KREDIT und KAPITAL - Heft 3/1988


Inhalt


Abhandlungen

Bofinger, Peter
Das Europäische Währungssystem und die geldpolitische Koordination in Europa

Von Hagen, Jürgen
Geldmengensteuerung mit stochastischem Operationsziel. Zur Interpretation der Politik des Federal Reserve Board seit 1982

Cansier, Dieter
Die amerikanischen Budgetdefizite und der Dollarkurs

Kitterer, Wolfgang
Der Einfluß der Alterssicherung auf die gesamtwirtschaftliche Kapitalbildung

De Haan, J. und Zelhorst, D.
The Empirical Evidence on the Ricardian Equivalence Hypothesis

Bieg, Hartmut und Rübel, Markus
Ausweis und Bewertung von Devisen- und Zinstermingeschäften in Bankbilanzen - Teil II


Berichte

Rasche, Robert H.
Monetary Policy and Financial Deregulation in the United States


Buchbesprechungen

Ulrich, Peter
Transformation der ökonomischen Vernunft. Fortschrittsperspektiven der modernen Industriegesellschaft
(Michael Burchardt)

Stammer, Karin
Nichtbanken als Substitutionskonkurrenten auf dem Bankleistungsmarkt – Eine vergleichende Analyse für das deutsche und US-amerikanische Bankensystem
(Werner Profitlich)

Böhm, Edward
Wechselkurspolitik in der Planwirtschaft
(Georg J. Dobrovolny)


Zusammenfassungen

Bofinger, Peter
„Das Europäische Währungssystem und die geldpolitische Koordination in Europa“

Die Studie untersucht den Prozeß der monetären Koordination in Europa bei unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen
- dem EWS mit den derzeitigen Regeln
- einem modifizierten EWS mit einer verminderten Asymmetrie zugunsten des Landes mit starker Währung
- einem EWS mit einer direkten geldpolitischen Koordination durch Gemeinschaftsinstitutionen.
- Unter dem Kriterium einer effizienten realen Verankerung erweisen sich die beiden letzteren Varianten dem Status quo unterlegen. Eine wirklich symmetrische Koordination der europäischen Geldpolitik ist somit nicht möglich ohne die Schaffung einer autonomen Zentralbank mit einem klaren Stabilitätsauftrag.

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Von Hagen, Jürgen
„Geldmengensteuerung mit stochastischem Geldmengenziel“

Die amerikanische Geldpolitik der letzten zehn Jahre ist durch zwei herausragende Ereignisse geprägt. Nach einigen Jahren des Versuchs der Geldmengensteuerung über kurzfristige Zinsziele ging das Federal Reserve Board im Oktober 1979 zu einem Steuerungsregime über, dessen zentrales Element die kurzfristige Kontrolle ungeborgter Reserven war. Im Oktober 1982 wurde der Wechsel zu einem neuen Regime vollzogen, in dem seither Richtgrößen für den Bestand an Refinanzierungskredit eine größere Rolle spielen. In der geldpolitischen Diskussion um das aktuelle Regime sind zwei Interpretationen vorgestellt worden. Einige Autoren verstehen es als Rückkehr zu kurzfristigen Zinszielen, während andere die Bedeutung der Bestandsziele für Refinanzierungskredit mit derjenigen der früheren Ziele für ungeborgte Reserven gleichsetzen. Beide Interpretationen sind jedoch insofern unbefriedigend, als sie dem Fed a priori die Wahl eines suboptimalen Verfahrens zur Zins- oder Geldmengensteuerung unterstellen müssen. Der vorliegende Aufsatz entwickelt eine alternative Interpretation, die diese Schwäche vermeidet. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, daß das Fed in der Durchführung der Geldmengensteuerung über die Kontrolle ungeborgter Reserven sich mit einer Informationsbeschränkung konfrontiert sieht, die in der Darstellung dieses Regimes gemeinhin unbeachtet bleibt: Aufgrund institutioneller Gegebenheiten ist der aktuelle Bestand ungeborgter Reserven jeweils nicht beobachtbar. Eine optimale Ausnutzung verfügbarer Information seitens des Fed führt zu einem Kontrollregime, in dessen Mittelpunkt weiterhin die Ansteuerung kurzfristiger Ziele für ungeborgte Reserven steht, das jedoch für den externen Betrachter beobachtungsäquivalent zu einem suboptimalen Verfahren der Geldmengensteuerung über kurzfristige Zins- oder Refinanzierungsziele werden kann.

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Cansier, Dieter
„Die amerikanischen Budgetdefizite und der Dollarkurs“

Da es sehr umstritten ist, ob zwischen den amerikanischen Haushaltsdefiziten und dem Dollarkurs ein engerer Zusammenhang besteht, wird untersucht, ob plausible theoretische Gründe gegen die Relevanz der Budgetpolitik in der Phase der Dollaraufwertung von September 1980 bis März 1985 und in der Phase der Dollarabwertung seit April 1985 sprechen. Außerdem wird gefragt, welche Bedeutung der Verringerung der Defizite für den Abbau des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits zukommt. Für die Aufwertungsphase kann man davon ausgehen, daß die wachsenden Haushaltsdefizite des Bundes Zinssätze und Dollarkurs erhöht haben. Wie stark allerdings der relative Beitrag der Fiskalpolitik gewesen ist, muß offen bleiben. Restriktive Geldpolitik, günstige Ertragserwartungen und expansive Finanzpolitik haben zusammengewirkt und die massive Dollaraufwertung herbeigeführt. Daß Geldschöpfung, Mehrsparen und Kapitalimporte einen Zinsanstieg verhindert haben, kann man ausschließen. Kritischer Punkt im Zusammenhang mit den internationalen Kapitalbewegungen ist die Höhe der Zinselastizität der Kapitalströme. Nur bei "hoher" Elastizität führen Haushaltsdefizite zur Aufwertung der heimischen Währung, andernfalls kommt es zur Abwertung, was dann ein Beleg für die Irrelevanz der amerikanischen Budgetdefizite für den Dollarkurs wäre. Wenn man im allgemeinen von einer hohen Zinselastizität ausgeht, muß man konsequenterweise auch den Schluß ziehen, daß die Defizite eher mit geringen expansiven Wirkungen auf das Volkseinkommen verbunden gewesen sind. Für die Dollarabwertungen dürften dagegen die Haushaltsdefizite von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, denn ein Wechsel von der expansiven Haushaltspolitik zur deutlich restriktiven Politik beginnt erst im Laufe des Jahres 1987. Da sich mit dem Gramm-Rudman-Haushaltskontrollgesetz seit Ende 1985 eine Wende in der Budgetentwicklung abzeichnet, können allerdings schon frühzeitiger Zinssenkungs- und Abwertungserwartungen Abwertungstendenzen gefördert haben. Die Beseitigung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits verlangt unvermeidlich von den Vereinigten Staaten eine restriktive Politik. Mit Hilfe der Haushaltskonsolidierung läßt sich dieses Ziel wesentlich wirksamer und wachstumsfreundlicher als mit Hilfe der restriktiven Geldpolitik erreichen, so daß sich die amerikanische Politik auf die Verringerung der Budgetdefizite konzentrieren und auf geldpolitische Stützungsmaßnahmen zugunsten des Dollars verzichten sollte.

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Kitterer, Wolfgang
“Der Einfluß der Alterssicherung auf die gesamtwirtschaftliche Kapitalbildung”

Im Rahmen eines Generationenmodells wird der Einfluß unterschiedlicher Systeme der Alterssicherung auf die gesamtwirtschaftliche Kapitalbildung untersucht. Zunächst wird gezeigt, daß sich auch die individuelle Alterssicherung nur aufrecht erhalten läßt, wenn eine Art Generationenvertrag eingehalten wird. Er setzt eine entsprechend hohe Vermögensbildung der jeweils jungen Generation voraus. Das Umlageverfahren impliziert einen Zwangstransfer von der jungen zur alten Generation. Es führt zu einem verminderten Kapitalstock je Erwerbstätigen. Die Auswirkungen dieses Verfahrens auf die gesamtwirtschaftlichen Konsummöglichkeiten hängen von dem Verhältnis des Zinssatzes zur Wachstumsrate der Bevölkerung ab. Das institutionelle Kapitaldeckungsverfahren führt nicht ohne weiteres zu einer zusätzlichen gesamtwirtschaftlichen Kapitalbildung. Letzteres erfordert vielmehr einen Konsumverzicht, der über den Transfer hinausgeht, der sich aus bereits erworbenen Rentenansprüchen ableitet.

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De Haan, J. und Zelhorst, D.
“Empirischer Beweis der Äquivalenzhypothese Ricardos”

In diesem Artikel wird der empirische Beweis der auf dem Konsumentenverhalten basierenden Äquivalenz-(oder Schuldenneutralitäts-)hypothese Ricardos überprüft. Die verschiedenen Prüfverfahren werden kritisch besprochen und die Prüfergebnisse schematisch dargestellt. Es scheint, daß die Resultate in bezug auf den gewählten Stichprobenzeitraum sowie auf auch nur geringe Beschreibungsänderungen recht anfällig sind. Für Deutschland wird dies durch Beschreibung der Verbrauchsfunktion in dem von Seater & Mariano sowie Modigliani et al. vorgeschlagenen Sinne näher erläutert.

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Bieg, Hartmut und Rübel, Markus
„Ausweis und Bewertung von Devisen- und Zinstermingeschäften in Bankbilanzen - Teil II“

Nachdem im letzten Heft die geschäftstechnischen Grundlagen und Risiken wichtiger Devisen- und Zinstermingeschäftsarten beschrieben und an ihrem Beispiel die einschlägigen Bilanzierungsgepflogenheiten erörtert wurden, beginnt mit dem vorliegenden Beitragsteil die Darstellung einer Konzeption zur Abbildung wechselkurs- und zinsrisikotragender Engagements in den Jahresabschlüssen der Kreditinstitute. Es wird vorgeschlagen, die unrealisierten, durch Zins- und Wechselkurseinflüsse bedingten Ergebnisse aus allen relevanten schwebenden und bilanzwirksamen Einzelposten herauszulösen und gesonderten, abstrakten Bewertungseinheiten - den Währungs-, respektive Festzinspositionen - zuzuordnen. An sie greift das Einzelbewertungsprinzip in voller Strenge an; die schwebenden Wechselkurs-/Zinserfolge werden für jede Währung nach weitgehend objektivierten Verfahren außerhalb der Bilanz bemessen und, sofern Realisations- und Imparitätsprinzip dies erforderlich machen, bilanz- bzw. erfolgswirksam verrechnet. In welcher Form dies zu geschehen hat, hängt mit von der Abbildungstechnik für konkrete Bewertungseinheiten einzelner Bilanzposten ab. In diesem Zusammenhang werden für Fremdwährungsbestände zunächst zwei Alternativen, die Ursprungs- und Stichtagskursmethode, zur Diskussion gestellt. Angesichts der hohen Bedeutung wechselkurs- und zinsabhängiger Engagements für Banken und aufgrund der Rechenschaftsfunktion des Jahresabschlusses wird ferner die Aufnahme zweier spezieller Erläuterungsinstrumente (Fremdwährungs- und Festzinsspiegel) in den Anhang vorgeschlagen. Um den Zugang zur Problematik zu erleichtern, abstrahieren die Ausführungen im zweiten Teil der Abhandlung noch von den - durch ihren Schwebezustand bedingten - besonderen Aspekten der Termingeschäfte. Erst im nachfolgenden dritten Teil wird die Abbildungskonzeption auch auf beiderseits unerfüllte Verträge erweitert.

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Berichte

Rasche, Robert H.
“Geldpolitik und Deregulierung der Finanzmärkte in den USA“

Diese Studie untersucht, ob die kontinuierliche Innovation und Deregulierung der Finanzmärkte in den Vereinigten Staaten von Amerika Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre eine potentielle Quelle beachtlicher Schwierigkeiten in der Gestaltung der Geldpolitik gewesen ist. Es scheint bewiesen, daß für die Politiker aus diesen Quellen nur relativ wenige Probleme entstanden sind und daß der Strukturwandel, der mit der Einführung der Zinselastizität, die der vorherrschenden Meinung über die zu erwartende Auswirkung der Einführung von zinsbringenden Kontokorrentkonten auf die Geldumlaufgeschwindigkeit widerspricht.

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