KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1989


Inhalt


Abhandlungen

Issing, Otmar und Masuch, Klaus
Zur Frage der normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden

Kösters, Wim
Transmission und Koordination nationaler Wirtschaftspolitiken bei weltwirtschaftlicher Verflechtung

Meltzer, Allan H.
Some Lessons of Monetary Management

Läufer, Nikolaus K. A.
Makroökonomik einer neuen Geldangebotshypothese für die Bundesrepublik Deutschland

Rosenstock, Adolf
Zinsertragssteuern und internationale Zinsdifferenzen

Bußmann, Johannes
Die Bestimmung der Zinsstruktur am deutschen Kapitalmarkt. Eine empirische Untersuchung für den Zeitraum 1978 bis 1986


Berichte

Hasche-Preuße, Christine
Europäischer Finanzraum – Perspektiven für die Kapitalmärkte, die Finanzindustrien und die Währungspolitik


Buchbesprechungen

Gälli, Anton und Alkazaz, Aziz
Der arabische Bankensektor. Entwicklung, organisatorischer Aufbau und Zielsetzung, regionale und internationale Bedeutung
(Joachim von Stockhausen)

Dombret, Andreas R.
Die Verbriefung als innovative Finanzierungstechnik. Strategien der Securitization am Geld- und Kapitalmarkt aus der Sicht internationaler Großbanken
(Felix Leis)


Zusammenfassungen

Issing, Otmar und Masuch, Klaus
„Zur Frage der normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden“

Ausgehend vom intertemporalen Ansatz zur Analyse von Leistungsbilanzsalden wird zunächst dargelegt, auf welche unterschiedlichen Konstellationen der fundamentalen Faktoren, nämlich intertemporale Nutzen- und Produktionsfunktionen der einzelnen Länder, Leistungsbilanzsalden prinzipiell zurückzuführen sind. Überschüsse und Defizite sind demnach Ausdruck intertemporaler Optimierung. Aus dieser Sicht muß der politisch erzwungene Ausgleich sogenannter Leistungsbilanzungleichgewichte zu Wohlfahrtseinbußen führen. In einer realitätsbezogenen Analyse sind jedoch Anpassungskosten und Unsicherheit, aber auch vielfältige Verzerrungen durch Steuern, Subventionen und Regulierungen zu berücksichtigen, die neben den fundamentalen Faktoren Einfluß in die Leistungsbilanzen ausüben und Salden verursachen können. Aus der Existenz solcher Faktoren folgt aber keineswegs, daß es für die Politik geboten wäre, Leistungsbilanzziele zu postulieren und zu verfolgen. Wohlfahrtsverbesserungen können auf diese Weise vor allem dann nicht erreicht werden, wenn ganz pauschal eine Reduktion von Überschüssen und Defiziten angestrebt wird, ohne daß die Bestimmungsgründe bestehender Leistungsbilanzsalden eingehend analysiert werden. Aus stabilitätspolitischer Sicht ergeben sich zudem völlig unterschiedliche optimale Leistungsbilanzsalden, je nachdem ob Produktions- und Beschäftigungsschwankungen angebots- oder nachfragebedingt sind. Schließlich stößt auch die Implementierung einer an Leistungsbilanzzielen orientierten Politik auf erhebliche Schwierigkeiten; unter den möglichen Auswirkungen sind insbesondere eine Verschärfung des Protektionismus und eine höhere Staatsverschuldung zu nennen.

hoch


Kösters, Wim
„Transmission und Koordination nationaler Wirtschaftspolitiken bei weltwirtschaftlicher Verflechtung“

Gegenwärtig werden im politischen Bereich große Hoffnungen in eine Verbesserung der internationalen Koordination der Wirtschaftspolitik gesetzt. Darunter wird zumeist eine fallweise Abstimmung nationaler Maßnahmen durch internationale Verhandlungen verstanden. Man verspricht sich davon eine Erhöhung der Wohlfahrt der beteiligten Länder. Wie fundiert solche Erwartungen sind, wird durch eine kritische Auswertung wichtiger neuerer Studien zu diesem Problemkreis, die den augenblicklichen Wissensstand wiedergeben, untersucht. Dabei werden zunächst einige Ergebnisse theoretischer und empirischer Analysen über Richtung und Größenordnung von Spillovers nationaler wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf Zielvariablen des Auslands diskutiert. Danach werden dann theoretische und empirische Resultate spieltheoretischer Ansätze zu den Wohlfahrtsgewinnen internationaler Koordination vorgestellt und kritisch gewürdigt. Insgesamt gesehen kommt der Verfasser zu einer eher skeptischen Einschätzung. Es konnten bisher - wenn Oberhaupt - nur kleine Wohlfahrtseffekte durch diskretionäre internationale Koordination nachgewiesen werden, die zudem als stark risikobehaftet eingestuft werden müssen. Unter bestimmten Bedingungen können sie sogar in Wohlfahrtsverluste umschlagen.

hoch


Meltzer, Allan H.
„Einige Lehren über geldpolitisches Management“

Viele Zentralnotenbanken verlassen sich in ihren diskretionären, geldpolitischen Entscheidungen auf Prognosen. Eine Reihe neuerer Forschungsarbeiten legt nahe, daß eine adaptive Regel, die verfügbare Daten ausnutzt, die Effizienz der Politik vergrößert, indem sie die Prognostizierbarkeit der politischen Maßnahmen verbessert und das wirtschaftliche Wachstum erhöht. Dieser Aufsatz behandelt empirische Fragen. Prognosefehler privater und öffentlicher Prognosen werden vorgeführt. Für alle untersuchten Länder und Zeitperioden lautet das Hauptergebnis: Die Prognosefehler sind im Vergleich zu den normalen Änderungen der Variablen so groß, daß die Prognostiker in der Regel nicht in der Lage sind, zu prognostizieren, ob die Volkswirtschaft sich im nächsten Vierteljahr oder im nächsten Jahr in einem Boom oder in einer Rezession befinden wird. Der Aufsatz vergleicht auch für sechs Länder die Größenordnung nicht antizipierter Änderungsraten bei fixen und bei flexiblen Wechselkursen. Das Hauptergebnis hier ist, daß entgegen allgemeiner Annahme die Variabilität von Preisen und Output in mehreren Ländern während des Regimes flexibler Wechselkurse geringer war. Aufgrund dieser Ergebnisse wird eine adaptive Politikregel vorgeschlagen, um die Variabilität von Preisen, Wechselkursen und wirtschaftlicher Aktivität zu verringern.

hoch


Läufer, Nikolaus K. A.
„Makroökonomik einer neuen Geldangebotshypothese für die BRD“

Das Papier leitet geldpolitisch relevante, makroökonomische Hypothesen zum Geld- und Kreditangebot her, die aus einer solchen Mikrofundierung der Geldangebotstheorie für die BRD folgen, bei der möglichst viele der institutionellen Details der Geldordnung der BRD berücksichtigt wurden, von denen die gängigen Ansätze der Geldangebotstheorie noch nicht einmal Kenntnis genommen haben. Zu den berücksichtigten Details gehören Refinanzierungskontingente (Kontingente für Rediskont und Lombardkredit von der Zentralbank), Geldmarktregulierung, Unterschiede in der Ausgestaltung zwischen Rediskont- und Lombardkredit, Strafzinsen für Mindestreserveunterschreitungen und anderes. Insbesondere aus der Wirksamkeit der Kontingentpolitik - auch für den Fall, daß die Refinanzierungskontingente vor ihrer Veränderung nicht voll ausgenutzt waren - ergeben sich auf der makroökonomischen Ebene entscheidende Konsequenzen für die monetäre Skalenvariable und für die Wahl des geldpolitischen Indikators. Im Ergebnis sind die gewöhnliche Geldbasis und alle ihre Derivate (wie adjustierte und erweiterte Geldbasis einschließlich der darauf aufbauenden Theorien) abzulehnen und durch die potentielle Geldbasis und ihre Derivate zu ersetzen. Auf empirische Bestätigungen, die an anderer Stelle veröffentlicht wurden, kann verwiesen werden.

hoch


Rosenstock, Adolf
„Zinsertragsteuern und internationale Zinsdifferenzen“

Die Globalisierung der Finanzströme hat dazu geführt, daß heute ein weltweiter Kapitalmarkt im Entstehen ist. Traditionelle Binnenmärkte verlieren damit ihren Charakter als eigenständige Märkte. Die Untersuchung geht der Frage nach, welche qualitativen Wirkungen von Steuern auf Zinseinkommen und der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Zinsaufwendungen auf nationale Zinsniveaus und Wechselkurse ausgehen, wenn die Kapitalmärkte vollkommen liberalisiert und offen sind. Näher untersucht werden die Wirkungen von differierenden länderspezifischen Besteuerungsgrundlagen (tax base) und -sätzen, der Besteuerung nach dem Nominalwertprinzip und den Möglichkeiten zur Steuerumgehung. Die vorgestellten Überlegungen führen zu der Schlußfolgerung, daß bei Besteuerung nach dem Nominalwertprinzip der Länder mit relativ hohen Inflationsraten langfristig ein niedrigeres Realzinsniveau nach Steuern haben werden als Länder mit durchschnittlich geringeren Geldentwertungen. Auch international vollkommen harmonisierte Steuersysteme können dies nicht verhindern. Während dieser verzerrende Effekt vermieden werden kann, indem nur reale Zinseinkommen besteuert werden, ist ein weiterer zinsverzerrender Einfluß wesentlich schwieriger einzudämmen. Es wird nämlich gezeigt, wie Möglichkeiten der Steuerumgehung zur Nicht-Neutralität des Steuerwesens hinsichtlich Zinsniveaus, Sparaufkommen und Investitionsvolumen führen.

hoch


Bußmann, Johannes
„Die Bestimmung der Zinsstruktur am deutschen Kapitalmarkt - Eine empirische Untersuchung für den Zeitraum 1978 bis 1986“

Die Fristigkeitsstruktur der Zinssätze in einem Zeitpunkt (kurz Zinsstruktur bezeichnet) ist die Menge der internen Zinssätze einzelner deterministischer zukünftiger Zahlungen. Da die Zinsstruktur nicht direkt aus beobachtbaren Marktdaten berechnet werden kann, sondern aus diesen mit geeigneten statistischen Verfahren geschätzt werden muß, wird in der Praxis ersatzweise die einfacher bestimmbare Renditenstruktur verwendet. Beide stimmen theoretisch nur im Falle einer flachen Zinskurve überein. Für den Untersuchungszeitraum 1978 bis 1986 wurde die Zinsstruktur am Deutschen Kapitalmarkt bestimmt. Mit verschiedenen Verfahren wurde jeweils für die Mitte des Monats aus den Marktpreisen aller ausstehenden gesamtfälligen Anleihen von Bund, Bahn und Post die Zinsstruktur geschätzt. Für verschiedene Schätzzeitpunkte sind die Abweichungen der Schätzergebnisse graphisch dargestellt. Für jeden Schätzzeitpunkt und jedes Verfahren wurde der mittlere quadratische Fehler der geschätzten Anleihepreise bestimmt. Die Ergebnisse zeigen, daß die mit dem Verfahren von Shea und die mit dem Verfahren von Chambers / Carleton / Waldman geschätzten Zinsstrukturen den Renditestrukturschätzungen der Deutschen Bundesbank überlegen sind.

hoch


Berichte

Hasche-Preuße, Christine
„Europäischer Finanzraum – Perspektiven für die Kapitalmärkte, die Finanzindustrien und die Währungspolitik“

Der gemeinsame Markt für Finanzdienstleistungen soll als Teil des Programms zur Vollendung des Binnenmarktes bis zum 31. Dezember 1992 geschaffen sein. Die Beschlüsse zur Liberalisierung des Kapitalverkehrs, die Harmonisierung der Aufsichtsregeln im Kredit-, Versicherungs- und Börsenwesen sollen sich gemeinsam mit einer EG-einheitlichen Besteuerung von Kapitalerträgen bei der Schaffung eines europäischen Finanzraums ergänzen. Das Treffen von Entscheidungen wird dabei in wachsendem Umfang von den Mitgliedstaaten auf EG-Ebenen verlagert. Der Ermessensspielraum, den die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung von Richtlinien in nationales Recht üblicherweise nutzen und Sonderregelungen, die in den Richtlinien zugun­sten einzelner Mitgliedstaaten enthalten sind, werden jedoch auch künftig für Markt­unvollkommenheiten sorgen. Weiterbestehende Unterschiede in den Steuergesetzen werden zusätzlich zu Standortvorteilen bzw. -nachteilen führen. Der Abbau von administrativen Hemmnissen wird auf längere Sicht die europäischen Finanzmärkte enger zusammenwachsen lassen, so daß die Wettbewerbsbedingungen sich annähern. Die geographische Verteilung des europäischen Wertpapiergeschäftes hat in der Vergangenheit sehr deutlich gezeigt, daß Kapitalverkehrsbeschränkungen die Märkte relativ stark voneinander abschotten können. Der Wegfall von Restriktionen im Kapitalverkehr ist daher eine essentielle Voraussetzung für das grenzüberschreitende Anbieten und Nachfragen von Finanzdienstleistungen. Eine wirklich vollständige und unwiderrufliche Liberalisierung des Kapitalverkehrs und ein gemeinsamer europäischer Finanzmarkt werden einen erheblichen Integrationsdruck ausüben und einen währungspolitischen Treibsatz in Richtung Wirtschafts- und Währungsunion darstellen. Der Zwang zur währungspolitischen Koordination wird deshalb weiter wachsen.

hoch





Zurück zur Archivübersicht