KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1992


Inhalt


Abhandlungen

Hesse, Helmut und Roth, Gisela
Die Zinsstruktur als Indikator der Geldpolitik?

De Grauwe, Paul und Dewachter, Hans
Chaos in the Dornbusch Model of the Exchange Rate

Reither, Franco
Nachfrageschocks und Wechselkursvolatilität

Svindland, Eirik
Das Sequenzing-Problem der Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa

Reszat, Beate
Irrationalitäten und Anomalien als Bestimmungsfaktoren währungspolitischer Entscheidungen

Schmidt, Hartmut
Die Rolle des Regionalbörsen am deutschen Kapitalmarkt heute und morgen (Teil I)


Berichte

Spudy, Jens
Die ersten vier Wochen der deutschen Terminbörse (Teil II)


Buchbesprechungen

Köhler, Claus
Internationalökonomie - Ein System offener Volkswirtschaften (Werner Lachmann)

Hahn, Hugo J.
Währungsrecht (Günther Schleiminger)


Zusammenfassungen

Hesse, Helmut und Roth, Gisela
"Die Zinsstruktur als Indikator der Geldpolitik?"

Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob die Zinsstruktur als Indikator der deutschen Geldpolitik geeignet ist. In den Vereinigten Staaten wird seit geraumer Zeit darüber diskutiert, ob die Zinsstruktur der durch Finanzinnovationen in ihrer Informationsfunktion beeinträchtigten Geldmenge vorzuziehen sei. Empirische Untersuchungen aus den Federal Reserve Banks über den Zusammenhang zwischen der Zinsstruktur und dem realen Bruttosozialprodukt sowie dem Preisniveau kommen für die Vereinigten Staaten zu dem Ergebnis, daß die Zinsstruktur erheblichen Erklärungswert für die zukünftigen Bewegungen beider Endziele der Wirtschaftspolitik aufweist.

Drei dogmengeschichtliche Entwicklungslinien können zur theoretischen Fundierung eines Zinsstrukturindikators herangezogen werden: die Relation Q von James Tobin, die Erwartungstheorie der Zinsstruktur von Irving Fisher und die Zinstheorie von Knut Wicksell. Letzterer kann als der eigentliche Begründer des indikatortheoretischen Zinsstrukturansatzes gelten, weil auf ihn die Vorstellung zurückgeht, daß die Geldpolitik über ihren Einfluß auf das Verhältnis zweier Zinssätze zueinander wirksam wird. Im Rahmen der theoretischen Überprüfung eines Zinsstrukturindikators wird die Hypothese aufgestellt, daß er weniger innovationsanfällig ist als Geldmengenaggregate. Diese - noch abzusichernde Hypothese - spricht für die Verwendung eines Zinsstrukturindikators; dagegen spricht vor allem die Einschränkung seiner Aussagekraft durch internationale Kapitalbewegungen. Der empirische Zusammenhang zwischen der Zinsstruktur und dem Bruttosozialprodukt ist in Deutschland sehr eng; Zinsstruktur und Preisniveau weisen einen weniger engen Zusammenhang auf. Als Ergebnis der Analyse bleibt festzuhalten, daß die Zinsstruktur nicht als Indikator der deutschen Geldpolitik geeignet ist. In einer durch hohe Auslandsabhängigkeit gekennzeichneten Volkswirtschaft wiegt die Beeinträchtigung der Informationsfunktion der Zinsstruktur durch internationale Kapitalbewegungen schwer.

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De Grauwe, Paul und Dewachter, Hans
"Chaos in the Dornbusch Model of the Exchange Rate"

Dieser Beitrag beschreibt ein Modell für den Wechselkurs. Er berücksichtigt Interaktionen zwischen unterschiedlichen Kategorien von Akteuren. Wir befassen uns mit zwei dieser Kategorien, nämlich mit den Fundamental- Analysten zum einen, die ihre Prognosen für den jeweiligen künftigen Wechselkurs die Kaufkraftparität zugrundelegen, und den Chart- Analysten zum anderen, die dazu einfache Tabellen für den gleitenden Mittelwert verwenden.

Ferner unterstellen wir, dass sich die relative Stärke dieser beiden Kategorien im Zeitverlauf ändert. Gibt man für die relative Stärke eine spezifische funktionelle Gliederung vor, erhält man ein Modell in geschlossener Form.

Die Hauptschlussfolgerung dieses Beitrags besteht darin, dass diese Interaktionen zu chaotischen Entwicklungen der Wechselkurse führen. Diese Labilitätsquelle ist unabhängig von neuen Erkenntnissen und kann für die kürzlich festgestellten Wechselkursbewegungen verantwortlich zeichnen, die sich nicht auf neue Erkenntnisse zurückführen lassen.

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Reither, Franco
"Nachfrageschocks und Wechselkursvolatilität "

Analysiert wird ein Modell der kleinen offenen Volkswirtschaft mit flexiblem Wechselkurs, in dem das Produktionspotential auf Veränderungen des realen Wechselkurses reagiert. Im übrigen entspricht das Modell dem Standard-Ansatz der monetären Wechselkurstheorie. Die Abhängigkeit des Ausbringungsniveaus vom realen Wechselkurs führt dazu, daß auch nichtmonetäre Schocks zeitverteilte Anpassungsprozesse zur Folge haben und nicht unverzüglich durch geeignete Veränderung des nominalen Wechselkurses absorbiert werden. Am Beispiel einer Fiskalexpansion wurde gezeigt, daß mit Eindeutigkeit der reale Wechselkurs seinen langfristigen Gleichgewichtswert überschießt; dies geht mit einem vorübergehenden Anstieg des inländischen Realzinses über das Weltniveau einher. Für die nominalen Größen ist die Gestalt der Anpassungsprozesse nicht eindeutig. Für ein Überschießen des nominalen Wechselkurses muß eine hinreichend schwache Reaktion der Handelsbilanz mit einem hinreichend schwachen Anpassungstempo des Binnengüterpreisniveaus einhergehen. Bei hoher Preisniveauflexibilität resultiert hingegen ein Unterschießen.

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Svindland, Eirik
"Das Sequenzing-Problem der Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa"

Warum weicht die wirtschaftliche Transformation der ehemals sozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas so entschieden von den Vorstellungen vom relativ einfachen Transformationsprozeß ab, die wir noch vor zwei Jahren hatten? Wurden Probleme unterschätzt oder Regierungen falsch beraten? Sechs der besonders wichtigen binnenwirtschaftlichen Problembereiche werden in dem vorliegenden Aufsatz berücksichtigt. Es handelt sich um: (1) Die vorhandenen Gesetze sind grundverschieden den von denen der Rechtsordnung einer individualistisch orientierten Marktwirtschaft. (2) Soziale Dienste und Verantwortung müssen von überbemannten, unproduktiven Arbeitsplätzen auf neue Ämter und Versicherungen übertragen werden. (3) Die oft überdimensionierten Betriebe und Handelsorganisationen müssen auf eine ökonomisch sinnvolle Weise so reorganisiert werden, daß Investitionsentscheidungen zukünftig von Unternehmen gefaßt werden, die unabhängig handeln und -soweit es praktisch möglich ist - keine Monopolmacht ausüben. (4) Der öffentliche Sektor erhält neue Aufgaben, muß entsprechend reorganisiert werden und braucht Steuereinnahmen, um die Aufgaben zu bewältigen, ohne die Notenpresse zu betätigen. (5) Die Institutionen des Kreditwesens (Zentralbank, Banken, Kapitalmarkt) müssen unter äußerst ungünstigen Umständen entwickelt werden; neue Unternehmen stellen als Schulden hohe Risiken dar, während alte Betriebe, die in der Vergangenheit ( mit ,,weicher" Budgetrestriktion) hohe Schulden akkumulieren, unter den Bedingungen einer Depression lernen müssen, mit beschränkten finanziellen Mitteln ("harter" Budgetrestriktion) zu arbeiten. (6) Eine Inflation muß in Verbindung mit dem Abbau des Kaufkraftüberhangs aus der Zeit der Planwirtschaft gestoppt werden. Dabei kommen Interdependenzen der Problemlösungen zum Vorschein, die im Hinblick auf die folgende Frage untersucht werden: Welche Abfolge von Systemreformen und politischen Aktionen hat die Eigenschaft, daß sie der Logik wirtschaftlicher Zusammenhänge entspricht und Interessenkonflikte entschärft? Es bietet sich an, mit einem offenen Ende des Netzwerkes interdependenter Probleme anzufangen. Die Analyse zeigt, daß die Organisation der Betriebe ein solches Ende ist: sie kann unabhängig von anderen Reformen erfolgen. Also müssen zuallererst diese Bedingungen eine marktwirtschaftliche Gestalt erhalten (ein neues Bürgerliches Gesetzbuch, Handelsgesetzbuch, Arbeitsrecht usw.). Mit solchen Gesetzen, die sich schnell realisieren lassen, führt man die Marktwirtschaftsordnung ein. Die Reorganisation des Staatsbesitzes, die Einführung von Sozialgesetzen und Sozialversicherungen, Behörden- und Steuerreformen, die Einführung von Gesetzen über Banken, die Sanierung von Altschulden (eventuell eine Währungsreform9 und die Reorganisation des Bankwesens, die Regulierung und Reorganisation des Versicherungswesens und die Organisation eines Kapitalmarktes müssten danach - in der genannten Reihenfolge - erfolgen. Daß die Reformen im Bereich des Geld- und Kreditwesens an später Stelle rangieren, ist eine Besonderheit der hier vertretenen Sequenz- Lösung. Es wird behauptet, dass der Wettbewerb im Kreditwesen weder vorrangig noch eine Voraussetzung für andere Reformen ist. Erst wenn ein Kapitalmarkt auf der Grundlage einer Geldwertstabilisierung und wohlgelungener Reformen im Bereich des Finanz- und Versicherungswesens konstituiert worden ist, wird die Nachfrage nach Aktien und nach festverzinslichen Wertpapieren (wie Staatsanleihen) die erhoffte Größe bekommen.

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Reszat, Beate
"Irrationalitäten und Anomalien als Bestimmungsfaktor währungspolitischer Entscheidungen"

Währungspolitische Kooperation von Industrieländern wird in der Theorie oftmals mit einer Art Gefangenendilemma gleichgesetzt: Obwohl eine Zusammenarbeit für alle Beteiligten von Vorteil wäre, ist die Versuchung groß, sich nicht an Absprachen zu halten und eine Free-Rider-Position anderen gegenüber einzunehmen. Die Verhaltensannahmen, die dem zugrundeliegen, sind allerdings wenig geeignet, die Natur internationaler Beziehungen auch nur im Ansatz zutreffend zu charakterisieren. Vollständige Information und von-Neumann-Morgenstern-Rationalität in den Entscheidungen sind der Wirklichkeit eher die Ausnahme als die Regel.

Wird internationale Politik als Problem der Entscheidungsfindung in kleinen Gruppen interpretiert, stellen sich die Aussichten für eine Kooperation weitaus günstiger dar. Eine solche Sicht rechtfertigt die Einbeziehung von Anomalien und Irrationalitäten. Aufmerksamkeit verdienen vor allem zwei Aspekte: die Unsicherheit, unter der die Akteure handeln, und die Motive und Zwänge, von denen sie sich leiten lassen. Wird der Nutzen einer Kooperation anders eingeschätzt als er sich "objektiv" darstellt, lassen sich Verstöße gegen die von-Neumann-Morgenstern-Rationalität nicht ausschließen. Und sind die Beweggründe für eine Entscheidung andere als ein Beobachter von außen erwarten würde, mag jenem eine Politikerentscheidung nicht "normal" erscheinen. Beides eröffnet ein weites Spektrum von Konstellationen und Handlungsalternativen, die einen Ausweg aus dem Dilemma weisen.

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Schmidt, Hartmut
"Die Regionalbörsen am deutschen Kapitalmarkt heute und morgen (Teil I)"

Die Diskussion um die zukünftige Struktur des deutschen Börsenwesens folgt eingefahrenen Gleisen. Die meisten Beobachter sehen es als Faktum an, dass die Zersplitterung des Effektenhandels auf acht Börsen- ohne Deutsche Terminbörse - dem Finanzplatz Deutschland schadet und die Liquidität der Aktienmärkte mindert. Wer eine Wort für sogenannte Regionalbörsen einlegt, läuft Gefahr, als Kirchturmpolitikergebrandmarkt zu werden, obwohl keineswegs geklärt ist, welche Funktion Regionalbörsen haben und wie liquide deutsche Aktien sind. Der vorliegende Beitrag greift auf Ergebnisse der Forschung zur Mikrostruktur der Effektenmärkte zurück und versucht aus einer ordnungspolitischen Perspektive, die Diskussion zu versachlichen. Die heute vorherrschende Sichtweise wird im einzelnen dargestellt und als zentralistische und technokratische Position gewürdigt. Ihr steht die wettbewerbliche Position gegenüber, die in den USA als abgesichert gilt und dort die Börsenpolitik prägt. Sie vertraut beim Preisfindungsprozess auf die vom Devisenmarkt her wohlbekannte Integration der Teilmärkte durch Kommunikation und sieht im Wettbewerb inländischer Börsen ein Entdeckungsverfahren, das dafür sorgt, dass Effektenhandelsdienstleistungen in bedarfsgerechter Qualität und zu attraktiven Preisen angeboten werden, was den Anlegern, letztlich aber den Emittenten und der Leistungsfähigkeit des nationalen Kapitalmarktes zugute kommt.

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Berichte

Spudy, Jens
"Die ersten vier Wochen der Deutschen Terminbörse (Teil II)"

Der vorliegende Beitrag, dessen erster Teil in Heft 4/1991 erschienen ist, ist ein Bericht über den Verlauf der ersten vier Wochen an der Deutschen Terminbörse (DTB). Der Bericht gibt eine Antwort auf die Frage, wie sich der Umsatz in diesem Zeitraum auf die einzelnen Optionskontrakte, auf die verschiedenen Basispreise respektive Verfalltermine dieser Kontrakte und auf die Börsenteilnehmer (Market-Maker, Principals, Agents) verteilt hat. Er stellt dar, wie hoch die Spreads in den Basispreis- respektive Fälligkeitsserien der verschiedenen Underlyings waren. Und er zeigt schließlich, wie gut sich die implizite Volatilität in den ersten vier Wochen als Preiswürdigkeitsindikator eignete.

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