KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1988


Inhalt


Abhandlungen

Ehrlicher, Werner
Die Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik im volkswirtschaftlichen Systemzusammenhang

Schöler, Klaus
Ist Geld wirklich ein Produktionsfaktor?

Karmann, Alexander
Finanzintermediäre und Effektivität der Geldpolitik

Bigler, Max
Finanzinnovationen und Geldpolitik. Schlußfolgerungen aus einem erweiterten Finanzmarktmodell

Allsbrock, Odgen O. und Gilliam, Kenneth P.
A Cyclical Interpretation of Money

Bieg, Hartmut und Rübel, Markus
Ausweis und Bewertung von Devisen- und Zinstermingeschäften in Bankbilanzen - Teil I

Wichmann, Ralph B.
Zinsswaps als Spezialfall der Ricardianischen Tauschtheorie


Berichte

Brase, Matthias
Sind die Zinsprognosen von Finanzmarktexperten rational?


Buchbesprechungen

Herrmann, Armin
Die Geldmarktgeschäfte
(Michael Burchardt)

Weller, Michael
Das Kreditkartenverfahren. Konstruktion und Sicherung
(Heinrich Niehoff)

Hichert, Ingo
Staatliche Exportsicherung. Die HERMES-Deckung vor dem Hintergrund der internationalen Verschuldungskrise
(Georg Dobrovolny)

Issing, Otmar
Einführung in die Geldtheorie
(Hans-Hermann Francke)


Zusammenfassungen

Ehrlicher, Werner
„Die Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik im volkswirtschaftlichen Systemzusammenhang“

Der Verfasser behandelt die Auseinandersetzung über die grundsätzliche ablaufstheoretische Orientierung der Wirtschaftspolitik - insbesondere der Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik - in der Nachkriegszeit. Im ersten Teil stellt er die theoretischen Kontroversen von der Neoklassik/ Neokeynesianismusdiskussion über die Monetarismus/ Fiskalismusdebatte zur Angebots/Nachtrageökonomie dar. Die unterschiedlichen Positionen der Neoklassiker und Neokeynesianer charakterisiert er über die Kriterien der Fragestellung, der Steuerungsmechanik und der Determiniertheit. Für die Monetarismus/ Fiskalismusdiskussion stellt er auf die unterschiedlichen Erklärungen des Geldwerts, des Zinses und der Beschäftigung ab. Zur Kennzeichnung der Angebots/Nachfragedebatte werden die unterschiedlichen Einstellungen zur Staatstätigkeit, die divergierenden Zielprioritäten und der Glaube an die tendenzielle Stabilität bzw. Instabilität des Wirtschaftsablaufs hervorgehoben. Im zweiten Teil wird der Niederschlag dieser theoretischen Kontroverse in den von der Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik seit 1948 verfolgten wirtschaftspolitischen Konzepten dargestellt. Der Untersuchungszeitraum wird durch die beiden Rezessionen 1966/67 und 1974/75 in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt wird als Periode anhaltend hohen Wirtschaftswachstums gekennzeichnet. Die Geldpolitik verfolgt ein keynesianisch-antizyklisches, die Finanzpolitik ein neoklassisches Konzept mit wechselnden wirtschaftspolitischen Zielstellungen, die Einkommenspolitik ist überwiegend mikroökonomisch orientiert. Der zweite Zeitabschnitt wird als Periode verminderten Wachstums bei zunehmender Inflation überschrieben; er wird durch Erlaß des Stabilitätsgesetzes eingeleitet, das eine keynesianisch orientierte Geld-, Finanz- und Einkommenspolitik aus einem Guß ermöglichen soll. Tatsächlich wird dieses Konzept nur kurze Zeit konsequent verfolgt; schneller Richtungswechsel der Politik und unzweckmäßiger Instrumenteneinsatz tragen zur Beschleunigung der Inflation bei. Im Gegensatz zur ausgesprochen kurzfristigen Orientierung in dieser Periode setzt sich nach der Rezession 1974/75 in allen drei Politikbereichen - beginnend in der Geldpolitik - eine längerfristige Ausrichtung durch, die ausgeprägt angebotstheoretische Züge trägt.

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Schöler, Klaus
„Ist Geld wirklich ein Produktionsfaktor?“

In diesem Beitrag werden die mikroökonomischen Grundlagen für die Aufnahmen der Realkasse in eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion untersucht. Dabei zeigt sich, daß die Realkasse nicht Produktionsfaktor, sondern Ergebnis einer speziellen Produktion, nämlich der Herstellung finanzwirtschaftlicher Transaktionen, ist. Daher kann sie weder gegen Produktionsfaktoren substituiert werden, noch besteht ein physischer Zusammenhang zwischen ihr und dem Output. Wird - wie in der Literatur häufig geschehen - die Realkasse als Produktionsfaktor in die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion aufgenommen und diese empirisch getestet, so wird nicht ihr produktiver Beitrag, sondern andere recht komplexe Zusammenhänge zwischen Geldmenge und Output überprüft. Die eigene empirische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Output und realer Geldmenge sowie Arbeitseinsatz und Kapital auf makroökonomischer Ebene bestätigt dieses analytische Ergebnis. Die Wirkungsrichtung m = y ließ sich empirisch nicht nachweisen. Dieses Resultat, das durch die Anwendung des Hsiao-Verfahrens gewonnen wurde, steht im Einklang mit den theoretischen Modellüberlegungen auf mikroökonomischer Ebene.

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Karmann, Alexander
"Finanzintermediäre und Effektivität der Geldpolitik"

Der gesamtwirtschaftliche Einfluß von Finanzintermediären, der aus monetaristischer Sicht von nur untergeordneter Bedeutung ist und in hochaggregierten keynesianischen Modellen oft unberücksichtigt bleibt, wird in liquiditätstheoretischen Ansätzen im Hinblick auf „Destabilisierungs"- und Transmissionseffekte diskutiert. In jüngerer Zeit kommt dem Thema neue Bedeutung zu durch Strukturveränderungen an den Finanzmärkten, die durch Innovationen hervorgerufen werden. Im Modellansatz gesamtwirtschaftlicher Vermögensrechnung lassen sich durch Finanzintermediäre ausgelöste Liquiditäts- und Zinseffekte ableiten. Dabei verallgemeinert der Ansatz bei Beschränkung auf ein System finanzieller Forderungen die übliche Geldmultiplikator-Analyse auf mehrsektorale Leontiefsysteme. Hierdurch wird neben einer anschaulichen Interpretation von Finanzmultiplikatoren ein analytischer und empirisch testbarer Rahmen für Liquiditätseffekte gegeben, die aus Portfolioshifts resultieren. Wird in die Analyse neben Finanz- auch Realvermögen einbezogen, so erweitert dieser Ansatz das Standardmodell der Makroökonomischen Portfoliotheorie um einen Sektor Finanzintermediäre, der Zinsniveau- und Zinsänderungseffekte im Transmissionsprozeß verursachen kann. In einem einfachen IS-LM-Rahmen lassen sich schließlich die geldpolitischen Implikationen der Struktureffekte diskutieren, die durch die neueren, von den Intermediären angebotenen Innovationen hervorgerufen werden. Die empirische Analyse bestätigt die Relevanz einer disaggregierten Analyse stark variabler Finanzmultiplikatoren. Zweifel an einer "exakten" Geldaggregat- und damit LM-Steuerung ergibt auch die Granger-Kausalitätsanalyse, ein angesichts rückläufiger Zinselastizität der Geldhaltung nicht unproblematisches Ergebnis für die aktuelle Geldpolitik.

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Bigler, Max
“Finanzinnovationen und Geldpolitik - Schlußfolgerungen aus einem erweiterten Finanzmarktmodell”

Ein Anreiz zur Finanzinnovation entsteht gewöhnlich aus dem Wechselspiel von regulatorischen Veränderungen, technologischem Fortschritt, schwankenden Marktpreisen, wachsendem Wettbewerb unter den Finanzintermediären und sich verändernden gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichten. Finanzinnovationen und die damit verbundenen Strukturveränderungen im Finanzsystem können weitreichende Auswirkungen auf die Geldmengenpolitik und die Beziehung zwischen Geldpolitik und Binnenwirtschaft haben. Dieser Beitrag beginnt mit der Darstellung einzelner Auswirkungen von Finanzinnovationen auf die Geldmengen-Konzepte, das Geldangebot, die Geldnachfrage, die internationale Kapitalmobilität und den Transmissionsmechanismus des Geldes. Anschließend werden einige spezifische Auswirkungen von Finanzinnovationen, z.B. die gesunkene Streuung der Zahlungseingänge und -ausgänge oder die geringeren Umwandlungskosten zwischen Finanzanlagen, in einem erweiterten Finanzmarktmodell analysiert. Dieser Modelltyp betont die Rolle von Portefeuillegleichgewichten und kann systematisch z. B. die Vermögens-, Erwartungs- oder induzierten Währungssubstitutions-Effekte untersuchen.

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Allsbrock, Odgen O. und Gilliam, Kenneth P.
“Eine zyklische Interpretation des Geldes”

In diesem Artikel wird eine Analyse der zyklischen Bewegungen der Geldumlaufgeschwindigkeit über einen stilisierten Konjunkturzyklus entwickelt. Historisch gesehen verändert sich die Umlaufgeschwindigkeit in vorhersagbarer, zyklischer Weise. Deshalb wird das IS-LM-Paradigma dazu herangezogen zu zeigen, warum diese Änderungen zu erwarten waren. Ein entscheidender Ansatzpunkt betrifft die Unterscheidung zwischen Geldbestand und Geldstrom. Während ersterer exogen, ist letzterer endogen und schließt Veränderungen der Umlaufgeschwindigkeit ein. Die beiden auf diese Weise begründeten Zyklusphasen sind rückläufige und akzelerierende Inflation. Die für diese Konjunkturphasen erwarteten Wirkungen auf Zinsstrukturkurven werden aufgezeigt. Damit wird der Versuch unternommen, die Finanzierungsseite der Volkswirtschaft (LM) eben jener Flexibilität zu unterwerfen, die für die Ausgabenseite der Volkswirtschaft (IS) durch die alternativen Konsum-Spar-Hypothesen gegeben ist.

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Bieg, Hartmut und Rübel, Markus
„Ausweis und Bewertung von Devisen- und Zinstermingeschäften in Bankbilanzen - Teil I“

Devisen- und Zinstermingeschäfte besitzen zumindest zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: Zum einen sind sie nach derzeitigen Bilanzierungsgepflogenheiten in keiner Weise aus den Jahresabschlüssen der Kreditinstitute zu erkennen. Zum anderen können beide, je nachdem ob und in welchem Umfang entsprechende Gegenpositionen bestehen, risikomindernd oder risikosteigernd wirken. Diese wirtschaftlich entscheidende Differenzierung kann die externe Erfolgsrechnung gegenwärtig nicht, allenfalls jedoch ansatzweise und dadurch letztlich verzerrt, nachvollziehen. Es besteht die Gefahr, daß das Rechenschaftsmedium Jahresabschluß über kurz oder lang einen Teil der ihm handelsrechtlich zugedachten Funktionen nicht mehr erfüllen kann, wenn diese - qualitativ und quantitativ immer bedeutsamer werdenden - Geschäftsarten nahezu völlig an ihm vorbeilaufen und wenn die aus solchen Engagements drohenden Verluste auch weiterhin nach einer grundsätzlich richtigen, hier aber unangebrachten Auslegung des Einzelbewertungs- und Vorsichtsprinzips bemessen werden. Der vorliegende erste von insgesamt drei Teilen der Untersuchung skizziert zunächst die technischen Abläufe ausgesuchter Devisen- und Zinstermingeschäftsarten (je einer börsengehandelten und nicht börsengehandelten Variante; Abschnitt II), bevor die wichtigsten Erfolgsbestimmungsfaktoren (Wechselkurs-, Zinsänderungs- und Erfüllungsrisiko) erörtert und deren Verbindungen sowohl zu korrespondierenden Bilanzbeständen als auch untereinander aufgezeigt werden können (Abschnitt III). Am Maßstab dieser materiellen Risikostrukturen sind die aktuell relevanten Abbildungskonventionen der Buchhaltung und Bilanzierung zu beurteilen (Abschnitt IV). Die hier gewonnenen Ergebnisse sind Ausgangspunkt der in den nachfolgenden Heften darzulegenden Alternativkonzeption. Um den Zugang zur überaus komplexen Problematik zu erleichtern, werden sich die Ausführungen in Teil II noch ausschließlich auf bilanzielle, wechselkurs- und zinsrisikotragende Posten beschränken, um danach in Teil III auf die, infolge ihres Schwebezustandes besonderen Aspekte von Devisen- und Zinstermingeschäften ausgedehnt zu werden.

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Wichmann, Ralph B.
„Zinsswaps als Spezialfall der Ricardianischen Tauschtheorie“

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Analogie zwischen den Zinsswaps, die eine der wichtigsten Finanzinnovationen darstellen, und dem von Ricardo begründeten Theorem der komparativen Kosten. Im einleitenden Teil I erfolgt die Problemstellung mit der Unbestimmtheit der Finanzströme eines Zinsswaps bei Variation der absoluten Zinskosten unter Beibehaltung der relativen Zinskostendifferenzen. Im zweiten Teil wird die Vorgehensweise erläutert, mit der das Phänomen der umschlagenden relativen Faktorintensitäten eliminiert wird und die Finanzströme bei jeder Zinskostenkonstellation eindeutig bestimmt sind. Der folgende dritte Teil analysiert den im Zinsswapgeschäft zu beobachtenden Regelfall, nach dem ein Unternehmen von vergleichsweise höherer Bonität seinen komparativen Vorteil stets im Festzins-Marktsegment hat. Im abschließenden Teil IV wird das Ergebnis formuliert, daß Zinsswaps aufgrund der dargelegten konzeptionellen und empirischen Gegebenheiten einen Spezialfall der Ricardianischen Tauschtheorie darstellen. Zum Schluß wird die allgemeine Entscheidungsabfolge im Zinsswapgeschäft nochmals anhand eines Flußdiagramms aufgezeigt.

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Berichte

Brase, Matthias
„Sind die Zinsprognosen von Finanzmarktexperten rational?“

Eine Analyse der durch Befragungen ermittelten Zinserwartungen von Finanz­marktexperten führt nicht zu einer Bestätigung der rationalen Erwartungsbildungs­theorie im Sinne von Muth. Zwar können die Zinsprognosefehler der Befragungsteil­nehmer nicht auf Fehler bei der Voraussehätzung zinsbestimmender Variablen zu­rückgeführt werden, aber auf unzureichende Kenntnisse der tatsächlichen Wirkungszusammenhänge zwischen Dollarkurs bzw. Zentralbankgeldmengenwachstum und der Zinsbildung am deutschen Rentenmarkt. Offensichtlich gelingt es den befragten Finanzmarktexperten nicht die (wechselnde) Einflußstärke dieser Variablen auf das Angebots- und Nachfrageverhalten der unterschiedlichen Anleger- und Emittentengruppen und damit auf die Zinsbildung zu quantifizieren. Dieses Ergebnis der empirischen Analyse kann mit Hilfe struktureller Erwartungsbildungstheorien sowie der Möglichkeit auftretender „irrational bubbles“ begründet werden.

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