KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1987


Inhalt


Abhandlungen

Riese, Hajo
Keynes als Kapitaltheoretiker

Kohli, Ulrich
Exogenous Money, Monetary (Dis)equilibrium and Expectational Lags

Ohr, Renate
Notenbankinterventionen und Effizienz der Devisenmärkte. Überlegungen zur Dollarkursentwicklung

Stadermann, Hans-Joachim
Der unaufhaltsame Abstieg eines Leitwährungslandes

Zimmermann, Heinz
Emissionspreis und Bezugsrechtswert bei Aktienemissionen

Tavlas, George S.
Inflationary Finance and the Demand for Money in Greece


Berichte

Kees, Andreas
The Monetary Committee of European Community


Buchbesprechungen

Priewasser, Erich
Die Banken im Jahre 2000
(Hans J. Krümmel)

Zahn, Hans E.
Finanzinnovation – Glossarium der neuen Hedging – und Finanzierungsinstrumente
(Ernst-Hermann Eckes)

Vomfelde, Werner
Abschied von Keynes? Eine Antwort auf die monetaristisch, neoklassische Gegenrevolution
(Dieter Tiegel)

Janes, Gerhard
Monetäre Verflechtung. Finanzintermediation und Kreditangebot. Eine empirische Analyse
(Jürgen von Hagen)


Zusammenfassungen

Riese, Hajo
„Keynes als Kapitaltheoretiker“

In diesem Essay werden in Auseinandersetzung mit dem keynesianischen Fundamentalismus - deren Vertreter sich als Postkeynesianer verstehen - die Anforderungen an eine keynesianische Ökonomie diskutiert, die eine monetäre Theorie der Produktion formuliert. Das grundlegende Prinzip einer derartigen keynesianischen Ökonomie - durch die sie sich von der klassischen und neoklassischen Werttheorie unterscheidet - besteht darin, daß Geld die Budgetrestriktion des Marktsystems - die Einheit von Vermi5gensmarkt, Gütermarkt und Arbeitsmarkt - bildet und, als Konsequenz, der Geldzins zum generellen Knappheitspreis des Marktsystems wird. Das bedeutet, daß der Zins liquiditätspräferenztheoretisch erklärt wird; er fungiert als Preis für die Aufgabe von Liquidität und nicht wie in der Orthodoxie als Preis für Konsumverzicht. Der monetäre Charakter der Produktion verlangt dabei, daß ebenfalls Kapital eine Form der Aufgabe von Liquidität mit der Ertragsrate als Form des Geldzinses ist. Dieser Einsicht verschließt sich jedoch der keynesianische Fundamentalismus, indem er den Ertrag aus der Produktionsmitteleigenschaft des Kapitals ableitet und ihn als Quasirente interpretiert. Er erfaßt damit lediglich die Wirkungen der Liquiditätspräferenz, durch die der Zinssatz zur Barriere wird, die dem Erreichen von Vollbeschäftigung entgegensieht; er ignoriert aber, daß die Liquiditätspräferenz zugleich ein Knapphalten von Kapital bewirkt und dadurch das Entstehen des Profits ermöglicht. Eine in sich schlüssige monetäre Theorie der Produktion zeigt somit, daß Begrenzung der Produktion und Entstehen des Profits zwei Seiten einer Medaille sind. Damit aber begründet entgegen der Auffassung des keynesianischen Fundamentalismus die Liquiditätspräferenz kein Marktversagen, das ein Erreichen von Vollbeschäftigung verhindert und dem durch eine Niedrigzinspolitik entgegengewirkt werden kann; vielmehr drückt sie das Funktionsprinzip einer Geldwirtschaft aus, das das Entstehen eines Überschußangebots verlangt und damit eine Tendenz zur Unterbeschäftigung enthält.

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Kohli, Ulrich
„Exogene Geldmenge, monetäres (Un-)Gleichgewicht und Erwartungslags“

Dieser Aufsatz befaßt sich mit dem Problem der Schätzung von Geldnachfragefunktionen während Perioden monetärer Kontrolle. Wie David Laidler kürzlich ausgeführt hat, ist der übliche Ansatz, der einen partiellen Anpassungsmechanismus (die Chow-Gleichung) postuliert, nicht haltbar, wenn die Geldmenge exogen ist. Die Schweiz hat sich während der letzten Jahre sehr eng an ein Geldmengenziel gehalten und ließ dadurch wenig Zweifel aufkommen, daß im Falle der Schweiz die Geldmenge exogen ist. Wir geben Schätzungen für die Nachfrage nach Basisgeld in der Schweiz wieder, wobei wir alternativ die Chow-Formulierung gebrauchen, als auch verschiedene Ungleichgewichtshypothesen (einschließlich der von Laidler bevorzugten) und die permanente Einkommenshypothese. In einigen Fällen wird ein neues Schätzverfahren angewendet, um der Exogenität der Geldmenge über einen Teil der Stichprobe Rechnung zu tragen. Unsere Resultate zeigen, daß die monetäre Ungleichgewichtshypothese durch die Fakten nicht bestätigt wird. Schweizer Daten sind mit monetärem Gleichgewicht vereinbar, und das Auftreten einer verzögerten abhängigen Variablen in Geldnachfragefunktionen kann durch Erwartungslags erklärt werden.

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Ohr, Renate
„Notenbankinterventionen und Effizienz der Devisenmärkte Überlegungen zur Dollarkursentwicklung“

Die starken und anhaltenden Dollarkursfluktuationen seit Freigabe der Wechselkurse im Jahr 1973 sind Folge massiver spekulativer Portfolioentscheidungen. Die im Rahmen des sogenannten managed floating in hohem Maße eingesetzten Devisenmarktinterventionen konnten die Wechselkursspekulationen nur selten brechen. Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag, ob hieraus auf mangelnde Effizienz der Devisenmärkte zu schließen ist und inwieweit Devisenmarktinterventionen Einfluß auf die Effizienz des Devisenmarktes ausüben. Es zeigt sich, daß die nachweislichen starken Dollarkursschwankungen sehr wohl mit Effizienz des Devisenmarktes vereinbar sind, soweit diese Wechselkursausschläge eindeutig unsystematisch und zufällig sind. Die Ausgestaltung der Interventionspolitik der Bundesbank war allerdings überwiegend eher dazu geeignet, die Effizienz des Devisenmarktes zu verschlechtern, denn zu verbessern. Nur eine konsequente, durchschaubare und in gewissem Rahmen auch vorhersehbare Interventionsstrategie kann die für Wechselkursstabilisierung notwendige Stabilisierung der Erwartungen bewirken. Nur eine solche Interventionspolitik kann zugleich die Effizienz der Informationsverarbeitung auf den Devisenmärkten verbessern.

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Stadermann, Hans-Joachim
„Der unaufhaltsame Abstieg eines Leitwährungslandes“

Das Papier setzt sich mit der Verarbeitung der $-Kurs-Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit durch die monetäre Theorie der Wechselkursbestimmung auf der Grundlage der Kaufkraftparitätenannahme (KKP) auseinander. Der Ansatz läßt sich nur durch Einfügung sich mit dem $-Kurs ändernder Argumente an dessen Entwicklung anpassen. Er kann daher für eine Beurteilung anderer als sehr langfristiger Entwicklungen, in denen Kausalitäten nicht mehr zu identifizieren sind, nicht zufriedenstellen. Aus diesem Grunde wird die Annahme, Wechselkurse würden durch nationale Preisniveaus bestimmt (aktive KKP) abgelehnt und eine passive KKP auf der Grundlage einer keynesianischen Theorie der Geldwirtschaft vorgestellt. Es ist darin der Wechselkurs durch die Knappheit der frei konvertierbaren und auf dem internationalen Markt für Kredit konkurrierenden Währungen bestimmt. Die KKP bildet sich durch Preis- und Mengenanpassungen auf den nationalen Ressourcen- und Gütermärkten an das Kreditmarktgleichgewicht heraus. Aus dieser Sicht ist die Wirtschaftspolitik der USA entschieden nachteilig zu beurteilen. Die Höhe des $-Kurses drückt kein Vertrauen in die US- Wirtschaftsentwicklung aus, sondern sie ergibt sich unmittelbar aus der mehr oder weniger energischen Nachfrage nach Kredit durch die öffentlichen Haushalte der USA. Kapital- und Güterimportüberschüsse alimentieren als Folge davon das hohe Niveau der gegenwärtigen US-Wohlfahrt zu stabilen Preisen. Da die Staatsausgaben ein steigendes Steueraufkommen nicht bewirken werden, ist ein Ende der Fähigkeit zur Staatsschuldenexpansion unvermeidlich. Der Fortfall der Eigennachfrage nach $ wird den Kursverfall des Dollar auslösen, der inhaltlich ein reines Kreditmarktphänomen ist, nämlich eine steigende Nachfrage nach Nicht-Dollar-Einlagen durch die Kreditanbieter zur Expansion ihrer Kreditgeschäfte auf der Grundlage einer Währung mit überzeugender Vermögenssicherungsfunktion. Hohe Realeinkommensverluste durch "Exporterfolge" bei gesunkenem Wechselkurs werden dann den Reexport der kreditfinanzierten Gegenwartswohlfahrt aus den USA begleiten und eine Strukturveränderung der Produktion in Richtung auf exportierbare Güter zur Folge haben. Diese Entwicklung ist durch eine scharfe Deflation in den USA vermeidbar, die sich aber mit konkurrierenden Anstrengungen anderer, nach dem Leitwährungsprivileg strebender Währungsräume konfrontiert sehen wird.

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Zimmermann, Heinz
„Emissionspreis und Bezugsrechtswert bei Aktienemissionen“

Der Artikel liefert empirische Evidenz zum Optionswert von Bezugsrechten aufgrund schweizerischer Kapitalerhöhungen der Zeitperiode von 1973 bis 1983. Es zeigt sich, daß der Unterschied gegenüber konventionell berechneten Bezugsrechtswerten empirisch vernachlässigbar gering ausfällt. Schließlich wird auch argumentiert, daß asymmetrisch verteilte Informationen einen optimalen Emissionspreis, und damit eine rationale Preisuntergrenze, erklären können; dabei ist der Emissionspreis positiv mit den zukünftigen Cash Flows der Firma korreliert.

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Tavlas, George S.
„Inflationsfinanzierung und Geldnachfrage in Griechenland“

In diesem Aufsatz werden die Auswirkungen adaptiver und rationaler Preiserwartungen auf die Geldnachfrage in Griechenland geschätzt. Im Gegensatz zu den Ergebnissen früherer Untersuchungen, in denen adaptive Preiserwartungen der laufenden Inflationsrate gleichgesetzt werden, wurde hier eine modifizierte Cagan-Formulierung adaptiver Preiserwartungen herausgefunden, die eine wichtige Determinante der Geldnachfrage darstellt. Die durchgeführten Stabilitätstests zeigen, daß Regressionen mit beiden Preiserwartungsvariablen über die Schätzperiode stabil sind. Die Resultate von Granger- und Sims-Kausalitätstests deuten auf eine Rückkoppelungsbeziehung zwischen Geldschöpfung und Inflation hin. Jedoch weisen die Ergebnisse nach dem Sims-Test darauf hin, daß die Kausalität verläßlicher von der Geldschöpfung in Richtung auf die Preise wirkt. Die Regressionsresultate werden benutzt, um eine obere Grenze für die Einnahmen aus Inflationsfinanzierung festzulegen. Die Feststellung der Obergrenze für die maximalen Einnahmen aus Inflationsfinanzierung legt nahe, daß Griechenland 1982 und 1983 in eine akzelerierende Inflation geraten wäre, hätte die Regierung keine Maßnahmen ergriff en, um das Geldmengenwachstum zu drosseln.

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Berichte

Kees, Andreas
“Der Währungsausschuß der Europäischen Gemeinschaft”

Der Währungsausschuß der Europäischen Gemeinschaft blickt auf eine bald dreißigjährige Tätigkeit zurück. In dieser wechselvollen Zeit von Bretton-Woods, freiem Floaten und nunmehr schon nahezu einem Jahrzehnt Europäischem Währungssystem hat er der internationalen Währungspolitik zahlreiche Anregungen gegeben. Neben dem Ausschuß der Zentralbankpräsidenten ist er zu dem entscheidenden Koordinierungsorgan der Europäischen Gemeinschaft geworden. In einigen Fällen, wie in den wichtigen Fragen der Leitkursänderung, obliegt es ihm, die Beratungen bis zur Entscheidungsreife voranzutreiben und gegebenenfalls im Auftrag der Minister zu treffen. Seine fern jeglicher Publizität gehaltenen monatlichen Tagungen sind zum Katalysator europäischer Währungspolitik geworden. Dabei stoßen naturgemäß oft recht unterschiedliche Auffassungen aufeinander. Aber die Kraft dieser Institution liegt gerade darin, ohne verwässernde Kompromissformeln deutliche Leitsätze einer verantwortlichen EWS-Politik in der Praxis zu verwirklichen- Stabilitätsbewusste EWS-Politik ist nicht nur eine Sache des Wirkens der Mechanismen, sondern in erster Linie das Ergebnis der politischen Bereitschaft und Durchsetzungskraft der Währungspolitiker.

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