KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1994


Inhalt


Abhandlungen

Roskamp, Karl W.
From Chaos to Antichaos and Back to Chaos: The Possibility of a Cycle

Ragnitz, Joachim
Zinsstruktur und Wirtschaftswachstum

Banaian, King und McClure J. Harold und Willett, Thomas D.
The Inflation Tax is Likely to be Inefficient at any Level

Lane, Timothy D. und Gros, Daniel
Symmetry versus Asymmetry an a Fixed Exchange Rate System

Glaum, Martin
Informationseffizienz der Devisenmärkte und unternehmerisches Wechselkursrisiko-Management

Glasen, Fabian
Wissensbasierte Systeme für die Kreditwürdigkeitsprüfung


Berichte

Hasche-Preuße, Christine
Möglichkeiten zu Förderung des Geldmarktes im internationalen Wettbewerb


Buchbesprechungen

Schönfelder, Bruno
Overlapping Structures as a Model of Money. An Analytical Review (Rainer Klump)


Zusammenfassungen

Roskamp, Karl W.
"Von Chaos zu Antichaos und zurück zum Chaos: ein möglicherweise bestehender Zyklus"
Chaotische Dynamik ist in der Volkswirtschaft sowie auf vielen anderen Gebieten zu einer wichtigen Größe geworden. Bekanntlich kann ein komplexes nichtlineares System zu Unordnung und letztlich zu einem deterministischen Chaos führen. Antichaos ist nunmehr möglicherweise eine neue Entwicklung. Aus einem Chaos kann sich plötzlich spontan ein stabiler Ordnungszustand herauskristallisieren.

In diesem Beitrag wird gezeigt, wie im Zustand chaotischer Dynamik die sensible Abhängigkeit von Randbedingungen einen Übergang von Chaos zu Antichaos bewirken kann. Eine geringfügige parametrische Störung der Randbedingungen reicht aus, um einen solchen Übergang zu bewirken. Dennoch darf die Störung weder zu klein noch zu groß sein. Sie muß einen genügend großen Leverage-Effekt haben und muß zum richtigen Zeitpunkt kommen.

Es läßt sich spekulieren, daß Elemente von Ordnung und Determiniertheit in die Struktur des deterministischen Chaos eingebettet sind. Diese Elemente sind anscheinend bis zu dem Zeitpunkt inaktiv, an dem geeignete Störungen mit impliziten Steuerungsmerkmalen auftreten.

Es ist möglich, daß eine spezifische Sequenz von zeitabhängigen Störungen einen Zyklus entstehen läßt, nämlich eine Bewegung von Chaos zu Antichaos und wieder zurück zum Chaos.

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Ragnitz, Joachim
"Zinsstruktur und Wirtschaftswachstum"

Empirische Untersuchungen zeigen, daß die Zinsstruktur gute Prognoseeigenschaften hinsichtlich des künftigen realen Wirtschaftswachstums aufweist. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, worauf der enge Zusammenhang zwischen beiden Größen zurückzuführen sein könnte. Ausgehend von der Erwartungstheorie der Zinsstruktur wird gezeigt, daß nicht die Zinsstruktur an sich, sondern vielmehr das Zinsniveau bestimmend für die künftige Nachfragedynamik ist. Die feststellbare Korrelation zwischen Zinsstruktur und Wirtschaftswachstum resultiert daraus, daß Veränderungen der kurzfristigen Zinsen nicht in gleichem Ausmaß zu Anpassungen der langfristigen Zinsen führen, so daß sich bei niedrigen Zinsen typischerweise eine steile, bei hohen Zinsen eine inverse Zinsstrukturkurve ergibt. Bei starkem Einfluß der Geldpolitik auf die Entwicklung der kurzfristigen Zinsen ist die Zinsstruktur in erster Linie als Indikator des geldpolitischen Kurses zu interpretieren. Als Zielgröße der Geldpolitik sind Zinsstrukturindikatoren gleichwohl nicht geeignet, da die erforderlichen Kontrollmöglichkeiten für die Notenbank fehlen.

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Banaian, King und McClure J. Harold und Willett, Thomas D.
"Inflationssteuer vermutlich in jeder Höhe ineffizient"

Die traditionelle Berechnung der optimalen Inflationssteuer führt zu optimalen Inflationsraten von zwischen 30% und 200%. Dies läßt jegliche von erwarteten höheren Inflationsraten verursachte Outputkosten außer acht. Wir behaupten, daß die Literatur nach Friedmans Vortrag anläßlich des ihm verliehenen Nobel-Preises die Hypothese stützt, daß höhere Inflation zu geringerem Wachstum führt. Dieser Friedman-Effekt senkt sowohl die optimale Rate als auch die Rate, die die Gesamtsteuereinnahmen der Regierung auf Grund von Inflation und aus der Einkommensbesteuerung maximiert. Einfache Berechnungen zeigen, daß, wenn eine angenommene Inflationsrate von 10% das Wachstum um 1% pro Jahr reduziert, die optimale Inflationsrate in den industrialisierten Volkswirtschaften gleich Null ist, wenn die Grenzkosten der Einkommensteuer nicht extrem hoch sind. Das Motiv der Einnahmeerzielung bleibt, wenn auch durch den Friedman-Effekt reduziert, ziemlich stark.

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Lane, Timothy D. und Gros, Daniel
"Symmetry vs. Asymmetry in einem festen Wechselkurssystem"

Mit dem Übergang vom Europäischen Währungssystem (EWS) zur Europäischen Währungsunion (EWU) wird ein asymmetrisches System (das EWS) durch ein symmetrisches (die EWU) ersetzt. Im Rahmen eines analytischen Zweiländermodells untersucht der vorliegende Beitrag daher die Auswirkungen von Schocks auf die beteiligten Länder in symmetrischen und asymmetrischen Währungssystemen. Diese Analyse zeigt, daß der Wegfall der noch bestehenden Handelshemmnisse durch das Binnenmarktprogramm, sowie der durch die Wiedervereinigung ausgelöste Schock, den Übergang zu einem symmetrischen System (also der EWU) attraktiver macht.

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Glaum, Martin
"Informationseffizienz der Devisenmärkte und unternehmerisches Wechselkursrisiko-Management"

Die These der Informationseffizienz der Devisenmärkte ist in den vergangenen Jahren Gegenstand zahlreicher empirischer Studien gewesen. In den weitaus meisten dieser Untersuchungen konnte die These nicht widerlegt werden. Im vorliegenden Beitrag wurde die Bedeutung der Devisenmarkteffizienz für das unternehmerische Wechselkursrisiko-Management herausgestellt. Sind die Devisenmärkte effizient, gibt es für einzelne Marktteilnehmer keine Möglichkeit, systematisch gewinnbringende Wechselkursprognosen zu erstellen. Auch durch eine Auswahl unter verschiedenen Hedging- Instrumenten (z.B. Devisenterminkontrakte vs. Devisenoptionen) kann eine Unternehmung auf effizienten Märkten keine Steigerung ihres erwarteten künftigen Crash Flows erreichen. Damit entfällt die Grundlage für spekulative oder "selektive" Wechselkursrisiko-Strategien. Diesen theoretischen Aussagen wurden anschließend die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung des Wechselkursrisiko-Managements großer deutscher Industrie-Unternehmungen gegenübergestellt. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen dem Verhalten der Unternehmenspraxis und demjenigen Verhalten, welches von rational handelnden Wirtschaftssubjekten am Devisenmarkt erwartet werden müßte. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion möglicher Erklärungen für diese Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis.

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Glasen, Fabian
"Wissensbasierte Systeme für die Kreditwürdigkeitsprüfung"

Die Anwendung der Expertensystemtechnologie im Finanz- und Bankgewerbe hat in den letzten Jahren zu vielen wissensbasierten Prototypen geführt, und viele wissensbasierte Systeme kommen auch in der Praxis zum Einsatz. In dieser Arbeit wird einerseits ein Überblick über einen Teilbereich derartiger Systeme, nämlich über Expertensysteme zur Kreditwürdigkeitsprüfung, gegeben. Andererseits wird, um eine mögliche Anwendungsarchitektur für solche Systeme aufzuzeigen, ein Expertensystem zur Kreditwürdigkeitsprüfung von Unternehmensgründungen näher dargestellt. Das Schwergewicht der Darstellung liegt dabei auf der Komponente des Systems, die die informationelle Absicherung der Entscheidung durch die automatische Beschaffung von Informationen über die Umwelt des Unternehmens unterstützt.

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Berichte

Hasche-Preuße, Christine
"Möglichkeiten zur Förderung des deutschen Geldmarktes im internationalen Wettbewerb"

Dieser Beitrag diskutiert überwiegend auf der Angebotsseite die Gründe, warum im Unterschied zum Ausland der deutsche Geldmarkt im Hinblick auf die verwendeten Instrumente relativ unterentwickelt ist. Der Markt für Instrumente wie Certificates of Deposites, Commercial Papers, Repurchase Agreements, Geldmarkttitel des Bundes und der Bundesbank sowie für Geldmarktfonds ist im Vergleich zum Ausland vom Volumen her gering bzw. nicht vorhanden. Eine breitere Palette von kurzfristigen Finanzierungsinstrumenten und eine größere Markttiefe für händlerische und dispositive Zwecke würde die Allokation knapper Finanzressourcen am Geldmarkt verbessern.

Die Mindestreserve-Vorschriften, die sog. Verankerung des Marktes für DM-Emissionen im Inland und die Bestimmungen des Gesetzes über Kapitalanlagegesellschaften stellen jedoch Hemmnisse für den deutschen Geldmarkt dar.

Die Mindestreserve-Vorschriften stehen in der gegenwärtigen Fassung einer Ausprägung verschiedener Geldmarktinstrumente entgegen. Das Abschaffen der Mindestreserven oder ein Herabsetzen der Reservesätze auf Null würden der Bundesbank genügend Spielraum bei der Steuerung des Geldangebots belassen - zumal sie ohnehin schon weitgehend auf Variationen der Reservesätze für Termingelder verzichtet hat und dieser seit dem 1. März 1993 nur noch bei 2 % liegt.

Auch das Verankerungsprinzip, nach dem DM-Wertpapiere ausländischer Emittenten nur unter der Konsortialführung eines deutsches Kreditinstitutes bzw. eines ausländischen Institutes mit Zweigstelle und ausgebauter Konsortialabteilung in der Bundesrepublik begeben werden dürfen, schränkt die Emissionsfreiheit am Geldmarkt ein. Die Festlegung einer Mindestlaufzeitgrenze von zwei Jahren behindert die Teilnahme ausländischer Emittenten am deutschen Geldmarkt. Auch hat die Bundesbank mit ihrer "Erklärung zu DM-Auslandsemissionen" den Vertrieb von DM-Geldmarktfonds verboten. Das Verankerungsprinzip stellt einen juristischen Verstoß gegen die 1988er Richtlinie zur Liberalisierung des Kapitalverkehrs in der EG dar. Eine Aufgabe des Verankerungsprinzips würde die Stabilitätspolitik der Bundesbank nicht beeinträchtigen, da die Steuerung des Geldangebotes von einem solchen Schritt nicht beeinflußt würde.

Das Gesetz über Kapitalanlagegesellschaften (KAAG) in der gegenwärtigen Fassung steht einer Auflage von echten Geldmarktfonds ebenfalls entgegen.

Für die Zulassung von Geldmarktfonds spricht vielmehr, daß der gemeinsame Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen vor seiner Vollendung steht. Wettbewerbsnachteile der deutschen Kapitalanlagegesellschaften gegenüber Investmentgesellschaften aus anderen EG-Staaten sollten vermieden werden. Das Nichtzulassen von Geldmarktfonds stellt eine Beschränkung des Marktzutritts für die deutschen und die ausländischen Kapitalanlagegesellschaften dar, die der traditionellen Offenheit der Märkte in Deutschland entgegensteht.

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