KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1993


Inhalt


Abhandlungen

Issing, Otmar und Tödter, Karl-Heinz und Herrmann, Heinz und Reimers, Hans-Eggert
Zinsgewichtete Geldmengenaggregate und M3 - Ein Vergleich

Scheide, Jochim
Output, Money, and the Terms of Trade in Germany - An Empirical Test of the Real Business Cycle Hypothesis

Becker, Wolf-Dieter
Lehren der theoretischen Wirtschaftspolitik zur deutschen Währungskonversion von 1990 - Ein nicht nur historischer Beispielsfall

Bigler, Max
Vom Umfang mit Prognosen und Prognoserisiken am Beispiel der Zinssätze und Wechselkurse - Eine Übersicht

Paul, Walter
Die Entwicklung und Bedeutung deutscher Aktien auf den Internationalen Kapitalmärkten


Berichte

Scholtens, Lambertus J. R.
On the Foundations of Financial Intermediation: A Review of the Literature


Buchbesprechungen

Welcker, Johannes und Kloy, Jörg W. und Schindler, Klaus
Professionelles Optionsgeschäft - alles über Optionen auf Aktien, Renten, Devisen, Waren, Terminkontrakt (Hermann Naust)

Bofinger, Peter
Festkurssystem und geldpolitische Koordination (Stefanie Hamacher)


Zusammenfassungen

Issing, Otmar und Tödter, Karl-Heinz und Herrmann, Heinz und Reimers, Hans-Eggert
"Zinsgewichtete Geldmengenaggregate und M3 - ein Vergleich"

In dem Beitrag werden zinsgewichtete Geldmengenaggregate analysiert und mit dem einfachen Summenaggregat M3 verglichen. Die Zinsgewichtung orientiert sich an den Opportunitätskosten der Geldkomponenten, d. h. dem Zinsverlust gegenüber höher verzinslichen Finanzanlagen, die keine Liquiditätsdienste leisten. Aggregations- und indextheoretische Gründe legen zwar ein Divisia-Aggregat nahe, doch die empirische Evidenz spricht eher für eine Überlegenheit der einfachen Geldmenge M3. Die Bargeldäquivalente Geldmenge ist dagegen extrem sensitiv gegenüber Zinsänderungen und steht in keinem systematischen Zusammenhang zu den Veränderungen des Sozialprodukts. Dieses Konzept läßt keine zuverlässigen Schlüsse auf die monetäre Expansion und den Grad der Liquiditätsversorgung der Wirtschaft zu.

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Scheide, Jochim
"Output, Geld und Terms-of-Trade in Deutschland - ein empirischer Test der realwirtschaftlichen Konjunkturzyklen"

Gemäß der Theorie der realwirtschaftlich bedingten Konjunkturzyklen (RBC) ist der oft gefundene Zusammenhang zwischen Geldmenge und Produktion Indiz für TMC umgekehrte Kausalität: So scheint die Geldmenge M1 nur deshalb kausal im Sinne von Granger für die wirtschaftliche Aktivität zu sein, weil die endogene Komponente auf reale Störungen reagiert; dagegen ist das exogene, von der Notenbank gesteuerte Geld neutral. Mit Quartalsdaten für die Zeit 1964 - 1989 wird die RBC- Hypothese für die Bundesrepublik Deutschland untersucht. Die Varianzzerlegungen verschiedener vektorautoregressiver Systeme zeigen erstens, daß die Geldbasis und auch das Bargeld einen Einfluß auf die Produktion haben; Innovationen in diesen Größen vermindern die Varianz des Prognosefehlers der Produktion. Dieser Effekt ist mindestens so bedeutend wie derjenige, der von dem realen Schock, gemessen an Änderungen der Terms-of-Trade, ausgeht. Zweitens hat zwar das endogene Geld wie z. B. die Geldmengenmultiplikatoren oder die Sichtdeposition den stärksten Einfluß die Produktion, sie werden jedoch selbst nicht vorwiegend von realen Faktoren bestimmt. Vielmehr geht von Änderungen der Geldbasis ein erheblicher Einfluß auf diese Größen aus; daher kann man die Bewegungen des endogenen Geldes nicht so interpretieren, als seien sie allein die Reaktion des Nichtbankensektors auf reale Schocks. Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zur RBC- Hypothese.

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Becker, Wolf-Dieter
"Lehren der Theoretischen Wirtschaftspolitik zur deutschen Währungskonversion von 1990 - Ein nicht nur historischer Beispielsfall"

Aus der deutschen Währungskonversion müssen anhand der Paradigmen, die uns die theoretische Wirtschaftspolitik anbietet, Lehren für bevorstehende Wirtschaftsund Währungsunionen und andere Transformationsaufgaben in Ost und West gezogen werden. Der deutsche Fall zeigt, wie wichtig die Beachtung theoretischer Zusammenhänge ist.

Es wird zunächst analysiert und kritisiert, daß jahrzehntealte systemtheoretische Einsichten sowohl von den meisten Ökonomen als auch von den Politikern nicht beachtet wurden. Ferner ist bei der Transformation das Theorem der optimalen Währungsräume übergangen worden; seine Lösungsansätze sind inzwischen nicht mehr realisierbar. Die Folge ist eine große ,,klassische" Arbeitslosigkeit im Osten infolge des Mangels an Produktionsmitteln und mangelnder Flexibilität. Der deswegen notwendige gewaltige Kapitaltransfer wird aber nach keynesianischer Weise zur Steigerung der Nachfrage verwendet. Die größere Nachfrage richtet sich großenteils auf West-Produkte; ein Sisyphos- Syndrom.

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Bigler, Max
"Vom Umfang mit Prognosen und Prognoserisiken am Beispiel der Zinssätze und Wechselkurse - Eine Übersicht"

Der Beitrag diskutiert überblicksmäßig die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Ansätze zur Quantifizierung zeithorizontabhängiger Vertrauensintervalle von Zins- und Wechselkursprognosen. Unseres Erachtens gibt es keinen überzeugenden Ansatz, der wissenschaftlichen und praktischen Erfordernissen genügt. Wir bevorzugen eine Mischung, die sich im wesentlichen auf Umfrageergebnisse und ökonometrische Modelle stützt. In Zeiten verzerrter Preise hilft es, den Anpassungsprozeß zum Gleichgewichtspreis bei der Umschreibung von Risikobereichen zu berücksichtigen.

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Paul, Walter
"Die Entwicklung und Bedeutung deutscher Aktien auf den Internationalen Kapitalmärkten"

Vor dem Hintergrund mannigfaltiger Maßnahmen und Bemühungen, den Finanzplatz Deutschland und deutsche Aktien attraktiver zu machen, wird einleitend die Entwicklung deutscher Aktien an internationalen Börsenplätzen dargestellt.

In diesem Zusammenhang wird auch die Frage untersucht, ob Börseneinführungen im Ausland die letzte Stufe des Finance follows Trade-Modells darstellen, das aufzeigt, wie Warenströme durch Finanzierungsmaßnahmen begleitet werden können. Erfahrungen belegen, daß sich eine Korrelation zwischen Börseneinführungen und den Handels- und Güterströmen nur teilweise nachweisen lassen, da viele deutsche Unternehmen auf den stark gewachsenen Euro-Markt ausweichen konnten. Hinzu kam, daß sie bei manchen Börsen auf defensive Zulassungsvorschriften stießen, die eine Börseneinführung sogar verhinderten.

Sofern Börseneinführungen stattgefunden haben, waren sie sowohl finanzwirtschaftlich als auch operativ motiviert und stellten in der Regel Maßnahmen gezielter Investor Relations-Aktivitäten dar, woraus besonders der private Anleger Nutzen zog, weil er einen ausländischen Titel in seiner Landeswährung verfolgen und mit heimischen Aktien vergleichen kann. Die global operierenden institutionellen Anleger begrüßen zwar auch die Börseneinführung, handeln jedoch in der Regel an der Heimatbörse der ausländischen Gesellschaft.

Als ein besonderes Problem stellt sich immer noch die Börseneinführung in den USA dar, wo noch keine deutsche Aktie an der New Yorker Börse notiert, da die Börseneinführung an der starren Haltung der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde - SEC - scheitert, die fordert, daß die Abschlüsse ausländischer Unternehmen nicht nach der Home Rule, sondern nach den Generally Accepted Accounting Principles (GAAP) der USA aufzustellen sind. Das würde zu einem irreführenden Wertekonglomerat führen, das weder die Vergleichbarkeit noch den Anlegerschutz verbessert. Deutsche Gesellschaften haben das bisher mit dem Hinweis abgelehnt, daß die Abschlüsse nach Bilanzrichtliniengesetz ebenbürtig seien.

Obwohl deutsche Aktien nicht einer der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik entsprechende Bedeutung erlangt haben, haben sie dennoch im Langfrist- Vergleich bis 1991 besser als amerikanische und britische Aktien abgeschnitten. Investor Relations-Aktivitäten könnten diese Performance noch erhöhen.

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Berichte

Scholtens, Lambertus J. R.
"Zu den Grundlagen der Geld- und Kapitalvermittlung - Überblick über die Literatur"

Dieser Beitrag durchleuchtet und strukturiert die Rolle der Geld- und Kapitalvermittler in der Volkswirtschaft. Geld- und Kapitalvermittler verändern die Fälligkeiten, Risiken, den Umfang und den Erfüllungsort von finanziellen Vermögenswerten und von Forderungen. Unvollkommenheiten der Märkte erklären die Entstehung des Berufs des Geld- und Kapitalanlegers: Kosten, asymmetrische Informationen und Regelungsstrukturen sind Anlaß zur Spezialisierung der Geld- und Kapitalvermittlung. Durch ihre Spezialisierung wollen die Geld- und Kapitalvermittler eine Milderung der Auswirkungen unvollkommener Märkte bewirken. Dies kann ihnen jedoch nicht voll gelingen: Ein sich in stetem Wandel befindliches Umfeld geht mit wechselnden Unvollkommenheiten der Märkte Hand in Hand und liefert somit stets einen Grund für die Existenz von Geld- und Kapitalanlegern.

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