KREDIT und KAPITAL - Heft 2/1993


Inhalt


Abhandlungen

Rehm, Hannes
Perspektiven des Zahlungsverkehrs in der Europäischen Währungsunion

Neldner, Manfred
Der Einfluß des Nicht-Bankensektors auf das volkswirtschaftliche Geldangebot

Schweikert, Rainer
Implikationen alternativer geld- und wechselkurspolitischer Regeln im Transformationsprozeß

Gersbach, Hans
Inflation Rates and Money Growth During High-Inflations

Steindl, Frank G.
Making a Dishonest Government Credible: The Inflation Tax

Bitz, Michael und Oehler, Andreas
Überlegungen zu einer verhaltenswissenschaftlich fundierten Kapitalmarktforschung - Ein Erklärungsansatz zum Anlageverhalten (Teil I)

Breuer, Ralf und Skaruppe, Martin
Bankkalkulation als Marktproblem (Teil I)


Berichte

Schmidt, Reinhard H.
Finance at the Frontier


Buchbesprechungen

Carlberg, Michael
Monetary and Fiscal Dynamics (Franco Reither)

Loistl, Otto
Kapitalmarkttheorie (Jochen Wilhelm)


Zusammenfassungen

Rehm, Hannes
"Perspektiven des Zahlungsverkehrs in der Europäischen Währungsunion"

Nach Realisierung der Europäischen Währungsunion kann es in diesem Wirtschaftsraum Auslandszahlungen im herkömmlichen Sinn nicht mehr geben. Der Zahlungsverkehr in der Gemeinschaft muß bis dahin als "Inlandszahlungsverkehr" schnell, sicher und preiswert organisiert sein. Durch die Integration von Zahlungskartensystemen und durch die Einführung des Eurocheque-Systems im privaten Sektor wurden im Bereich des grenzüberschreitenden Massenzahlungsverkehrs schon große Fortschritte erzielt. Wie bei den grenzüberschreitenden Großzahlungen liegen die Probleme auch beim Massenzahlungsverkehr weniger in der Weiterleitung von einem EG-Mitgliedstaat zu anderen, als vielmehr im Zahlungsverkehrsbereich des Ziellandes. Eine Neustrukturierung des Großzahlungsverkehrs ist daher notwendig. Systemrisiken, besonders im elektronischen Zahlungsverkehrssektor, müssen erkannt und begrenzt werden. Aus Sicht der Notenbanken ist damit die Abstimmung der operationalen mit geldpolitischen und bankaufsichtsrechtlichen Aspekten zu gestalten. Unter den diskutierten Lösungsansätzen ist im Interesse des Verbrauchers eine Optimalkombination zwischen der erforderlichen Einbindung von Zentralbanken und einer marktwirtschaftlich organisierten Abwicklung des Zahlungsverkehrs zu finden.

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Neldner, Manfred
"Der Einfluß des Nicht-Bankensektors auf das volkswirtschaftliche Geldangebot"

Der konventionelle Geldangebots-Multiplikator wird bei gegebenen Mindestreserve-Sätzen allein durch die vom Nicht-Bankensektor gewünschte Aufteilung seiner Geldbestände auf die einzelnen Geldmengenbestände bestimmt. Die hier vorgelegten Schätzungen zeigen, daß für diese Portfolio-Entscheidungen neben einzelnen Marktzinssätzen und verschiedenen Preisrelationen vor allem das Realeinkommen und das Realvermögen bedeutsam sind. Das volkswirtschaftliche Geldangebot hängt danach nicht nur von der Basisgeldmenge und der Mindestreserve-Politik der Zentralbank ab, sondern es scheint sich in der Regel auch gleichgerichtet mit dem Realvermögen und entgegengesetzt zum Marktzinsniveau und dem Realeinkommen zu verändern. Seine Reaktion auf relative Preisänderungen bleibt hingegen grundsätzlich unbestimmt, da sich in diesem Fall zwei Effekte gegenläufiger Art überlagern.

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Schweikert, Rainer
"Implikationen alternativer Geld- und wechselkurspolitischer Regeln im Transformationsprozeß"

Angesichts katastrophaler Erfahrungen in Entwicklungsländern und zahlreicher theoretischer Einwände muß es überraschen, daß eine Wechselkursfixierung auch für osteuropäische Reformstaaten vorgeschlagen wird (und zum Teil schon versucht wurde), um die Wirtschaft zu stabilisieren. Dieser Beitrag zeigt, daß ein Stabilisierungsprogramm mit festen Wechselkursen

- die Geldpolitik kurzfristig nicht bindet und/oder mit gesamtwirtschaftlichen Restriktionen nicht konsistent ist,

- abgesehen von einer Währungsunion - die für die meisten Staaten nicht realisierbar sein dürfte - gegenüber flexiblen Wechselkursen ein Glaubwürdigkeitsdefizit aufweist und daß

- bei gleichzeitigem realem Anpassungsbedarf erhebliche Wachstumsverlust erwarten sind.

Für die osteuropäischen Reformstaaten sind deshalb flexible Wechselkurse zu fehlen. Als nominaler Anker für die Geldpolitik kommt ein Inflationsziel oder feste Geldmengenregel in Frage. Die Institutionalisierung eine rAntiinflationspolitik durch eine unabhängige Zentralbank und freiem Währungswettbewerb sollte langfristig angestrebt werden. Solange die Geldpolitik jedoch nicht tatsächlich von der Fiskalpolitik unabhängig ist, sollten die Erwartungen hinsichtlich beider Politikbereiche durch eine mit den gegebenen Restriktionen konsistente Geldmengenregel stabilisiert werde.

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Gersbach, Hans
"Inflationsraten und Geldmengenwachstum in Hochzinsphasen"

Üblicherweise werden den Analysen von Hochzinsphasen das auf der Theorie der rationalen Erwartungen beruhende Standardmodell für das Geldmengenwachstum zugrunde gelegt und stabile Zustände verglichen, bei denen eine Beziehung zwischen Inflationsrate und Geldmengenwachstumsrate von eins zu eins unterstellt wird. In diesem Beitrag wird die bei sich beschleunigender Inflation empirisch festgestellte schwache Korrelation zwischen Geldmengenwachstumsrate und Inflationsrate auf der Grundlage einer dynamisierten Version des Standardmodells für das Geldmengenwachstum erläutert. Dabei werden die Implikationen des durch Periodenvergleich dynamisierten einfachen Modells für das Geldmengenwachstum, bei dem durch Faktoren systematische Veränderungen der Geldmengenwachstumsrate vorweggenommen werden, abgeleitet. Es wird gezeigt, daß eine im Modell voll berücksichtigte steigende Inflationsrate nur mit relativ niedrigen Geldmengenwachstumsraten korreliert. Wenn das nominale Geldmengenwachstum so stark expandierte wie die Inflation zunimmt, wäre ein Rückgang der Realvermögen ausgeschlossen, was von einer sich beschleunigenden Inflation impliziert und von vielen Beispielen belegt wird.

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Steindl, Frank G.
"Wie eine unehrliche Regierung zu einer glaubwürdigen werden kann: durch die Inflationssteuer"

In einer stationären Volkswirtschaft maximiert die Regierung ihre Einnahmen durch Besteuerung der Realvermögen, wenn die Nachfrageelastizität gleich eins ist. In diesem Beitrag werden zwei Behauptungen aufgestellt: Erstens wird gezeigt, daß für die Regierung ein Anreiz darin besteht, zusätzliche Einnahmen durch Inflationierung zu erzielen, indem sie die Rate um den Punkt der Einnahmemaximierung herum variiert, der traditionell einen Elastizitätskoeffizienten von eins hat. Zweitens wird gezeigt, daß dieser Anreiz gedämpft wird und in einigen Fällen auf Grund von Handlungen der Bevölkerung völlig entfällt, da diese im Hinblick auf eigene Einnahmenmaximierung ausübt.

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Bitz, Michael und Oehler, Andreas
"Überlegungen zur Kapitalmarktforschung (I)"

Der erste Teil dieses Beitrags beschreibt die theoretischen und konzeptionellen Erwägungen einer gründlichen Untersuchung von Verhaltensweisen privater Investoren.

Auf der Grundlage einer breit angelegten Literaturübersicht erörtern die Autoren die wichtigsten Bestimmungsgründe für Verhaltensweisen privater Investoren unter Betonung der Verbindungen zwischen Einflüssen aus dem Umfeld des Investors (d.h. externe Informationen, soziales Umfeld) und Einflüssen, die durch die "persönlichen soziodemographische und sozioökonomische Merkmale).

Dieser erste Teil des Artikels konzentriert sich auf das Umfeld privater Investoren sowie die Auswirkungen externer Informationen und des sozialen Umfelds (z.B. Beteiligung von Haushaltsmitgliedern an Finanzentscheidungen).

Diese grundlegenden Erwägungen werden an Hand gewisser erster empirischer Ergebnisse aus einer umfassenden Erhebung aus dem Jahr 1992 darlegt.

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Breuer, Ralf und Skaruppe, Martin
"Bankkalkulation als Marktproblem"

Der erste Teil beleuchtet die theoretischen Grundlagen der "Marktzinsmethode". Gegenüber den vorliegenden Ansätzen zur theoretischen Begründung solcher entscheidungsorientierter Kalküle wird nicht die Evidenz eines oder mehrerer Engpässe, sondern die Bankabsatz- und Finanzmarkttheorie als Anknüpfungspunkt gewählt. Das Kundengeschäft der Kreditinstitute ist ein insbesondere durch die aus den abweichenden Zugangsmöglichkeiten und Vertriebswege charakterisierter Teil der Gesamtheit der Finanzmärkte.

Grundproblem ist die Identifizierung von zu Kundengeschäften Portefeuilles aus Geld- und Kapitalmarkttiteln. In der Literatur wurden zu deren Bildung verschiedene "Kongruenzkriterien" entwickelt. Die auf ihrer Grundlage gebildeten Vergleichsgeschäfte werden exemplarisch dahingehend untersucht, ob und inwieweit sie in pagatorischer Sicht tatsächlich geeignet sind, die aus dem Abschluß eines Kundengeschäftes resultierenden Erfolge zutreffend wiederzugeben.

Es erweist sich insbesondere, daß die Heranziehung eines sogenannten "kapitalstrukturkongruenten" Portefeuilles nicht auch buchhalterisch stets zutreffenden Abbildung der erzielten Erfolge führt. Die als wesentliches Argument für diesen Ansatz angeführte Kompatibilität von Kalkulationen sowie Finanz- und Geschäftsbuchhaltung ist nur unter bestimmten Voraussetzungen gewährleistet.

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Berichte

Schmidt, Reinhard H.
"Finance at the Frontier"

J. D. von Pischke, als Mitarbeiter der Weltbank selbst ein "Praktiker", ist einer der Wortführer der kleinen Gruppe von Autoren, die vor etwa zehn Jahren die gängige Praxis der Entwicklungshilfe im Bereich des Finanzwesens einer radikalen Kritik unterzogen haben. Sein neues Buch "Finance at the Frontier" verdient allein deshalb größte Aufmerksamkeit, weil es den ersten Versuch darstellt, im Rahmen einer größeren Monographie die damalige auf rein neoklassische Argumente gestützte Kritik aus heutiger Sicht erneut zu diskutieren und konstruktiv zu wenden.

"The Frontier" ist die Grenze, an die das formelle Finanzsystem in Entwicklungsländern stößt, wenn es versucht, die Masse der Kleinbetriebe und Kleinbauern zu erreichen. Von Pischkes Kritik der Praxis ist nach wie vor radikal. Doch ihre Grundlage und ihre Stoßrichtung haben sich verändert: Nicht mehr Regulierungen per se sind Schuld an den zahlreichen Mißerfolgen einer entwicklungsfördernden Finanzsektorpolitik, sondern das Unverständnis der Entwicklungspolitiker und -bürokraten für die spezifischen Anreiz- und Informationsprobleme, die Finanzbeziehungen - zumal solche im sogenannten informellen Sektor der Entwicklungsländer - prägen.

Diese Probleme bilden auch den Ausgangspunkt für die vom Verfasser entwickelte erfolgversprechende Konzeption, wie es möglich ist, "to push the frontier outward".

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