertpapiererwerb und Zinsbildung am Rentenmarkt

Gladen, Werner
Kundenstruktureffekte von Gebühren im Privatgiroverkehr der Kreditinstitute


Berichte

Rohde, Armin
Anmerkungen zur gegenwärtigen Feinsteuerungsstrategie der Deutschen Bundesbank

Reszat, Beate
Technische Ursachen kurzfristiger Wechselkursbewegungen


Buchbesprechungen

Emerson, Michael (Hrsg.)
Europe‘s Stagflation
(Hans Pfisterer)

Pissula, Petra
Der Internationale Währungsfonds und seine Bedeutung für die osteuropäischen Länder – Rumänien, Ungarn und für alle RGW-Länder
(Georg J. Dobrovolny)

Dieckhöner, Bruno
Rentabilitätsrisiken aus dem Hypothekargeschäft von Kreditinstituten in Zeiten der Geldentwertung
(Horst H. Mittermüller)


Zusammenfassungen

Nickerson, David
„Optimale Geldpolitik bei einer flexiblen Regel der Preissetzung“

Die Neutralität systematischer Geldpolitik wird in einem repräsentativen makroökonomischen Modell untersucht, das durch eine flexible Regel der Preissetzung gekennzeichnet ist, die als Spezialfälle sowohl einen Gleichgewichtspreis einschließt, wie bei Sargent und Wallace (1975), als auch Preisstarrheit über zwei Perioden, wie bei Fischer (1977), Phelps und Taylor (1977) und anderen. Es wird für ein Kontinuum von Ungleichgewichtspreisen gezeigt, daß systematische Geldpolitik den realen Output beeinflußt. Dabei können die Ungleichgewichtspreise dem Gleichgewichtspreis beliebig nahekommen. Geldpolitik kann also in einer Volkswirtschaft mit nahezu vollständiger Preisflexibilität eine stabilisierende Rolle spielen. Eine optimale Geldpolitik wird hergeleitet, die durch Outputvarianz wie auch die Preisvarianz minimiert. Der Einfluß dieser Politik auf den Output fälltt linear mit einem Maß der Preisflexibilität. Die Parameter dieser Politik sind unabhängig von dem Maß der Preisflexibilität. Dies impliziert eine möglicherweise signifikante Ersparnis an Informationskosten für die geldpolitische Instanz.

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Rosner, Peter und Tinter, Gerhard und Wörgotter, Andreas und Wörgötter, Gabriele
„Lohnzurückhaltung bei fixen und flexiblen Wechselkursen“

Anhand des Modells von R. Dornbusch (1 983) wird untersucht, wie sich verteilungsneutrale, einkommenspolitische Maßnahmen (das sind gleichzeitige Verringerungen von Lohn- und Preissteigerungen im selben Ausmaß) kurz- und mittelfristig auf das reale Aktivitätsniveau einer kleinen, offenen Volkswirtschaft auswirken. Bei fixen Wechselkursen läßt sich eindeutig zeigen, daß Lohnzurückhaltung im oben beschriebenen Sinn zwar mittelfristig zu einer Outputerhöhung führt, aber kurzfristig die bestehende Unterauslastung weiter vergrößert. Bei flexiblen Wechselkursen ändern sich die mittelfristigen Auswirkungen von Lohnzurückhaltung gegenüber einem System fixer Wechselkurse nicht, wohl aber können die kurzfristigen Reaktionen verändert werden. Es muß nicht notwendigerweise zu einem Auseinanderklaffen von kurz- und mittelfristigen Outputreaktionen kommen. Abschließend wurde diskutiert, inwieweit Lohnzurückhaltung ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung eines ausländischen Realzinsanstiegs darstellt. Dabei zeigt sich, daß bei fixen Wechselkursen eine mittelfristige Outputstabilisierung jedenfalls auf Kosten der kurzfristigen realen Aktivität geht. Ähnliches ist auch für flexible Wechselkurse zu erwarten, allerdings nicht eindeutig nachzuweisen.

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Bender, Dieter
„Wechselkursbindung in Entwicklungsländern“

Gebundene Wechselkurse sind das in Entwicklungsländern noch immer am stärksten verbreitete Wechselkurssystem. Eine relativ neue wechselkurspolitische Praxis, die Bindung des Kurses an einen Währungskorb, gewinnt dabei an Verbreitung. Im vorliegenden Beitrag wird untersucht, wie sich eine solche Währungskorb-Bindung auf eine nicht-diversifizierte, Primärgüter exportierende Entwicklungsland-Volkswirtschaft auswirken kann, deren Haupthandelspartner Industrieländer mit frei schwankenden Wechselkursen sind. Dabei muß zwischen Wechselkursfluktuationen, die der Kaufkraftparitätentheorie folgen (konstante reale Wechselkurse der Industrieländer), und Wechselkursbewegungen, die von der Kaufkraftparität abweichen (reale Wechselkursschwankungen in Industrieländern), unterschieden werden, wenn die Frage geprüft wird, ob durch Währungskorb-Bindung ein optimales Wechselkurssystem konstruiert werden kann, welches das Entwicklungsland wirksam gegen die Auswirkungen des Floating von Drittwährungen abzuschirmen vermag. Es wird nachgewiesen, daß nur bei konstanten realen Wechselkursen der industrialisierten Handelspartner Einzelwährungsbindung an die stabilste Währung einer Währungskorb-Bindung überlegen ist. Hingegen wird bei schwankenden realen Wechselkursen die Währungskorb-Bindung bestimmte Ziele wirksamer sichern können als Einzelwährungsbindung. Jedoch treten dabei Konflikte mit anderen Zielen auf, die durch spezifische Umgestaltungen der Währungskorbkonstruktionen auch nicht aufgelöst werden können.

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Andersen, Torben M.
„Neue Entwicklungen der Theorie effizienter Kapitalmärkte“

In der Finanzliteratur herrscht die Hypothese vor, daß die Preise in Märkten für Finanzaktiva sämtlich verfügbare Information reflektieren. Ungeachtet ihrer Beliebtheit unterliegt der Hypothese eines effizienten Kapitalmarktes keine rigorose theoretische Fundierung. Neuerdings ist eine sehr technische Literatur entwickelt worden, die die Informationsprobleme auf Wettbewerbsmärkten rigoros analysiert und die Frage der Informationseffizienz von Finanzmärkten ausdrücklich behandelt. Dieser Aufsatz soll einen untechnischen, einfahrenden Überblick über diese theoretische Literatur geben und zwar speziell im Hinblick auf die Hypothese effizienter Kapitalmärkte. Da diese Literatur ausführlich auf das Konzept eines Marktgleichgewichts bei rationalen Erwartungen zurückgreift, beginnen wir mit einer eingehenderen Diskussion dieser Methodologie. Anschließend wird zur Illustration ein Modell entwickelt, das es uns erlaubt, die folgenden Informationsprobleme in Finanzmärkten zu behandeln: die Verbreitung von Information durch Preise, Informationskosten, Informations- und Vermögensdynamik, Verbreitung von Information durch Mengensignale, die Existenz von Märkten und sequentieller Handel.

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Schneider, Rolf
„Wertpapieremission, Wertpapiererwerb und Zinsbildung am Rentenmarkt“

Am Marktgeschehen des Rentenmarktes sind alle wichtigen Wirtschaftssektoren beteiligt. Es treffen Marktteilnehmer aufeinander, deren Verhaltensweisen durch äußerst unterschiedliche Motive bestimmt werden. Um den Prozeß der Zinsbildung an diesem Markt besser verstehen zu können, werden Verhaltensgleichungen für die wichtigsten Anbieter- und Nachfragergruppen erstellt und diese für den Zeitraum 1974 bis 1983 geschätzt. Im Unterschied zu portfoliotheoretischen Analysen wird hierbei die Bedeutung der Liquiditätslage für die Anlageentscheidungen besonders berücksichtigt. Im einzelnen lassen sich aus den Schätzergebnissen folgende Schlüsse ziehen:
1. Die festverzinslichen Wertpapiere im Portefeuille der Banken besitzen die Funktion eines Liquiditätspuffers. Die Banken ziehen die Vergabe von Direktkrediten dem Erwerb von Rentenwerten vor.
2. Die privaten Haushalte erwerben festverzinsliche Wertpapiere weitgehend in Abhängigkeit vom gebotenen Zinsniveau. Erwartungen über Kursänderungen spielen eine untergeordnete Rolle.
3. Die Rentenwerte stellen für die Versicherungen eine bevorzugte Anlageform für ihre Beitragseinnahmen dar. Der Wertpapiererwerb erfolgt recht kontinuierlich.
4. Die Geschäftsbanken emittieren zunehmend festverzinsliche Wertpapiere, wenn sich ihre Liquiditätslage verschlechtert. Eine steigende Vergabe von Direktkrediten erhöht die Verschuldung der Banken am Rentenmarkt.
5. Die Wertpapieremission des Staates läßt sich ökonometrisch nur unzureichend erklären; tendenziell verringert der Staat bei einem zu hohen Zinsniveau seinen Wertpapierabsatz.
Die Untersuchungsergebnisse bestätigen die enge Verknüpfung von Geldmarkt und Kapitalmarkt. Bei dem Versuch, die Zinsbewegungen der Vergangenheit zu deuten, zeigt es sich, daß die Liquiditätslage des Bankensektors neben der Preissteigerungsrate die wichtigste Bestimmungskomponente der Zinsentwicklung darstellt. Die Schätzergebnisse der Zinsfunktion bieten eine Erklärung für den Zinsanstieg im Jahre 1983, über den häufig die Vermutung geäußert wurde, daß er sich anhand der herkömmlichen Erklärungsmuster nicht deuten lasse. Mit den im Untersuchungszeitraum geschätzten Verhaltensweisen lassen sich die Zinsbewegungen im Jahr 1983 weitgehend nachvollziehen. Zum Zinsanstieg im Frühjahr 1983 haben den Rechnungen zufolge nicht nur das steigende Zinsniveau in den Vereinigten Staaten sondern auch die Einschränkung der Bankenliquidität durch die Bundesbank beigetragen.

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Gladen, Werner
„Kundenstruktureffekte von Gebühren im Privatgiroverkehr der Kreditinstitute“

Der Aufsatz behandelt Kundenreaktionen auf gebührenpolitische Entscheidungen im Privatgiroverkehr der Kreditinstitute und zwar nur die Reaktion mit dem Wechsel der Bankverbindung. Im Privatgiroverkehr ist ein Bankwahlverhalten von Kunden zu erklären, die Leistungsbündel nachfragen. Es wird von der realistischen Annahme ausgegangen, Kunden würden die Preisgünstigkeit der Banken auf der Basis der Gesamtpreisbelastung für das Leistungsbündel beurteilen, das sie voraussichtlich abnehmen werden. In der Literatur wird die These vertreten, über Grundgebühren könne man "Kleinkunden" abschrecken und insofern einen Kundenstruktureffekt erzielen. Die Postengebühr habe diese Eigenschaft nicht. In dem vorliegenden Aufsatz wird überprüft, ob man für diese beiden Gebührenarten generell bestimmte Kundenstruktureffekte nachweisen kann, wenn man - was bisher nicht geschehen ist - explizit Präferenzen der Kunden berücksichtigt. Dazu werden Absatzfunktionen aus den Verteilungen der Präferenzintensitäten von "Kleinkunden" und "Großkunden" hergeleitet. Es zeigt sich dabei, daß die bisher im Bankschrifttum vertretenen Ansichten zu den Kundenstruktureffekten von Gebühren sich nur bei wenig realistischen Annahmen über die Präferenzintensitäten der beiden Kundensegmente aufrechterhalten lassen. Es zeigt sich, daß unter speziellen Voraussetzungen eine kundenstrukturneutrale Preisstellung optimal ist, wenn die präferenzgewichteten Deckungsbeiträge der Kundengruppen übereinstimmen.

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Berichte

Rohde, Armin
“Anmerkungen zur gegenwärtigen Feinsteuerungsstrategie der Deutschen Bundesbank“

Seit der Jahreswende 1984/85 ist die Deutsche Bundesbank bemüht, die Kreditinstitute nachhaltig von einer übermäßigen Inanspruchnahme des Lombardkredits abzubringen, um eine verlorengegangene Flexibilität bei der Geldmarktsteuerung zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck hat die Bundesbank jedoch ihre eigentliche, seit 1979 verfolgte monetäre Steuerungsstrategie nicht geändert, sondern nur eine Schwerpunktverlagerung beim Einsatz ihrer Instrumente vorgenommen, nämlich von einem Feinsteuerungsinstrument (Lombardpolitik) auf ein anderes Feinsteuerungsinstrument (Wertpapierpensionsgeschäfte). Trotz Rückgewinnung einer gewissen Flexibilität bei der Geldmarktsteuerung verbleiben aber dennoch Schwachstellen in der gegenwärtigen monetären Steuerung, die ihre Ursachen in der dominierenden Stellung haben, die die Bundesbank generell den Feinsteuerungsmaßnahmen einräumt. So birgt die starke Präferenz für die Feinsteuerung die Gefahr in sich, daß bei den Kreditinstituten die Einschätzung gefördert wird, als seien die Refinanzierungsmöglichkeiten praktisch unbegrenzt. Darüber hinaus droht das Instrument der Mindestreservepolitik mehr und mehr ins Abseits zu geraten. Schließlich sind wesentliche Effizienzeinbußen bei der generellen Umsetzung der zinspolitischen Intentionen der Bundesbank zu verzeichnen. Deshalb wird in diesem Zusammenhang für eine Neubelebung der Rolle der freien Liquiditätsreserven plädiert, wodurch die aufgezeigten Schwierigkeiten wesentlich wirksamer umgangen werden könnten.

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Reszat, Beate
“Technische Ursachen kurzfristiger Wechselkursbewegungen“

Extreme Schwankungen der Wechselkurse, wie sie gerade in jüngster Zeit wieder zu beobachten waren, werden in der neueren Literatur vor allem auf Veränderungen in den Erwartungen der Marktteilnehmer zurückgeführt. Unbeachtet bleibt dabei, daß Devisenmarkttransaktionen, die aufgrund von Erwartungsänderungen vorge­nommen werden, zu einem späteren Zeitpunkt eine Gegenreaktion nach sich ziehen, sobald spekulative offene Positionen wieder glattgestellt werden. In welchem Ausmaß derartige Gegenreaktionen den Kursverlauf beeinflussen, ist zum einen abhängig davon, ob ihnen Kassa- oder Terminspekulationen vorausgegangen sind: Angesichts einer geringeren Flexibilität der Marktteilnehmer bei Terminspekulationen steht zu erwarten, daß Gegenreaktionen darauf im allgemeinen deutlichere Kurswirkungen zeigen als auf Kassaspekulationen. Zum anderen dürfte dieses Phänomen für die Kurs­entwicklung immer dann maßgeblich sein, wenn das Ausmaß der Spekulations­geschäfte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt fällig werden, sehr groß ist und zudem die Gegenreaktion bei sonst ruhigem Marktgeschehen erfolgt, bei dem das daraus resultierende Angebot oder die Nachfrage nach Kassadevisen zu dem herrschenden Kurs nicht oder nur unzureichend befriedigt werden kann. Das gewählte empirische Beispiel gibt erste Hinweise darauf, daß Gegenreaktionen auf spekulative Transaktionen zumindest zeitweilig einen nicht unerheblichen Ein­fluß auf den Kursverlauf haben und zwar nicht nur von Tag zu Tag, sondern auch über längere Zeiträume. Damit sind verschiedene Implikationen verbunden: Bei­spielsweise steht die Beobachtbarkeit dieses Phänomens in Widerspruch zu jenen Hypothesen rationaler Erwartungsbildung, die davon ausgehen, daß die verfügbare Informationsmenge auch die Entscheidungen aller Marktteilnehmer in der Vergangenheit enthält. Bei unvollständiger Information sind jedoch auch die Einflußmöglichkeiten der Währungsbehörden größer als vielfach angenommen wird, insbesondere in Zeiten, in denen die beschriebenen Gegenreaktionen das Marktgeschehen dominieren. Schon aus diesem Grund sollte letzteren erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden.

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