KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1992


Inhalt


Abhandlungen

Spahn, Heinz-Peter
Die ECU-Wirtschaft. Ein Modell zu den Konsequenzen der Europäischen Währungsunion

Hackmann, Johannes
Die Überwindung von Kapitalfehlallokationen durch eine Besteuerung von Sollzinseinkommen

Diehl, Markus
Handelsbeschränkungen und "finanzielle Protektion". Zur sektoralen Struktur von Finanzmarktregulierungen am Beispiel Brasilien und Peru

Freimann, Eckhard
Ungedeckte Zinsparität im Europäischen Währungssystem

Oberman, Raoul
Zinsrisikopotentiale. Kennziffer für das Risikomanagement von Zinsinstrumenten


Berichte

Wiebke, Harald
Internationale Aktivitäten zur Harmonisierung bankaufsichtlicher Eigenkapitalvorschriften: Eine Zwischenbilanz. Eigenkapitalunterlegung der Risikoaktiva (Teil II)


Buchbesprechungen

Theurl, Theresia
Eine gemeinsame Währung für Europa (Heinrich Tragseiler)

Peters, Edgar E.
Chaos and Order in the Capital Markets (Beate Reszat)


Zusammenfassungen

Spahn, Heinz-Peter
"Die ECU-Wirtschaft - Ein Modell zu den Konsequenzen der Europäischen Währungsunion"

Anhand eines makroökonomischen Zwei-Länder-Modells wird der Übergang des EWS in eine Europäische Wirtschafts- und Währungsunion analysiert, wobei Entscheidungen und Verhalten der wirtschaftspolitischen Akteure in einem spieltheoretischen Ansatz erfaßt werden. Angebotsseitige Unterschiede zwischen den Ländern, im Modell durch den Lohnkostendruck repräsentiert, die sich im EWS in Inflations- und Zinsdifferenzen niederschlagen, führen in der ECU-Wirtschaft zu einer regional divergierenden Einkommens- und Beschäftigungsentwicklung. Trotz eines - im Vergleich zur Bundesbank - unverändert hohen Gewichts des Ziels der Geldwertstabilität in der Präferenzordnung der Europäischen Notenbank steigen Inflation und Zins über die Vergleichswerte des ehemaligen Hartwährungslandes. Anhaltende Wohlfahrtsunterschiede zwischen den Regionen ziehen eine europäische Struktur- und Umverteilungspolitik mit ungewissem Ausgang nach sich.

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Hackmann, Johannes
"Die Überwindung von Kapitalfehlallokationen durch eine Besteuerung von Sollzinseinkommen"

Real existierende Einkommensteuern bewirken vermutlich bedeutsam Kapitalfehlleitungen. Diese Fehlallokationen lassen sich vor allem darauf zurückführen, daß die Einkommensteuerpraxis entgegen dem, was eine finanzwissenschaftlich ideale Einkommensteuer kennzeichnete, die Einkommensäquivalente des Konsumvermögens wie auch manche Kapitaleinkünfte (Zinseinkünfte) steuerlich nicht belastet. Durch eine Ergänzung der herkömmlichen Einkommensteuer um eine Sollzinsbesteuerungskomponente lassen sich die Kapitalfehlallokationen prinzipiell vermeiden. Das Sollzinsbesteuerungsverfahren ist im Grundsatz dadurch gekennzeichnet, daß dem zu versteuernden Einkommen Kapitaleinkünfte hinzugerechnet werden, die der Steuerpflichtige hätte erzielen können, hätte er nicht konsumiert. Das Sollzinsbesteuerungsverfahren vereinigt die Effizienzvorteile einer Ausgabensteuer tendenziell mit den Gerechtigkeitsvorteilen der Einkommensteuer, und ist gegenüber der Ausgabensteuer auch durch weitere Vorteile gekennzeichnet.

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Diehl, Markus
"Handelsbeschränkungen und "finanzielle Protektion" - Zur sektoralen Struktur von Finanzmarktregulierungen am Beispiel Brasilien und Peru"

In vielen Ländern existieren neben Außenhandelsbeschränkungen auch noch weitgehende Regulierungen der Finanzmärkte, die ebenfalls einzelne Branchen begünstigen. Um mögliche Kausalzusammenhänge empirisch untersuchen zu können, wird hier ein Maß für die Begünstigung oder Diskriminierung eines Sektors durch Finanzmarktregulierungen entwickelt. Entscheidungen über die branchentypische Struktur der Unternehmensfinanzierung werden in einem Finanzmarktmodell simuliert. Die Abweichung zwischen tatsächlicher und (aus der Simulation errechneter) unverzerrter Kapitalstruktur kann dann als Indikator "finanzieller Protektion" interpretiert werden. Fallstudien des Marktes für langfristige Bankkredite bestätigen die Hypothese, daß Handels- und Kapitalmarktpolitik in Brasilien zu gleichgerichteten, in Peru jedoch zu entgegengesetzten Begünstigungsstrukturen geführt haben.

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Freimann, Eckhard
"Ungedeckte Zinsparität im Europäischen Währungssystem"

Diese Arbeit untersucht den Einfluß von Wechselkurskoordination auf die Gleichgewichtsbeziehung der ungedeckten Zinsparität. Dafür wird ungedeckte Zinsparität für die EWS-Währungen holländischer Gulden, italienische Lira, und französischer Franken und die Nicht-EWS Währungen US-Dollar, britisches Pfund und Schweizer Franken getestet. Der Beobachtungszeitraum beginnt im April 1979 und endet im Oktober 1990, alle Wechselkurse sind auf DM-Basis. Um den Einfluß von sich im Zeitablauf verstärkender Wechselkurskoordination zu erfassen, wird der Untersuchungszeitraum in zwei Teilperioden aufgesparten. Die Perioden werden so gewählt, daß in der ersten Periode die EMS-Leitkurse häufig geändert wurden, während in der zweiten Periode Leitkursänderungen seltener vorkamen und im Ausmaß geringer waren.

Die a priori Vermutung, daß stärkere Wechselkurskoordination ein günstigeres Umfeld für die ungedeckte Zinsparität bietet, wird nicht bestätigt. Während für die Nicht-EWS-Währungen die Nullhypothese von ungedeckter Zinsparität nicht verworfen werden kann, wird ungedeckte Zinsparität für alle drei EWS-Währungen abgelehnt. Die Resultate sind unabhängig davon, ob für den gesamten Beobachtungszeitraum oder nur für eine Teilperiode getestet wird. Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen vermuten, daß Währungskoordination keinen Einfluß auf die ungedeckte Zinsparität hat.

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Oberman, Raoul
"Zinsrisikopotential - Kennziffer für das Risikomanagement von Zinsinstrumenten"

Wie die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, lassen sich mit den bisher verfügbaren Instrumenten des Zinsrisikomanagements - Zinsänderungsbilanzen, Elastizitätskonzepte, Durationsansätze - die Zinsrisiken bei neueren Zinsinstrumenten wie Zinsswaps, Zinsfutures und Zinsoptionen nicht mehr adäquat erfassen. Insbesondere Zinsoptionen besitzen zwei Eigenschaften, die zu einem völligen Überdenken der Messung von Zinsrisiken zwingen: Ihre Erträge sind asymmetrisch verteilt und ihr Preis wird nur z.T. durch die Renditekurve bestimmt. Im vorliegenden Beitrag wird deshalb - ausgehend von einer Darstellung der Defizite der traditionellen Meßverfahren - eine neue Kennziffer, das Zinsrisikopotential (ZP), vorgestellt, die auch den Besonderheiten moderner Zinsinstrumente Rechnung trägt und eine verläßliche Abschätzung des Zinsänderungsrisikos in beliebig zusammengesetzten Portefeuilles erlaubt. Die Kennziffer ZP beschreibt dabei jeweils den potentiellen Wertverlust eines Portefeuilles, der über einen gegebenen Betrachtungszeitraum (T) mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit (a) nicht überschritten wird. Die Berechnung von ZP erfolgt mit Hilfe des Chance-Constrained Programming, in Verbindung mit einer stochastischen Simulation.

Die neue Kennziffer weist gegenüber den heutigen Risk-Management-Instrumenten deutliche Vorteile auf: Sie berücksichtigt nichtparallele Veränderungen der Renditekurve ebenso wie Wechselbeziehungen zwischen den Verhaltenscharakteristika der Zinsinstrumente und möglichen Zinsentwicklungen. Zugleich erlaubt sie unabhängig von der Anzahl der Zinsinstrumente des Portefeuilles eine konsolidierte Gesamtbetrachtung aller Einzelrisiken. Damit lassen sich auch Restrisiken, die bisher durch Duration-Hedging nicht erfaßt werden konnten, quantitativ abschätzen.

Den Abschluß des Beitrags bildet ein Ausblick auf die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Kennziffer ZP (Optimierung von Portfolien, Nutzung als Controlling-Instrument) sowie noch offene Fragestellungen.

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Berichte

Wiebke, Harald
"Internationale Aktivitäten zur Harmonisierung bankaufsichtlicher Eigenkapitalvorschriften: Eine Zwischenbilanz. Eigenkapitalunterlegung der Risikoaktiva (Teil II)"

Der Ausschuß für Bankenaufsicht der BIZ (,,Cooke-Ausschuß") hat 1988 eine Empfehlung für Eigenkapitalanforderungen an Ausleihungen von Kreditinstituten, die einem Ausfallrisiko unterliegen, verabschiedet. Diese sieht eine differenzierende Risikobeurteilung aller Aktivpositionen und aller nicht bilanzwirksamen Geschäfte in Abhängigkeit von der Bonität des Vertragspartners vor. Zielstandard der Empfehlung ist eine Eigenkapitalquote von mindestens 8 % für alle risikobehafteten Geschäfte (davon mindestens 4% Kernkapital). Die weltweite Akzeptanz dieses Konzepts ermöglicht die Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer. Die Solvabilitäts-Richtlinie der EG entspricht sowohl in ihrer Zielrichtung und Systematik als auch inhaltlich weitgehend dem "Baseler Vorbild". Sie muß bis zum 1. 1. 1993 in nationales Recht umgesetzt sein, was einige Anpassungen in Grundsatz I zu § 10 KWG erfordert.

Zinsänderungsrisiken und sonstige Preisrisiken stellen aufgrund des Trends zur Verbriefung von Forderungen ("Securization") und zum Handel mit derivativen Produkten für Banken und Wertpapierhäuser eine Gefahr dar. Die Erfassung der Preisrisiken steht im Mittelpunkt des vom Baseler Ausschuß 1990 vorgelegten "Zwischenberichts" sowie des Entwurfs für eine EG-Kapitaladäquanz-Richtlinie. Letztere unterscheidet zwischen dem Fremdwährungsrisiko, dem Positionsrisiko in festverzinslichen Wertpapieren und Aktien sowie dem Erfüllungs- und Abwicklungsrisiko und sonstigen (Betriebs-)Risiken. Die Eigenkapitalunterlegungsvorschriften dieser Richtlinie gelten sowohl für den Wertpapierhandelsbestand ("Trading-Book") von Wertpapierhäusern als auch von Kreditinstituten.

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