KREDIT und KAPITAL - Heft 1/1996


Inhalt


Abhandlungen

Gawel, Erik und Thöne, Michael
Zur Neuen Politischen Ökonomie der deutsch-deutschen Währungsunion

Nelles, Michael
Aktien- und Wechselkursdynamik im keynesianischen Modell

Schultes, Dieter
Geldmengenziele und diskretionäre Elemente der Politik der Bundesbank: Eine empirische Untersuchung

Schmidt, Hartmut und Oesterhelweg, Olaf und Treske, Kai
Deutsche Börsen im Leistungsvergleich - IBIS und BOSS-CURE

Nippel, Peter
Die Finanzierung von Realoptionen unter Informationsasymmetrie

Swank, Job
Wie stabil ist die Translog-Kostenfunktion bei mehreren Produkten? Eine Dokumentation des niederländischen Bankensektors


Berichte

Kohns, Stephan
Konstanz Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy 1998


Buchbesprechungen

Wesche, Katrin
Die Geldnachfrage in Europa. Aggregationsprobleme und Empirie (Ralf Ahrens)

Gaida, Stefan
Kreditrisikokosten – Kalkulation mit Optionspreisansätzen. Die empirische anwendung eines Modells von Longstaff und Schwartz auf risikobehaftete Finanztitel (Wolfgang Breuer)


Zusammenfassungen

Gawel, Erik und Thöne, Michael
„Zur Neuen Politischen Ökonomie der deutsch-deutschen Währungsunion“

Die Entscheidung für die deutsch-deutsche Währungsunion im Frühjahr 1990 und deren anschließende Ausformung hinsichtlich des Zeitpunktes und der Umstellungskurse stand unter dem Primat der Politik; den Bedenken der wissenschaftlichen Ökonomik wurde wenig bis keine Beachtung geschenkt. Eine solche Konstellation legt die Untersuchung dieser Entscheidungsphase mit dem analytischen Instrumentarium der Neuen Politischen Ökonomie nahe.

Die Bundesregierung bewegte sich als Hauptakteur auf drei Feldern: Außenpolitisch galt es, die DDR aus der Blockbindung an die UdSSR und den Warschauer Pakt zu lösen - eine Option, die seinerzeit als ein vorübergehendes window of opportunity wahrgenommen wurde. Mittel hierzu war eine Änderung der Unterstützungsstrategie und eine Erhöhung des maximalen Unterstützungsvolumens durch das Angebot einer Währungsunion. Schon vor der staatsrechtlichen Vereinigung wurde eine in ihren Strukturen gesamtdeutsche Innenpolitik betrieben. Die ostdeutschen (Proto-)Parteien boten im Wahlkampf zur Volkskammerwahl im März 1990 weitgehend gleichlautende Pläne zur Währungsunion (dem offensichtlichen Hauptinteresse der Medianwähler) an. Der erdrutschartige Sieg der Ost-CDU in der Volkskammerwahl muß als eine Entscheidung für deren Partner, die westdeutsche (Regierungs-)Partei CDU verstanden werden. Kann eine Partei im Wahlkampf einen höheren Faktor Durchsetzungsmacht für ihr Wahlprogramm bieten, der auf ihrer größeren ideologischen Nähe zur Regierung des wichtigsten ausländischen Partnerlandes basiert, entsteht für die Bürger ein Anreiz, strategisch zu wählen, wie ihn das Medianwählermodell standardmäßig nicht kennt. Um eine Währungsunion glaubhaft anbieten zu können, mußte sich die Bundesregierung zudem noch über die Bedenken der Bundesbank hinwegsetzen. Eine vollkommen unabhängige Zentralbank, deren Leitung in erster Linie Prestigemaximierung durch Inflationseindämmung betreibt, hätte keinen Anreiz, ihre Bedenken hinsichtlich der Inflationsgefahren einer Währungsunion zurückzustellen. Da die Bundesbank aber in Fragen der Währungsverfassung und der Wechselkurse von Regierung und Parlament abhängig ist, mußte sie sich entscheiden, entweder durch weiteren Widerstand ihr Ansehen aus der Inflationseindämmung zu maximieren oder ihr (nach 40 Jahren mittlerweile autonomes) Ansehen aus der Unabhängigkeit nicht dadurch zu gefährden, daß die Bundesregierung sich über ihren Widerstand hinweggesetzt hätte. Dieses Dilemma erklärt die schnelle Zustimmung der Bundesbank zu den Währungsunionplänen der Bundesregierung als Entscheidung für eine von zwei gleichermaßen unbequemen Alternativen.

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Nelles, Michael
„Aktien- und Wechselkursdynamik im keynesianischen Modell“

Der vorliegende Beitrag analysiert die sich im Anschluß an alternative Nachfrageschocks ergebende Interdependenz von Aktien- und Wechselkursentwicklungen in einem dynamischen makroökonomischen Modell keynesianischer Provenienz, in dem anstelle des Realzinssatzes Tobins q als Bestimmungsfaktor der aggregierten Güternachfrage erscheint. Unterstellt werden (deterministisch) rationale Erwartungen sowie perfekte Substitutionalität zwischen verzinslichen Anlageformen und Beteiligungstiteln.

Die Analyse der Interdependenz geschieht in zwei Schritten: in einem ersten Schritt wird eine träge Outputanpassung unterstellt, so daß zu den Bewegungsgesetzen des Systems eine Differentialgleichung für das Güterangebot sowie eine nationale Arbitragebeziehung für Beteiligungskapital und eine internationale Arbitragebeziehung für verzinsliche Assets zählen. Wie gezeigt wird, induzieren monetäre Schocks ein gemeinsames overshooting der beiden Assetpreise, während fiskalische Schocks zu unterschießenden Wechselkurs- und überschießenden Aktienkursentwicklungen führen. In einem zweiten Schritt wird der extrem keynesianische Fall einer perfekten Flexibilität des Güterangebots unterstellt, so daß das Gesamtsystem auf zwei Dimensionen in den beiden Sprungvariablen reduziert wird. Für die Anpassung impliziert dies, daß beide Assetpreise durch einen einmaligen diskreten Sprung die neue stationäre Gleichgewichtslösung realisieren und „überschießende“ Kurse nur mehr im Anschluß an einen transitorischen Schock eintreten.

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Schultes, Dieter
„Geldmengenziele und diskretionäre Elemente der Politik der Bundesbank Eine empirische Untersuchung“

Es wird untersucht, ob die Geldpolitik trotz Geldmengenregel kürzerfristige diskretionäre Elemente aufweist. Unter der Annahme, daß Abweichungen vom angekündigten Geldmengenziel - abgesehen von einem stochastischen Kontrollfehler - geldpolitisch beabsichtigt sind, sollte sich ein stabiler Zusammenhang zwischen den beobachteten Abweichungen und Veränderungen der makroökonomischen Zielvariablen der Bundesbank nachweisen lassen. Da das monetäre Zwischenziel über den Zinssatz am Geldmarkt gesteuert wird, sollten geldpolitische Reaktionen auf unerwünschte Veränderungen der Zielvariablen unmittelbar in Variationen dieser Kontrollvariablen zum Ausdruck kommen. Statt multiple Regressionen zu schätzen, wird untersucht, ob "Kausalität" im Sinne von Wiener/ Granger zwischen den Kontrollvariablen und den geldpolitischen Zielvariablen besteht. Die Ergebnisse sprechen dafür, daß die Bundesbank - trotz der Betonung der angekündigten Geldmengenziele - neben der Potentialorientierung eine kürzerfristig ausgerichtete diskretionäre Politik verfolgt. Bemerkenswert ist eine ausgeprägte nachlaufende Reaktion auf beobachtete Veränderungen des Preisniveaus.

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Schmidt, Hartmut und Oesterhelweg, Olaf und Treske, Kai
„Deutsche Börsen im Leistungsvergleich - IBIS und BOSS-CURE“

Gegenstand dieser Untersuchung ist ein Leistungsvergleich von IBIS und BOSS-CUBE beim Handel von 40 Aktien. Hierfür steht erstmals eine Datenbasis zur Verfügung, die neben IBIS auch den Handel über BOSS-CUBE an allen acht Parkettbörsen abdeckt. Die Leistung der Systeme und Börsen wird daran gemessen, wie marktnah die Kurse sind, zu denen die Anleger handeln können, was sich an den effektiven Spannen ablesen läßt. Das Abschlußkurs-Spannen-Verhältnis (ASV) setzt die effektive BOSS-Spanne ins Verhältnis zur effektiven IBIS-Spanne. Wenn das ASV kleiner als 1 ist, dann sind die Kurse in BOSS-CUBE marktnäher.

Mikrostrukturtheoretische Überlegungen führen zu den Hypothesen, BOSS-CUBE erlaube marktnähere Kurse als IBIS, und dieser Vorteil von BOSS-CUBE sei bei umsatzschwächeren Aktien besonders ausgeprägt. Es ist auch zu erwarten, daß die eine oder die andere der kleineren Börsen entsprechend ihrer wettbewerblichen Kontrollfunktion in einigen Aktien marktnähere Kurse aufweist als Frankfurt. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung widersprechen diesen Thesen nicht.

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Nippel, Peter
„Die Finanzierung von Realoptionen unter Informationsasymmetrie“

In einem Modell mit Informationsasymmetrie zwischen der Unternehmensleitung und externen Kapitalgebern werden die von der Finanzierung ausgehenden Anreize auf die Entscheidung über die Ausübung einer Realoption, d.h. die Wahrnehmung einer Investitionsmöglichkeit betrachtet. Dabei wird berücksichtigt, daß Finanzierungsbeziehungen in dem Zeitpunkt der Investition in die Realoption und dem der möglichen Ausübung begründet werden können. Mit diesen Finanzierungsbeziehungen können entgegengesetzte Anreize auf das Investitionsverhalten der Unternehmensleitung einhergehen. Es zeigt sich, daß bei geeigneter Gestaltung der Finanzierung sichergestellt werden kann, daß die Realoption genau dann ausgeübt werden kann, wenn dies auch gesamtwirtschaftlich vorteilhaft ist. Somit entstehen also trotz Informationsasymmetrie keine Wohlfahrtsverluste. Im Anschluß an die eigentliche Modellanalyse wird diskutiert, inwieweit dieses Ergebnis robust gegenüber möglichen Erweiterungen ist.

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Swank, Job
„Wie stabil ist die Translog-Kostenfunktion bei mehreren Produkten? Eine Dokumentation des niederländischen Bankensektors“

Dieser Beitrag untersucht auf der Grundlage einer heterogenen Stichprobe niederländischer Banken die Stabilität der Translog-Kostenfunktion bei mehreren Leistungen im Banksortiment. Es wird gezeigt, daß die zugrunde gelegte hybride Form dieser Kostenfunktion sich zur Abbildung der Produktions- und Kostenstruktur von Mehrproduktbanken nicht eignet. (Dies könnte nahelegen, Ein- Produkt-Banken und filiallose Institute aus der Stichprobe herauszunehmen.) Im Gegensatz zu den meisten anderen Bankkostenuntersuchungen erweist der vorliegende Beitrag, daß die Durchschnittskostenkurve der Banken in der Stichprobe L-förmig und nicht U-förmig verläuft. Es ergeben sich im Zuge der vorliegenden Untersuchung signifikante Wirtschaftlichkeitsnachteile (diseconomies of scope) bei der Verbindung von Kreditgeschäft und Einlagengeschäft in einem Banksortiment. Dies deutet darauf hin, daß der niederländische Bankensektor kein natürliches Monopol kennt.

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